Auf dem Jakobsweg zum Welterfolg – Paulo Coelho wird 70

Immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens: Der Schriftsteller Paulo Coelho (Foto: Wikipedia)

 

Von Thomas Burmeister

Zürich, 23. August 2017 – Menschheitsfragen beschäftigen Schriftsteller immer wieder. Kaum einer war dabei so erfolgreich wie Paulo Coelho. Millionen Leser warten ungeduldig auf jedes neues Buch – während Kritiker ihre Klingen wetzen. Selten hat ein Bestsellerautor so unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen wie Paulo Coelho. An diesem Donnerstag (24. August) wird der Brasilianer 70 Jahre alt.

Millionen von Lesern verehren ihn als Magier des Wortes, gar als schreibenden Erlöser. Seine Bücher wie „Der Alchimist“, „Der Zahir“, „Aleph“ oder „Die Schriften von Accra“ gelten Menschen auf allen Kontinenten als Wegweiser bei der Suche nach nichts geringerem als dem Sinn des Lebens. Kritiker hingegen, gerade auch in Deutschland, haben Coelho oft verrissen. Dem sagenhaften Erfolg des Brasilianers konnte das freilich kaum etwas anhaben.

Unter den lebenden Autoren hat allein „Harry Potter“-Schöpferin J.K. Rowlings deutlich mehr Bücher verkauft. Die Bilanz des 1947 in Rio de Janeiro geborenen Schriftstellers sieht laut seinem Zürcher Verlag Diogenes so aus: 215 Millionen Bücher in 81 Sprachen. „Aber mir ging es nie um Geld oder Ruhm, sondern darum, Ideen, von denen ich denke, dass sie relevant sind, mit möglichst vielen Menschen teilen zu können“, sagte Coelho dem Magazin „Focus“ 2014. Früher gab er oft Interviews. Wohl auch, weil er hoffte, sich Journalisten und gnadenlosen Kritikern besser verständlich machen zu können.

Heute lehnt der Bestsellerautor, der mit „der Liebe meines Lebens“, der brasilianischen Malerin Christina Oiticica (65) verheiratet ist und in Genf lebt, Interviews meist ab. Er setzt ganz auf die Kraft seines Werkes – und seiner Botschaften über Twitter, Facebook & Co. Längst hat sich für Coelho ein Traum erfüllt, den er – nach eigenem Bekunden – als schwächlicher, unsportlicher 14-Jähriger hatte, als er sich hässlich fühlte und darunter litt, dass die Mädchen ihn ignorierten: ein weltweit gelesener Autor zu sein. Und zwar gegen den Widerstand der Eltern.

Vater Pedro Coelho wollte, dass Paulo wie er Ingenieur wird. Die Flausen sollten ihm in einer psychiatrischen Anstalt ausgetrieben werden, darunter mit Elektroschocks und Psychopharmaka. Später kamen andere schlimme Erfahrungen hinzu: Folter in der Zeit des brasilianischen Militärregimes, gegen das er mit Songtexten aufbegehrte, Drogen, bizarre Experimente mit schwarzer Magie und Satanismus sowie Zusammenbrüche begleiteten Coelhos Sinnsuche als Sozialrebell sowie Rock- und Theaterautor. Bis er eines Tages in der KZ-Gedenkstätte Dachau am Wendepunkt seines Lebens ankam.

Die „Geburt des Schriftstellers“

„Obwohl er sein erstes Buch erst 1987 veröffentlicht, wird der Schriftsteller Paulo Coelho bereits am 23. Februar 1982 im Konzentrationslager von Dachau geboren“, hielt sein anerkannter Biograf Fernando Morais fest („Der Magier“, 2008 bei Diogenes erschienen). Konfrontiert mit der Leidensgeschichte der Nazi-Opfer holen Coelho die Dämonen seiner psychiatrischen Schockbehandlung und der Folterhaft ein. Als flüchtige Erscheinung in Dachau und später auch real in Amsterdam begegnet Coelho einem französischen Manager des Philips-Konzerns und „Meister“ eines geheimnisvollen katholischen Ordens.

Der Mann, den er nur Jean nennt, wird für den Brasilianer zum Mentor. Von Jean lässt er sich als Durchhalteübung sieben Monate ohne Sex und Selbstbefriedigung verordnen. Von ihm lässt er sich auf den Jakobsweg schicken. Das Tagebuch seiner Pilgerreise wird zu Coelhos erstem erfolgreichen Buch. Schon das nächste macht ihn weltberühmt. Mit „Der Alchimist“, 1988 erschienen, avanciert er zum Kultautor der Sinnsuchenden. Es ist die Geschichte des einfachen und anständigen Hirten Santiago, der von Andalusien nach Ägypten zieht, um einen Goldschatz zu suchen, von dem er am Ende erfährt, dass er in seiner Heimat unter einer Kapelle vergraben liegt.

Gleichnisse, Fabeln, Symbolik und Mystik

Die Suche nach Sinnhaftigkeit, Erkenntnis, Lebensglück und Erfüllung zieht sich durch die meisten Werke Coelhos. Freilich nicht selten in Spruchweisheiten, die abgedroschen klingen. „Besiegt ist nur, wer aufgibt“, lässt er einen Weisen in „Die Schriften von Accra“ (2013, Diogenes) sagen. Und: „Wunder öffnen Türen, zu denen niemand einen Schlüssel hat.“ Das Bedürfnis nach Harmonie und Höherem ist weltweit offenkundig groß; und es wird in Zeiten von Krieg, Not, Flucht und sogar atomarer Bedrohung kaum kleiner. Mit seiner sanftmütigen, einfachen Sprache, mit Gleichnissen, Fabeln, Symbolik und Mystik schreibt sich Coelho immer wieder in die Seelen und Herzen seiner Leser, zu denen auch etliche Prominente wie die Sängerin Madonna und der Fußballexperte Oliver Kahn gehören.

Doch was die einen als Seelenbalsam empfinden, wirkt auf andere wie das rote Tuch auf den Stier. Coelho mache Millionen mit „Erweckungsschmonzetten“, wetterte 2005 die „Süddeutsche Zeitung“. Geradezu schamlos stelle er den Stolz auf eine Karriere als „Selfmademan des spirituell verbrämten Schundromans zu Schau“. Als 2012 der stark autobiografisch geprägte Roman „Aleph“ erschien, war in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu lesen, Coelhos Literatur habe „etwas Seelenpornografisches“.

Doch können Millionen von Anhängern irren, die ungeduldig auf jedes neue Buch des brasilianischen Meisters warten? Eines scheint immerhin klar: Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird offen bleiben. Man müsse einfach begreifen, lässt Coelho seinen Weisen in „Die Schriften von Accra“ sagen, „dass diese Frage eine Falle ist, denn es gibt keine Antwort darauf“. (dpa/dmz/hl)

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