Carmen Boullosa und Mike Wallace: Es reicht!

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Mexiko-Stadt, 2. April 2016 – An dieser Stelle werden in loser Folge Besprechungen von aktuellen Büchern über Mexiko erscheinen. Den Anfang machen Carmen Boullosa und Mike Wallace mit ihrem Buch „Es reicht!“, der beste Überblick zum Drogenkrieg, der zur Zeit auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich ist.

Von Jürgen Neubauer

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Es war die große Schlagzeile zu Beginn dieses Jahres: „El Chapo“ Guzman, der mächtigste Drogenboss Mexikos und vielleicht der Geschichte, war seinen Verfolgern ins Netz gegangen. Präsident Enrique Peña Nieto twitterte „Misión cumplida!– Mission beendet!“ und ließ sich im nationalen Fernsehen feiern. Aber „beendet“ war mit dieser Verhaftung natürlich überhaupt nichts. Genauso wenig wie nach der Erschießung von „Tony Tormenta“ oder nach der Verhaftung von „La Barbie“, „La Tuta“ und zahllosen anderen großen und kleinen Drogenbossen, die der mexikanische Präsident und sein Vorgänger seit Beginn des Drogenkriegs Ende 2005 im Fernsehen bejubelt hatten: Der Drogenhandel geht weiter, und mit ihm die Gewalt, die Morde, die Entführungen, die Schutzgelderpressungen, die Korruption, die Gesetzlosigkeit und die Unterwanderung des Staats durch Drogenmilliarden.

In seinem berüchtigten Interview mit Sean Penn hatte es el Chapo selbst vorhergesagt: „An dem Tag, an dem ich nicht mehr da bin, übernehmen andere“*. Es ist das einfachste Wirtschaftsgesetz der Welt: In den Vereinigten Staaten steigt die Nachfrage nach Drogen, der Drogenkrieg lässt die Risikoprämie in die Höhe schnellen, und das Geschäft wird immer lukrativer. Deshalb findet sich immer jemand, der die Nachfrage bedient.

Carmen Boullosa und Mike Wallace: Es reicht!

In dem von verlogenen Fernsehbildern beherrschten Drogenkrieg geht allerdings selbst dieser einfache Zusammenhang unter, und in der ideologisierten Debatte in den Vereinigten Staaten, wie sie jetzt wieder im Vorwahlkampf geführt wird, will ihn sowieso keiner wahrhaben. Umso erfreulicher, dass Carmen Boullosa und Mike Wallace in ihrem Buch „Es reicht!“, das vergangenen Herbst im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist, genau diesen Zusammenhang an den Anfang stellen. Erfrischend stellen die beiden Autoren gleich zu Beginn klar: Der „mexikanische“ Drogenkrieg ist falsch benannt, „da die Ursachen für dieses komplexe Phänomen in Wirklichkeit sowohl auf mexikanischer wie auf amerikanischer Seite zu finden sind.“

Die amerikanische Seite wird in zu vielen Darstellungen einfach ausgeblendet, aber ohne sie wären die Gewaltexzesse, die Mexiko seit mehr als einem Jahrzehnt erschüttern, nicht mehr als ein absurder danse macabre. Es ist das Verdienst der beiden Autoren, einen komplexeren Zusammenhang aufzuzeigen und klar zu machen, dass die Vereinigten Staaten für die Eskalation der Gewalt mitverantwortlich sind, weil ihre Bürger die Drogen nachfragen, weil amerikanische Waffenhändler die Drogenbanden mit Waffen versorgen, aber vor allem, weil eine amerikanische Regierung nach der anderen meint, den Drogenkonsum nicht mit gesellschaftlichen sondern mit militärischen Mitteln bekämpfen zu müssen.

Die Vorgeschichte

Richtig benannt ist der mexikanische Drogenkrieg natürlich trotzdem, weil er auf mexikanischem Boden ausgetragen wird und die Opfer des amerikanischen Drogenkonsums Mexikaner sind. Deshalb konzentrieren sich Boullosa und Wallace auf eine ausführliche Darstellung der Geschichte des Drogenhandels in Mexiko seit Beginn des 20. Jahrhunderts und der Reaktion des mexikanischen Staates. Diese ist allerdings ausgesprochen gelungen, und die Autoren schaffen es, die zahlreichen Quellen zu einer umfassenden und überzeugenden Darstellung zusammenzuführen.

Ihre Schilderung des Aufstiegs der Drogenmafias von den Anfängen während der Zeit der Prohibition in den Vereinigten Staaten; über die von mexikanischen Behörden mal verfolgten, mal gedeckten Banden unter der Herrschaft der PRI; bis hin zur Explosion des Drogenhandels und der Gewalt um die Jahrhundertwende bis heute, stellt vielleicht den besten zur Zeit verfügbaren Überblick dar, zumal auf dem deutschen Buchmarkt. Mit Carmen Boullosa und Mike Wallace hat dieses Thema zwei hochkarätige Autoren gefunden: Boullosa ist Schriftstellerin und hat unter anderem den Anna Seghers-Preis gewonnen, Wallace ist Historiker und Pulitzer-Preisträger, und ihr Buch zeichnet sich durch eine wohltuende Sachlichkeit und Informationsdichte aus.

Der gescheiterte Drogenkrieg

Besonders breiten Raum geben die Autoren dem Drogenkrieg, den der mexikanische Präsident Felipe Calderón kurz nach seiner Amtseinführung im November 2005 ausrief. Zu diesem Zeitpunkt waren die Drogenmafias bereits fest in der Gesellschaft verwurzelt: Unter der durch die neoliberale Wirtschaftspolitik der NAFTA verarmten Landbevölkerung hatten sie Bauern, Fahrer, Schmuggler und Fußsoldaten rekruiert, mit ihren Milliardengewinnen hatten sie weite Teile des Polizei- und Justizapparats unterwandert und sich mit schweren Waffen aus den Vereinigten Staaten eingedeckt.

Die Autoren zeigen, dass Calderón die Drogenmafias vollständig unterschätzte und mit seinem Drogenkrieg auf ganzer Linie scheiterte. Zwar gelang es ihm, zahlreiche Drogenbosse dingfest zu machen, doch damit verschärfte er lediglich die brutalen Machtkämpfe unter den Kartellen und förderte die Entstehung von zwei übermächtigen Kartellen, dem Cartel de Sinaloa von „El Chapo“ Guzmán und den Zetas. Das eigentliche Ziel wurde vollkommen verfehlt: Der Drogenexport in die Vereinigten Staaten ging unvermindert weiter, auf der Straße blieb der Preis für Kokain konstant, was darauf schließen lässt, dass die Ware zu keinem Moment knapp wurde.

Den Preis für diesen unsinnigen Drogenkrieg zahlte die Zivilgesellschaft: Seit Beginn des Drogenkriegs kamen mehr als 100.000 Menschen ums Leben, die immer mächtigeren Drogenbanden terrorisieren ganze Regionen wie Michoacán und Guerrero und verlegen sich auf Entführungen, Schutzgelderpressungen, Raub und Rohstoffdiebstahl. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Hoffnung auf eine neue Drogenpolitik

Leider versäumen es die Autoren trotz der Ankündigung zu Beginn des Buchs, näher auf die Verantwortung der amerikanischen Politik und Gesellschaft für den Drogenkrieg und seine Folgen einzugehen. Man wüsste zum Beispiel gern mehr über die Hintergründe und Motive einer Politik, die systematisch zur Destablisierung lateinamerikanischer Staaten beiträgt. Oder die Logistik, mit der amerikanische Drogenbanden die Ware von der Grenze zu den Wohnheimen der Universitäten und den Banken der Wall Street bringen, wer die großen Gewinne mit den Endkunden macht, und warum das Geschäft so geräuschlos verläuft. (Haben die Banden ihre Territorien besser aufgeteilt? Wie funktionieren die Pakte mit Polizei und Politik?) Das alles beantworten die Autoren nicht.

Für sie ist die Frage interessanter, was die Vereinigten Staaten zu einer neuen Drogenpolitik beitragen können. Dabei sehen sie den Schlüssel in der Legalisierung der Drogen, die den Kartellen ihre Einnahmen und damit ihre Macht nehmen würde. Im letzten Kapitel zeichnen sie die Diskussionen in den Vereinigten Staaten und Mexiko nach, die sich seit Beginn des Jahrzehnts zugunsten einer Entkriminalisierung zu verschieben scheint.

So monierte beispielsweise 2011 die unabhängige Global Commission on Drug Policy, der renommierte Elder Statesmen wie Vicente Fox, George Shultz, Paul Volcker und Kofi Annan angehörten, dass der Drogenkrieg sein Ziel verfehle und nur der Zivilgesellschaft großen Schaden zufüge; deshalb forderten sie eine Legalisierung. Präsident Obama, der in seiner typischen Manier den Drogenkrieg gleichzeitig verurteilt und führt, lehnte dies rundweg ab, doch seit 2012 haben verschiedene Bundesstaaten wie Washington und Colorado einen Anfang gemacht und den Konsum von Marihuana legalisiert.

Seither konnte sich Obama immerhin durchringen, Entzugsbehandlungen in die neue Krankenversicherung aufzunehmen; es war ein erster Schritt, Drogen als Gesundheitsthema neu zu fassen. Besondere Hoffnung setzen die Autoren jedoch auf die Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen, die Mitte April 2016 über eine neue globale Drogenpolitik diskutiert.

Wie dringend nötig eine neue Drogenpolitik ist, und wie wirkungslos die militärische Lösung bleibt, bestätigte kein Geringerer als „El Chapo“. Auf Sean Penns Frage, welcher Staat seinem Verbrechersyndikat seinen Geschäften die meisten Hindernisse in den Weg lege, antwortete er grinsend: „Keiner“. (dmz/jn/hl)

Es reicht! Der Fall Mexiko: Warum wir eine neue globale Drogenpolitik brauchen. Übersetzt von Thomas Wollermann und Gabriele Gockel. 250 Seiten. Verlag Antje Kunstmann.   ISBN 978-3-95614-059-4, € 19,95

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