Deutscher Förster in Brasilien: Herr über riesiges Regenwald-Schutzgebiet

Christoph Jaster leistet wahre Sisyphus-Arbeit, um den Regenwald zu schützen (Foto: Alessandra Lameira / Parque Nacional Montanhas do Tumuqumaq)

 

Von Georg Ismar

Macapá, 18. Dezember 2017 – Er soll ein Gebiet fast so groß wie die Niederlande schützen. Der aus Deutschland stammende Förster Christoph Jaster ist in Brasilien Herr über eines der größten Regenwald-Schutzgebiete der Welt.

Was bleibt Christoph Jaster anderes übrig, als zu „priorisieren“. Er ist zuständig für ein Gebiet, das knapp 40 000 Quadratkilometer groß ist – fast so groß wie die Niederlande. In Zeiten, in denen die Waldrodung und die Zahl illegaler Goldminen in den Weiten des brasilianischen Regenwaldes rasant zunehmen, wird die Aufgabe, ein Schutzgebiet wie den Tumucumaque zu schützen, immer mehr zur Sisyphos-Aufgabe.

Geboren ist Jaster in Cochem an der Mosel, die Familie verschlug es wegen eines Entwicklungshilfe-Jobs des Vaters nach Südbrasilien. In Curitiba studierte Jaster Forstwirtschaft. Er erwarb die brasilianische Staatsbürgerschaft, bestand die Aufnahmeprüfung bei der Umweltbehörde Ibama und kam 2003 hier in das nordbrasilianische Macapá, wo er im Auftrag des Umweltministeriums für den Schutz des Amazonas-Nationalparks Tumucumaque zuständig ist.

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Das war zunächst nicht seine erste Wahl – hier liegt ziemlich der Hund begraben. Aber Jasters Revier ist auch einzigartig und eines der größten Regenwaldschutzgebiete der Welt. Mittendrin – nach mehreren Tagen Reise – kann man ein altes Kreuz finden, mit Hakenkreuz und der Inschrift: „Joseph Greiner starb hier am 2.1.36 den Fiebertod in Dienste deutscher Forschungsarbeit.“

Der Biologe Otto Schulz-Kampfhenkel hatte entlang des Jary-Flusses im Auftrag des Deutschen Reichs zwischen 1935 und 1937 eine geheimnisumwitterte Expedition geleitet und ein Buch darüber verfasst („Rätsel der Urwaldhölle“). Angeblich sollte im Urwald nach Möglichkeiten für eine Nazi-Invasion im unbewohnten Amazonasgebiet, eine Art Brückenkopf, gesucht werden.

„Die geografischen Angaben der Expedition sind sehr exakt und interessant“, sagt Jaster, 53 Jahre alt. In seinem Büro breitet er eine große Karte aus, ein Geflecht aus vielen Flüssen und nur wenigen Straßen ist zu sehen. Der Tumucumaque erstreckt sich entlang der Grenze Brasiliens mit Französisch-Guayana und der früheren niederländischen Kolonie Suriname, 360 Kilometer breit und 320 Kilometer lang.

„Wir sind total unterbesetzt“, sagt Jaster. Eigentlich sind sie nur zu zweit. Eigentlich sind Jagen, Fischen und Abholzen verboten. Aber das Gebiet ist nach diversen Sparrunden im Land immer schwerer zu kontrollieren. Weltweit steht die Regierung von Präsident Michel Temer in der Kritik, weil sie Schutzgebiete aufweicht, Wirtschaftsinteressen Vorrang gibt und bei Verstößen wegschaut. Zuletzt kam es wiederholt auch zu Massakern an Ureinwohnern im Amazonasgebiet.

Expeditionen in das Gebiet dauern gern mal mehrere Wochen. Derzeit steht ein Bio-Monitoring mit 15 Helfern an, um zu untersuchen, wie sich die Zahl der Säugetiere, bestimmter Schmetterlinge und von Indigenas gejagter Vögel entwickelt hat. Immer wieder müssen die Boote wegen Stromschnellen und Niedrigwasser getragen werden. In den Weiten des Amazonasgebiets entscheidet sich auch mit, ob die Umsetzung des Klimaabkommens von Paris gelingt. Mit seiner Funktion als Kohlenstoffspeicher ist der Regenwald ein großer Mosaikstein im globalen Klimageschehen.

Doch vielerorts schreitet die Abholzung voran – auch, um den Fleischhunger anderer Länder zu stillen. In großem Stil weichen Waldflächen Soja-Anbauflächen für Tierfutter. Der Unkrautvernichter Glyphosat wird fast nirgendwo so intensiv eingesetzt wie in Brasilien. Rund um die Sojafelder sind kaum noch Vögel zu hören oder Insekten zu sehen.

Im Bundesstaat Amapá, wo Urwaldförster Jaster tätig ist, ist das Problem noch nicht so akut, da die Gegend für den Abtransport edler Tropenhölzer und den Sojaanbau zu abgelegen ist. Zudem gibt es keine großen Häfen in der Nähe. „Aber es ist im Kommen“, sagt er.

Noch sind 90 Prozent der Fläche mit Wald bedeckt – der höchste Anteil in ganz Brasilien. Aber auch im Tumucumaque nehmen die illegalen Tätigkeiten zu. Goldminen werden errichtet. Auch dafür müssen Bäume weichen. Das bei der Förderung eingesetzte Quecksilber vergiftet die Flüsse. Indigenas sprechen bereits vom „Peixe mercurio“, vom „Quecksilber-Fisch“.

Jaster zeigt auf der Karte Lourenço am Rande des Nationalparks, es gilt als das älteste Goldgräberdorf Amazoniens. „Das ist quasi eine Mondlandschaft.“ Dort, wo es illegale Siedlungen gibt, kann man vorbeischauen, aber ändern tut sich nichts. Es fehlt an Strafverfolgungsdruck. Und dann ist da noch die Bürokratie.

Eine Aufgabe von Jaster ist auch, Besuchergruppen zu begleiten. Es ist ein einmaliges Erlebnis in fast noch unberührter Natur. Nur 1000 bis 2000 Leute leben in dem Gebiet. Wo sonst viele den Tourismus kritisch sehen, hätte Jaster gern mehr davon. Die kleinen Flussgemeinden könnten profitieren – und würden dank der Einnahmen womöglich zu Umweltschützern. Sie könnten in der Folge den Druck auf Goldgräber erhöhen, zu verschwinden, so Jasters Hoffnung.

Wenn es gut läuft, ist der Forstwirtschaftler von einem Monat eine Woche im Wald statt im Büro in Macapá. Trotz Widrigkeiten, Sparzwängen und Rückschlägen sagt er darum: „Eigentlich ist es ein Traumjob“. (dpa/dmz/hl)

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