Adiós, Juan Gabriel: Mexikos Musik-Ikone tritt von der Bühne ab

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Stets stark geschminkt und extravagant gekleidet, begeisterte Juan Gabriel mit seinen Liedern ein Millionenpublikum, zuletzt am Samstagabend in Los Angeles (Foto: Wikipedia)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 28. August 2016 – Das mexikanische Volk  trauert: Juan Gabriel, Mexikos Ikone der Volksmusik, ist tot.  Der Sänger, Komponist und Texter starb am Sonntagvormittag im Alter von 66 Jahren in seinem Haus in Santa Mónica, Kalifornien. Seine Hits wurden in 30 Sprachen übersetzt und von zahlreichen Künstlern in aller Welt gesungen.

Mit mehr als 100 Millionen Alben, war Juan Gabriel Mexikos am besten verkaufter Künstler. Rund 1800 Songs soll der wegen seines extravaganten Stils auch als „Divo de Juárez“ bezeichnete Künstler im Laufe seiner Karriere geschrieben haben. Recuerdos, Vol. II ist das bestverkaufte Album aller Zeiten in Mexiko: Mehr als acht Millionen Tonträger gingen über den Ladentisch, damit brach er alle Rekorde des lateinamerikanischen Musikmarktes.

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Stets begleitet von den Geigen einer großen Mariachi-Kapelle, handeln seine Songs von Liebesglück und Liebesleid. Sie verkörpen die mexikanische Seele mit all ihrer Melancholie, Leidenschaft und Lust am Leiden. Wer in den 1970er und frühen 1980er Jahren, als die Gesellschaft noch Lichtjahre davon entfernt war, Homosexualität zu akzeptieren, geschweige denn zu respektieren, eine echte mexikanische Kneipe (Cantina) besucht hat, wird sich erinnern: Hier saßen die Machos, beseelt von reichlich Bier und Tequila, und vergossen entweder Tränen bei Juan Gabriels Liedern oder verteufelten ihn wutschnaubend als „Maricón“ (Schwulen).

Unvergessen sind Hits wie „Querida“, „Amor Eterno“ oder „Siempre En Mi Mente“ und „Hasta Que Te Conocí“. Sie wurden so geschrieben, dass sie immer passten, auf Männer wie auf Frauen. Und genauso unvergessen (und unerreicht) sind die Interprätationen der Spanierin Rocio Durcal (1944-2006), sei es solo oder im Duett mit ihm. Juan Gabriel, da sind sich alle Mexikaner einig, war der einzige Texter, Komponist und Sänger, der dem legendären José Alfredo Jiménez (1926-1973) das Wasser reichen konnte.

Das Leben von Juan Gabriel war im wahrsten Sinne des Wortes filmreif. Was für ein absurder Zufall, dass ausgerechnet am Abend seines Todes in Mexiko das letzte Kapitel der von Disney produzierten 13teiligen Biographie „Hasta que te conocí“ bei TV Azteca lief.

Juan Gabriel wurde am 7. Januar 1950 als jüngstes von zehn Kindern einer armen Bauernfamilie in Parácuaro im zentralmexikanischen Bundesstaat Michoacán als Alberto Aguilera Valadez geboren. Seine schwere Kindheit und Jugend in bitterer Armut haben ihn geprägt. Er war noch ein kleiner Junge, als sein Vater starb und die Mutter mit ihren Kindern in die Grenzstadt Ciudad Juárez in Chihuahua in Nordmexiko zog.

Erzogen in einem Waisenhaus mit dem makabren Namen „El Tribunal“ (Das Gericht) fand der Junge in dem Handwerkslehrer Juan Contreras einen Mentor, der sein Talent erkannte und ihm nebenbei Gitarrenunterricht gab. Für den jungen Alberto war Don Juan Contreras ein Vaterersatz, dem er zutiefst dankbar war.  Sein Lied „Eternamente Agradecido“ ist seinem Mentor gewidmet. So setzt sich sein Künstlername aus dessen Vornamen Juan und dem seines Vaters Gabriel zusammen. Nach der Schulzeit im Internat  verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Hilfsarbeiten.

Seine schwerste Zeit als Jugendlicher waren die Monate in einem Gefängnis in Ciudad Juárez, nachdem er des Diebstahls bezichtigt worden war. Hier schrieb er seine ersten Texte und Meldodien. In Ciudad Juárez, noch unter seinem Geburtsnamen, hatte er seine ersten Auftritte in Bars und Cabarets, darunter dem „Noa Noa“, dem er den gleichnamigen Hit widmete. Seinen Künstlernamen nahm er 1971 an, nachdem er, auf der Suche nach Kontakten zur kommerziellen Musikbranche, nach Mexiko-Stadt gekommen war.

1971 kam mit  “No tengo dinero“ seine erste Single heraus, die ein großer Erfolg wurde, der erste von unzähligen weiteren, die nicht nur Mexiko erobern sollten. Juan Gabriel wurde vielfach ausgezeichnet, seine Krönung in Mexiko jedoch war sein Auftritt 1990 im Palast der Schönen Künste, Mexikos Kulturtempel schlechthin. Wer hier auftreten darf, gilt als geheiligt. Es blieb nicht bei diesem einen Konzert im Marmorpalast am Alameda-Park, mehrere folgten, zuletzt zu seinem 40jährigen Bühnenjubiläum.

Seine schwere Kindheit und Jugend hat der Ausnahmekünstler nie vergessen. Er gab zehn bis zwölf Benefiz-Konzerte im Jahr, um mexikanische Waisenhäuser zu unterstützen. 1987 gründete er die Stiftung „Semjase“, ein Heim und eine Musikschule für Waisen und sozial benachteiligte Kinder zwischen sechs und 12 Jahren in Ciudad Juárez. Zum Ende des Schuljahres 2015 wurde die Einrichtung wegen finanziellen Mismanagements geschlossen.

Dass Juan Gabriel homosexuell war, durfte er viele Jahre seines Lebens nicht offen zeigen, auch wenn er es nicht verbergen konnte. Seit den 1990er Jahren musste und brauchte er keinen Hehl mehr daraus zu machen, er genoss sichtlich seinen extravaganten und farbenfrohen Kleidungsstil und ließ sich niemals ungeschminkt sehen. Er war nie verheiratet, hatte aber laut Wikipedia (englisch) vier Kinder, von deren Mutter nichts bekannt ist.

Nur ganz verbohrte Homosexuellen-Hasser wagten es in verschiedenen Foren im Internet, ihn noch am Tage seines Todes zu verteufeln – und wurden in ihre Schranken verwiesen. Juan Gabriel war ein musikalisches Genie und ein gefühlvoller Mensch. Er ist viel zu früh von der Bühne abgetreten. Hier Ausschnitte aus seinem letzten Konzert am Vorabend seines Todes in Los Angeles. (dmz/hl)

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