Das Erdbeben von 1985: Der Schreck und die Angst kamen später

Zu Erinnerung an das Erdbeben von 1985 wiederholt die DMZ  eine Reportage, veröffentlicht zum 30. Jahrestag des Erdbebens vom 19. September 1985. – – –

 

Eine Vorstellung von der Zerstörungsktaft des Erdbebens gibt dieses Foto, aufgenommen in der Straße Tehuantepec, zwischen Cuauhtémoc und Toluca, nur ein Block vom Centro Médico (Foto: laprimeraplana.com.mx)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 19. September 2015 – 07:19 Uhr, 19. September 1985. Ich hatte gerade mein Auto aus der Garage geholt. Meine Kinder saßen schon auf der Rückbank, als es los ging. Ein Erdbeben der Stärke 8,1 knallte das kleine Auto immer wieder an die Bordsteinkante. Die beiden Mädchen lachten noch. Auch auf dem Weg zur Deutschen Schule in San Miguel Chapultepec schien noch alles gut. Aber der Schock und die Angst sollten noch kommen.

Der 19. September 1985 schien ein ganz normaler Tag zu werden. Morgends um sieben war die Welt noch in Ordnung. Draußen, von der Metro-Station Chapultepec, drangen die Rufe der Pesero-Chauffeure zu uns hoch: „Mariano Escobedo Cuitláhuac!!!“. An der Tankstelle an der Ecke Avenida Veracruz und Chapultepec hatten sich lange Schlangen gebildet, um mit einem der Peseros zur Arbeit zu kommen. Wie jeden Morgen holte ich mein kleines Auto aus der Garage, meine beiden Töchter, damals vier und sechs Jahre alt, saßen schon auf der Rückbank. Plötzlich ging es los.

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Ich wollte gerade losfahren, als mein Auto immer wieder gegen die hohe Bordsteinkante am Mittelstreifen geknallt wurde, wie ein Pingpongball. Meine Kinder fanden das lustig und lachten. Eine Frau in Panik setzte sich zu uns ins Auto, zitternd vor Angst. Von den modernen Nachbarhäusern fielen Scherben auf den Boden. Die Erde bebte ziemlich lange, mehr als eine Minute dauerte der Spuk. Dann kehrte wieder Ruhe ein und alles schien wieder normal.

Zuerst brachte ich meine Tochter Kathrin in die Deutsche Schule an der Benjamin Franklin, dann ihre kleine Schwester Kirsten zu ihrer privaten deutschen Schule nach Polanco. Alles schien ruhig. Bei meiner Arbeit im Süden der Stadt bei einem deutschen Korrespondenten kam ich jedoch gar nicht mehr an. Der Verkehr war vollkommen zusammengebrochen, nichts ging mehr. Im Autoradio hörte ich eine Schreckensmeldung nach der anderen: Die Studios von Televisa an der Avenida Chapultepec sind eingestürzt, dann das Centro Médico an der Avenida Cuauhtémoc und die gegenüber liegenden Multifamiliares Juárez, dann Tlatelolco, das Hotel Regis in Flammen. Und es nahm kein Ende.

Damals gab es noch kein Mobiltelefon, ich folgte meiner Intuition und fuhr zurück zur Deutschen Schule, wo der Unterricht bereits ausgefallen war. Die Schule wurde als Notlager eingerichtet. Mit Mühe schaffte ich es, Kirsten von Polanco zu holen. Wieder zuhause, klärte uns der Fernseher über die Katastrophe auf. Bei uns war nichts passiert, nicht einmal ein Bild an der Wand hatte sich verrückt, nirgends war auch nur ein Riss in der Wand. Unser Gebäude war auch nur drei Stockwerke hoch, in den frühen 1940er Jahren gebaut und eine wahre Festung. Nachmittags arbeitete ich als Reporterin im Kulturteil der Tageszeitung „Excélsior“ am Paseo de la Reforma, das Gebäude hatte sich noch einmal um ein paar Zentimeter zur Seite geneigt. Im fünften Stock kullerten die Bleistifte vom Tisch. Aber räumen? Nein, das kam nicht in Frage. Es musste gearbeitet werden – nur nicht im Feuilleton und nicht beim Sport. Was sollte man auch über Kultur berichten an jenem Tag und den folgenden?

Nichts ging mehr in der Stadt, in der es noch keinen organisierten Katastrophen- und Zivilschutz gab. Es fuhren keine Metro, keine Busse, keine Peseros mehr. Jeder, der konnte, packte mit an. Die Bilder waren schrecklich. Wie Kartenhäuser waren ganze Gebäude eingesackt, aus den Spalten lugten Matratzen und Gardinen hervor. Ich stellte mir die Menschen vor, wie sie von den einstürzenden Decken begraben wurden, in der Dusche, beim Frühstück. Hinter dem Gebäude von Gobernación, wo damals alle Ausländer ihre Visa beantragen mussten, war eine große Schule eingestürzt. Verzweifelt gruben Männer in den Trümmern auf der Suche nach Söhnen und Brüdern, die Mütter und Schwestern am Straßénrand flehten zum Himmel. Umsonst.

An der Avenida Pino Juárez stürzten mehrere Apartment- und Regierungsgebäude ein. Die Apartments waren von Textilfirmen als Fabriken zweckentfremdet worden, die Maschinen waren zu schwer für die Decken. Hunderte Näherinnen starben in den Trümmern (Foto: visionurbananoticias.com.mx)

Mit Aida, einer Cousine von Kirsten, organisierten wir Hilfe: Wir bereiteten Unmengen Sandwiches und Limonade zu und verteilten das an die Helfer – noch waren keine internationalen Hilfsteams da. Jeder half jedem – die Solidarität war beeindruckend. Klassenunterschiede? Wie weggeblasen.

Einen Tag später bat mich mein Chef, der Korrespondent, nach einer deutschen Bekannten zu suchen, die in meiner Nachbarschaft wohnte, in der Colonia Roma, nur ein paar Straßen entfernt von der Avenida Veracruz. Am späten Nachmittag fand ich das Haus. Es war alles in Ordnung. Das Gebäude war eines jener mehrstöckigen Wohnhäuser, die in den 1960er Jahren gebaut worden waren, lange nicht so stabil wie das Haus, in dem ich wohnte. Hier, im Erdgeschoss, wohnte die junge Frau mit anderen Ausländern in einer WG. Wir setzen uns zusammen, froh, dass uns nichts passiert war.

Ein Mitbewohner machte gerade Wasser heiß auf dem Gasherd, als es wieder losging. Es war 19:38 Uhr. Raus, raus, nur raus, war mein erster Impuls. Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf, ich geriet in Panik, befürchtete, das Gas könnte explodieren, ich hatte Angst um meine Kinder ein paar Straßen entfernt, ich dachte an die Tankstelle gegenüber. Gerade die Colonia Roma war eins der am schlimmsten getroffenen Stadtteile! Der Mitbewohner hielt mich zurück: „Nicht rausgehen, bleib hier, bleib hier.“ Erst als es eine Weile ruhig geblieben und es klar war, dass im Haus nichts passiert war, konnte ich gehen. Ich rannte nachhause, ohne Pause, getrieben von der Sorge um meine Kinder. Aber es war alles in Ordnung. Meine Nachbarn Arturo Schöning und seine Frau Marta Zavaleta, ihre Söhne Diego und Pedro von den „Timbiriches“, mein Au-Pai-Mädchen Lale und meine Kinder waren im Hof versammelt, alle wohlauf. Lange saßen wir an dem Abend zusammen, dankbar für das Leben, das uns vergönnt war.

Unterwegs mit einem Reporter

Später stellte ich mich den deutschen Hilfsteams, die inzwischen angekommen waren, als Übersetzerin zur Verfügung. Ruth Merkel, damals die “Säule” in der Presseabteilung der Botschaft,  wies mir einen Reporter von der „Quick“ aus München zu, den ich in den nächsten Tagen auf seiner Recherche begleiten sollte. Die Bilder, die ich dabei zu sehen bekam, haben sich in meiner Erinnerung festgebrannt.

Eines Abends begleiteten wir ein Team des Technischen Hilfswerks zur Straße La Fragua, zwischen Paseo de la Reforma und der Plaza de la Revolución, wo einige Gebäude eingesackt waren, darunter auch ein ultramodernes Bürogebäude, in dem sich die Auffahrt zu den Parkflächen wie eine Schnecke rollte. Aus dem Gebäude waren Klopfgeräusche zu hören und immer wieder rief eine Frau in einer Telefonzelle an, die unten an der Straße stand.

Aber die Männer, begleitet von einem italienischen und französischen Hilfsteam, konnten nicht ins Gebäude, es war zu unsicher, die Statik zu schwach, es konnte bei der geringsten Berührung zusammenfallen – und die Helfer durften sich nicht selbst in Gefahr bringen. Die Vorstellung, dass dort drinnen Menschen waren, eingeschlossen in ihren Büros, ohne die geringste Chance auf Rettung, war furchtbar. Daran musste ich denken, als die Flugzeuge ins World Trade Center in New York rasten, und daran musste ich denken, als ich vor wenigen Tagen erst in Manhattan an den beiden Becken mit den Wasserfällen stand, die an die Tragödie vom 11 September 2001 erinnern: Diese absolute Hilflosigkeit.

Zwischen Leben und Tod

Wie sehr Leben und Tod Hand in Hand gehen, war im einzigen Krankenhaus zu vergegenwärtigen, das vom Centro Médico stehen geblieben war, es war das älteste Gebäude. Das, was einst als modernste Klinikanlage Lateinamerikas galt, lag in Trümmern. Es war ein Wunder, dass aus der eingestürzten Geburtshilfeklinik noch eine Woche nach dem Beben Neugeborene lebend gerettet wurden. Ich stand mit meinem Kollegen im Flur des alten Krankenhauses und blickte in den Hof: Hier standen Hunderte Särge, große und kleine, in Reih und Glied. Dann wurden wir in die Abteilung für Kinder hineingelassen. Nie in meinem Leben werde ich die hochschwangere Ärztin vergessen, die mit einer unbeschreiblichen Fassung die kleinen Lebewesen versorgte, die aus den Trümmern gerettet worden waren. Babys mit teilweise schweren Verletzungen, mit abgerissener Kopfhaut und mit den Markierungen, die Bauträger auf ihrer Haut hinterlassen hatten, unter denen sie lagen.

Wie durch ein Wunder haben einige Babys noch Tage nach dem Beben aus den Trümmern der Geburtshilfeklinik im Centro Médico lebend gerettet werden können (Foto: dondeir.com)

Der Gedanke, wie die Mütter dieser Kinder, die Ärzte und Schwestern starben, wie viele Frauen in den Wehen lagen, als alles über ihnen zusammenbrach, war schrecklich, fast unerträglich. Aber die Kinder lebten und heute wissen wir, dass sie alle überlebt haben.

Offiziell war von 3.500 bis 10.000 Toten die Rede, Hilfsorganisationen bezifferten die Toten auf etwa 20.000 bis 40.000. Eine Viertel Million Menschen wurden obdachlos, fast eine Million mussten ihre Häuser verlassen.

Die Katastrophe hätte nicht so schlimme Ausmaße haben müssen, wenn Bauvorschriften eingehalten worden wären. Korruption und Geldgier von Bauunternehmern, die mehr Sand in den Beton mischten als erlaubt, die dünnere Stahlträger verwendeten als offiziell deklariert, Immobilienhaie, die mehr Stockwerke bauten als genehmigt, waren dafür verantwortlich. Es war kein Zufall, dass vorwiegend moderne Häuser des sozialen Wohnungsbaus und Regierungsgebäude einstürzten.

Die Gäste und Angestellten des Traditionshotels „Regis“ an der Avenida Juárez hatten keine Chance. Explodierende Gastanks und ein verheerendes Feuer machte alles zunichte, was nach dem Beben noch zu retten gewesen wäre (www.forbes.com.mx)

Mexiko-Stadt hat sich in diesen 30 Jahren, die seitdem vergangen sind, verändert. Die Stadtväter haben aus der Katastrophe gelernt. Es wird nicht nur erdbebensicher gebaut, auch der Katastrophen- und Zivilschutz funktionieren wie ein perfekt abgestimmtes Uhrwerk. Heute kann man sich weitgehend sicher fühlen. An das Erdbeben von 1985 erinnern die vielen Parks, die an der Stelle vieler eingestürzter Gebäude entstanden sind, so der Parque de la Solidaridad neben dem Alameda-Park, wo einst das legendäre Hotel Regis stand, oder der große Park gegenüber dem wieder aufgebauten Centro Médico, wo die Multifamiliares Juárez standen.

„Oh Gott, was für ein Trauma ist das für dich, das wird dich immer verfolgen“, meinte meine Mutter zu mir, als wir zwei Wochen später das erste Mal telefonieren konnten. Nein, ein Trauma wurde es nicht. Aber es hat mich empfindlicher gemacht und ich habe es nicht vergessen. Jedes Mal, wenn ich an den Stellen vorbeikomme von damals, denke ich an die Menschen, die hier begraben wurden. Geblieben sind die Angst bei Erdbeben und das schreckliche Gefühl der absoluten Hilflosigkeit. (dmz/hl)

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