Deutsche Spitzenwinzer zeigen ihre besten Lagen online

Virtuell zum Weinberg – kosten müssen die Weinfreunde die edlen Tropfen aber selbst noch (Foto: vdp.de)

 

Mainz, 23. Januar 2018 – Sie heißen Katzenbeißer, Himmelreich oder Goldberg: Lagen spielen im Weinbau eine zunehmend große Rolle. Nun gibt es ein neues Projekt, das potenzielle Kunden virtuell in den Weinberg reisen lässt.

Transparenz soll Kunden locken. Verbraucher können sich heutzutage ihren Braten schon als Ferkel aussuchen und aufwachsen sehen. Beim Kaffee informieren Produzenten, welche Kleinbauern-Kooperativen die Bohnen herstellen. Und auch die Winzer erklären zunehmend: Von diesem Hang kommt der Wein, auf diesem Boden stehen die Reben, so viel Sonne scheint dort. „Klarheit über den Herstellungsprozess und die Herkunft der Zutaten“ ist nach Angaben des Bundeszentrums für Ernährung einer der Trends des Jahres 2018.

Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), das sind die selbst ernannten Spitzenwinzer, gibt Weintrinkern künftig genau Auskunft über den geografischen Anbauort. Von diesem Montag an sehen Interessierte in einem Online-Kompendium, in welchen Lagen der Wein wächst. Fotos zeigen die Weinberge, Texte beschreiben zum Beispiel ein „Wechselspiel der Wärme der Südostlage mit den kühlenden Winden“ oder einen „mittel- bis tiefgründigen, humosen Böden aus Muschelkalkmergel“. Die Nachfrage nach solchen Informationen sei sehr hoch gewesen, sagt Katja Apelt vom VDP in Mainz.

Die Basis-Karten mit den einzelnen Lagen hat das Deutsche Weininstitut (DWI) erstellt. „Die Winzer rücken die Lage vermehrt in den Fokus. Dabei geht es ihnen auch um Abgrenzung, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie können ihre Individualität herausarbeiten, können eine Geschichte erzählen und erläutern, warum ein Wein so schmeckt wie er schmeckt“, sagt DWI-Sprecher Ernst Büscher in Bodenheim. Die Lagen seien auch erlebbar, etwa wenn die Kunden mit den Winzern rausfahren, den Boden sehen und das Klima spüren könnten.

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Zahlreiche Winzer benennen ihre Weine in einer aufsteigenden Qualitätspyramide etwa als Gutsweine, Ortsweine oder Lagenweine. „Es geht darum, den Boden, das Klima, den Einfluss des Mikroklimas schmeckbar zu machen“, sagt Büscher. Die Trendvokabel dazu lautet „Terroir“.

International ist es absolut üblich, nach der Herkunft zu unterteilen. „Auch in Deutschland war das historisch von besonderer Bedeutung, vor 1971 gab es tausende Lagen. Für die Winzer war es extrem wichtig, wo der Wein herkam. 1971 dann wurden größere Einheiten geschaffen, um den Markt zu straffen“, erklärt Otmar Löhnertz, Leiter des Instituts für Bodenkunde und Pflanzenernährung an der Hochschule Geisenheim. Bei der Beurteilung der Qualität stand dann meist der Zuckergehalt des Mostes im Vordergrund, mit Prädikaten wie Kabinett, Spätlese, Auslese oder Beerenauslese.

Nun also die Rückbesinnung auf Bodenbeschaffenheit, Hangneigung, Wasserhaushalt. „Wir haben das Ziel, auch eine App zu entwickeln, mit der Weinliebhaber etwa bei einer Wanderung sehen können: Aha, hier stehe ich in der Lage ‘Ungeheuer’„, erklärt Sonja Reinbold vom VDP. Oder man könne einen QR-Code auf den Etiketten der Flaschen integrieren, der zur Lage online führe, vielleicht irgendwann auch mit aktuellen Infos zum Wetter am Hang oder historischen Karten.

Bei dieser Art der Vermarktung gehe es natürlich um die Spitze des deutschen Weins, sagt Professor Löhnertz. Bei einem Cuvée aus deutschen Landen spiele das keine Rolle. Außerdem gibt Löhnertz zu bedenken, dass nicht nur die Lage entscheidend ist, sondern auch der Weinstil. „Wenn die Herkunft in der Zukunft eine größere Rolle spielt, dann dürfen Sensorik und Qualität nicht nachgeordnet werden.“ (dpa/dmz/hl)

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