Absurdistan in der Karibik: Der große Benzinschmuggel

Am Grenzübergang Paraguachón stehren sie schon mit ihren Benzinkanistern parat (Foto: elheraldo.co)

 

Von Georg Ismar

Paraguachón , 9. Oktober 2017 – Ein indigenes Volk lebt in der Karibik im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien. Die Wayuu profitieren vom Chaos in Caracas und machen Kasse mit Billig-Benzin – was die Krise in Venezuela noch verschärft. Unterwegs auf den Spuren der Benzinschmuggler.

Das Auto erinnert an Kuba. Der rote Chevrolet ist Baujahr 1977, er steuert auf die Grenze Venezuelas mit Kolumbien zu. Nur Fußgänger dürfen sie passieren. „Wir nehmen einen Schleichweg“, sagt Alfredo. 300 Meter vor dem Schlagbaum geht es rechts von der Straße ab. Was jetzt folgt, ist das wohl engmaschigste Mautnetz der Welt. Zwei Kilometer, über zwanzig Mautstellen. Dann biegt der Chevrolet wieder auf die Straße. Willkommen in Kolumbien.

Zwei Dinge sind bemerkenswert. Erstens: Jeder kennt den Schleichweg. Die venezolanische Grenzpolizei schaut weg. Die offizielle Begründung ist, dass das Gebiet einem indigenen Volk – den Wayuus – gehört, die besondere Autonomie genießen. Diese wird von den Wayuu-Familien genutzt, um mit Seilen die „trochas“ genannten Schleichwege etwa alle hundert Meter zu versperren. Der Fahrer reicht ein paar Scheine aus dem Fenster, weiter geht es. Kurz vor der kolumbianischen Grenze nimmt die Besiedlung zu, also gibt es alle 20 Meter ein Mautseil.

Zweitens: Es gibt regen Verkehr, während die Grenze in der Mittagssonne vor sich hindämmert. Hier läuft einiges anders, als es dem normalen Rechtsverständnis entspricht. Schmuggler sagen offen, dass die Polizei geschmiert wird. Pickups fahren hierher, die jeweils tausende Liter Benzin rüberschmuggeln. Das meiste gelangt problemlos über die Grenze – letztens tauchten sogar 4200 Kilogramm Rinderhaut, die aus Venezuela geschmuggelt worden waren, in Kolumbien auf.

Alfredo ist ein Stoiker vorm Herrn. Geldschein um Geldschein wirft er aus dem Fenster, um die grüne Grenze passieren zu können. Dabei redet er nur das Allernötigste. Am Ende ist Alfredo 6000 Bolivares ärmer, was angesichts der höchsten Inflation der Welt umgerechnet nur 20 Cent sind. Die Korruption fängt hier schon an der Grenze an.

Venezuela, 2017: Das Land mit den größten Ölreserven wandelt sich nach Meinung von EU und USA immer mehr zur Diktatur, zum „zweiten Kuba“. Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro unterstellt US-Präsident Donald Trump neuerdings Mordpläne gegen seine Person. Nach Angaben der Welternährungsorganisation hungern 13 Prozent der Menschen in Venezuela, auch „Saudi-Arabien Südamerikas“ genannt. Medikamente fehlen, die Kindersterblichkeit ist rasant gestiegen.

Anarchie – Sinnbild der Krise

Aber während in Kuba zumindest die staatlichen Kontrollmechanismen funktionieren, herrscht hier eher Anarchie – ein Sinnbild der Krise. Denn die Misere hat auch mit diesem Absurdistan in der Karibik zu tun, hier in der Region La Guajira. Während die Gelder fehlen, um zum Beispiel genug Mehl zum Brotbacken einzuführen, wird das Benzin mit geschätzt bis zu zehn Milliarden US-Dollar im Jahr subventioniert.

Normalbenzin kostet in Venezuela 9,5 Bolivares pro Liter. Der Schwarzmarktkurs für einen Euro beträgt derzeit rund 30 000 Bolivares. Das bedeutet, dass man für einen Euro rund 3000 Liter tanken kann. Wasser ist um einiges teurer. Da das Land aber so daniederliegt, dass es nicht mehr genug Raffineriekapazitäten gibt, muss sogar Benzin aus dem Ausland eingeführt werden. Das kostet viel Geld. Geld, das für das Allernötigste der Menschen im Land fehlt.

Und hier am Grenzübergang Paraguachón wird das Benzin, das billigste der Welt, rüber nach Kolumbien geschmuggelt. Teuer subventioniertes Benzin, mit dem die Wayuu derzeit gutes Geld machen. Die Volksgruppe lebt in La Guajira seit Jahrhunderten in verstreuten Siedlungen und ist bekannt für ihr Kunsthandwerk – es gibt aber auch viele Probleme wie Alkoholismus. Bekannte fahren das Benzin von Maracaibo hierher, berichtet der Wayuu Franklin López (17), der das Benzin hinter der Grenze verkauft. Warum die Polizei nichts macht? „Das ist kulturell bedingt“, lacht er – die ganze Region hat etwas anarchisches. López lebt an der Straße in einer Hütte, die Schule hat er abgebrochen.

Tankstellen rosten vor sich hin

Der alte, klapprige Chevrolet von Alfredo fährt in Maicao ein, der ersten größeren Stadt auf kolumbianischer Seite. Überall riecht es nach Benzin, Verkäufer haben Kanisterwände errichtet, Autos halten an. Mit dem Mund wird das Benzin angesaugt, dann strömt der goldgelbe Treibstoff aus den Kanistern in die Tanks. Daneben befinden sich Tankstellen, die vor sich hinrosten. Dutzende sind aufgegeben worden, weil keiner mehr dort tankt. An den mobilen Tankstellen der Wayuu gibt es den Liter für 400 kolumbianische Pesos (11 Cent), den Kanister mit 25 Litern für 10 000 (2,75 Euro). Immer noch unglaublich billig – auch dank der Inflation auf der anderen Seite der Grenze.

Die Wayuu bekommen Konkurrenz durch die vielen geflüchteten Menschen aus Venezuela, die nun auch in das Benzingeschäft einsteigen. Der Schmuggel boomt, während aus der nur 120 Kilometer entfernten Stadt Maracaibo im August berichtet wurde, dass im Zoo zwei Pekaris (Nabelschweine) gestohlen worden seien, um sie zu töten und zu essen.

Einer der „neuen“ Benzinhändler ist Ider Villalobos (20), der aus der Ölmetropole Maracaibo stammt. „Wir müssen ja irgendwas essen“, sagt er. Bis zu 100 000 Pesos (27,50 Euro) am Tag verdient er. Durch die Krise sei die Benzinmenge massiv gestiegen – wegen der Inflation und dem wertlosen Bolivar versucht man damit kolumbianische Pesos zu verdienen. „Eine andere Arbeit finde ich hier nicht“, sagt Villalobos und saugt Benzin an. Er will mit dem Benzinhandel auch seine Eltern zu Hause über die Runden bringen. Der Schmuggel ist ein lukratives Geschäft. Millionen Liter sollen täglich über die Grenze wandern.

Je weiter weg von der Grenze, desto teurer wird das Schmuggelbenzin, weil Kolumbiens Polizei außerhalb von Maicao mehr kontrolliert. In Maicao landen inzwischen auch viele Medikamente aus Venezuela auf dem Schwarzmarkt – während drüben Mütter verzweifelte Aufrufe im Internet machen, ob jemand noch Epilepsiemedikamente für die Tochter hat.

Venezuelas Krise mit all ihren Absurditäten setzt sich hier fort. Aber die ganzen Schmuggelgeschäfte passen sich ein in die Geschichte La Guajiras: Es gibt hier eine gewisse Tradition mit illegalen Aktivitäten. Von 1974 bis 1980 machte die Gegend mit der „Bonanza de Marihuana“ Schlagzeilen, rund 19 000 Hektar Anbaufläche. Statt Geld zu zählen, wurde es gewogen, so viel wurde mit dem Marihuana-Anbau verdient. Damals roch es hier überall nach Gras – statt nach Benzin. (dpa/dmz/hl)

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