Fernkälte statt Klimaanlage: Kühlzentralen sparen Geld und CO2

Rohre einer Gebäude-Klimaanlage (Foto: O. Fischer  / pixelio.de)

 

Von Rolf Schraa

Dortmund/Berlin, 26. August 2017 – Ein kühles Büro im Sommer – das geht auch ohne brummende Klimaanlage an der Wand. Zentrale Kühlanlagen und kilometerlange Rohrsysteme mit kaltem Wasser sparen Geld und CO2, sagen Fachleute. Kein Wunder, dass die Technik in Deutschland immer häufiger zum Einsatz kommt.

30 Grad im Hochsommer – da läuft in vielen Büros die Klimaanlage auf Hochtouren. Das verbraucht teuren Strom und produziert entsprechend viel CO2. Dabei gibt es eine klimafreundliche Alternative: Mit Fernkälte lässt sich nach Einschätzung von Fachleuten – je nach Anlage – etwa die Hälfte der verbrauchten Energie und damit viel Geld sparen. Der CO2-Verbrauch kann um bis zu 75 Prozent sinken.

Die Technik ist alles andere als eine Öko-Spinnerei – in vielen deutschen Städten ist sie bereits im Einsatz: Der Zentralrechner der RWTH Aachen wird inzwischen genauso zentral gekühlt wie das Berliner Abgeordnetenhaus und das Universitätsklinikum in Heidelberg. Der Fernwärme- und Kälteverband AGFW verzeichnete in seinen jüngsten Erhebungen bei den deutschen Stadtwerken bereits 251 Megawatt angeschlossene Kühlleistung in Fernkälteanlagen. Ende 2011 waren es noch 160 Megawatt.

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Das Grundprinzip funktioniert wie bei den bekannten Fernwärmenetzen, nur dass nicht heißes, sondern auf wenige Grad heruntergekühltes Wasser durch unterirdische Rohrsysteme fließt und die Gebäude kühlt. Brummende Klimakästen im Keller und auf den Dächern von Hochhäusern, Hochschulinstituten oder Hotels werden damit nicht mehr gebraucht. Die Kälte kommt aus großen Klimazentralen.

Das lohnt sich vor allem bei Großeinrichtungen mit sehr vielen Abnehmern wie etwa an der Technischen Universität Dortmund mit ihren gut 34 000 Studenten und – einschließlich mitversorgter Einrichtungen – rund 100 Einzelgebäuden. „Hörsäle, Labors, die Mensa – zwei Drittel der Gebäude brauchen Kühlung“, erläutert TU-Techniker Fredy Schad. Der Bedarf wachse ständig, weil immer mehr Computer-Server mit hohem Kühlungsbedarf eingesetzt würden.

Die TU erzeugt mit einem Blockheizkraftwerk Strom für den Eigenverbrauch und nutzt die Abwärme aus dem Kraftwerk mit sogenannten Absorptionskältemaschinen für die Kälteerzeugung. Diese kühlen Wasser wie in einem Kühlschrank – nur dass der Prozess nicht mit Strom und einem Kompressor, sondern mit der überschüssigen Wärmeenergie angetrieben wird. Die Universität baue wegen des wachsenden Bedarfs ihr Kältenetz aktuell deutlich aus, sagt Schad. Ein wichtiges Argument dabei: Wenige zentrale Aggregate seien viel leichter und kostengünstiger zu warten als Hunderte Einzelgeräte.

In Innenstädten verläuft der Ausbau bundesweit oft noch schleppend, weil für das Verlegen neuer Kälterohre die Straßen aufgerissen werden müssten. Das sei oft zu teuer, sagt Boris Lubinski vom Fernwärme- und Kälteverband AGFW. Das gelte aber nicht für Städte mit sehr hohen Immobilienpreisen wie München. Dort lohne sich die Fernkälte teils auch für Büro- oder große Mietsgebäude – wenn Kühlgeräte in den Häusern selbst wegfielen, werde teurer Platz gespart.

Die Münchner Stadtwerke profitieren außerdem vom Zugang zu kühlem Wasser über einen unterirdisch fließenden Stadtbach und Düker des städtischen U-Bahnnetzes. Das 2004 gestartete Münchner Fernkältenetz mit seiner Zentrale unter dem Stachus ist bereits 24 Kilometer lang und soll nach den Plänen der Stadtwerke weiter ausgebaut werden.

Deutschlands größte Fernkälteanlage steht am Potsdamer Platz – „der größte Kühlschrank Berlins“, schreibt der Betreiber Vattenfall stolz. Hier konnte der Energiekonzern beim Neubau des Areals die Wasserrohre gleich zu Anfang verlegen und musste keine Straßen aufreißen. Seit 1997 wurden bereits 70 Millionen Euro investiert, sagt Vattenfall-Sprecher Olaf Weidner. 12 000 Büros und mehr als 1000 Wohnungen würden aktuell über das Kältenetz gekühlt, der Bedarf habe allein von 2015 auf 2016 um ein Zehntel zugelegt. 9000 Tonnen CO2 würden im Vergleich zu Einzel-Klimaanlagen jedes Jahr gespart, rechnet Vattenfall vor. (dpa/dmz/hl)

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