Die da oben, die da unten: Mexikos Volksseele kocht

Erschöpft machen Kinder eine Pause. Das Essen war zuvor aus Kartons verteilt worden – jeweils in „umweltfreundliche“ Styropor-Portionsteller verpackt (Foto: Screenshot)

 

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 18. September 2017 – Es ist lange her, dass zur Zeremonie des „Grito“ auf dem Zócalo von Mexiko-Stadt das Volk freiwillig und fröhlich erschien, um die Unabhängigkeit seines Landes zu feiern. Die Zeiten sind vorbei, und das ist kein gutes Zeichen.

Rund um den riesigen Platz gab es Stände mit Essen und vielerlei patriotischen Symbolen wie mexikanische Püppchen, Flaggen, Tröten, mit Konfetti gefüllten Eiern, um sie staunenden Touristen in den Mund oder auf den Kopf zu knallen. Jeder harrte voller Vorfreude auf den Auftritt des Präsidenten, die legendäre Zeremonie, das spektakuläre Feuerwerk. Es gab noch keine Bühnen mit Stars, um die Zuschauer in Stimmung zu bringen. Man brauchte das nicht. Das Zentrum war auch nicht hermetisch abgeriegelt von Militär und Polizei. Und die Viva-Rufe waren laut und authentisch.

Im vergangenen Jahr durften zwischen all den „Herangekarrten“ aus den Provinzen noch ganz normale Bürger die Kontrollen passieren, solange sie keine Waffen, Wasserflaschen und dergleichen dabeihatten. Es gab teils heftige Proteste, der Präsident wurde als Mörder beschimpft, als Verräter. Ein solches Szenario sollte in diesem Jahr verhindert werden. Es durften nur „geladene Gäste“ auf den frisch renovierten Platz der Verfassung vor dem Präsidentenpalast, gesäumt von der Kathedrale und dem neuen und alten Rathaus der Hauptstadt.

Die „geladenen Gäste des Präsidenten“, wurden zu zigtausenden aus allen Ecken des großen Landes in die Hauptstadt gekarrt, in luxuriösen Bussen. Sie wurden verpflegt, das sogar relativ gut, wie Luz María*, eine der Organisatorinnen der Deutschen Mexiko-Zeitung erzählt, aber ansonsten wie Schäfchen den weiten Weg von ihrem Bus zum Zócalo geführt: Junge Leute, Familien mit Säuglingen und Kindern jeden Alters, Jugendliche, Alte, Behinderte im Rollstuhl oder auf Krücken. Allein aus dem Bundesstaat Mexiko seien 25,000 Menschen nach Mexiko-Stadt gebracht worden, um dem Präsidenten bei der Zeremonie auf dem Balkon des Nationalpalastes zuzusehen, zuzujubeln und „Viva“ zu rufen. Fast 1000 Busse. 3000 Sicherheitskräfte von Polizei und Militär nur rund um den Zócalo.

Aber die zahlreichen auf YouTube gezeigten Aufnahmen zeigen keinen strahlenden Präsidenten. Mit versteinerter Miene und ohne jeglichen spürbaren Patriotismus lässt er die Namen der Unabhängigkeitshelden hochleben, und Kraft kostet es ihn, die Glocke zu ziehen. Die Viva-Rufe vom Platz klingen müde und keine Spur enthusiastisch, und es sind auch nur wenige in der Menge der Tausenden.

„Ich habe das kalte Lächeln unserer First Lady gesehen, einstudiert und zynisch, und die herablassenden Blicke der Familie. Diese Show ist einfach nur zum Kotzen“, erzählt Luz María. Sie gehört zu den tausenden Helfern, meistens Mitarbeiter des Ministeriums für Soziale Entwicklung (Sedesol), die diese Menschen haben ankarren müssen. „Wir arbeiten sechs Tage die Woche, haben nur einen Zeitvertrag von jeweils einem Monat, der Monat für Monat verlängert wird. Wir haben keine Sozialversicherung, keinen Urlaub, wenn wir krank werden, bekommen wir die Tage nicht bezahlt. Aber was sollen wir denn tun?“ fragt sie mich.

Sie kommt aus dem Bundesstaat Morelos, und sie und ihre Kollegen sollten 1000 Leute zusammentrommeln. Sie haben es nicht ganz geschafft, „aber 900 sind ja auch schon eine Menge.“ „Womit werden denn diese Menschen gelockt, was verspricht man ihnen konkret, was bekommen sie bezahlt? frage ich sie.

„In Morelos nichts. Viele kommen einfach mit, weil sie Angst haben, dass sie ihre staatlichen Unterstützungen verlieren“, erklärt Luz, eine junge, kräftige Frau und alleinerziehende Mutter eines kleinen Mädchens. „Und das betrifft besonders viele Frauen, die ihre Familien alleine ernähren, selbst im Alter noch“. Andere kämen aus Familientradition, „weil es immer schon so war“, in anderen Bundesstaaten bekommen sie vielleicht auch ein wenig Geld von der PRI. „Aber soll man sie dafür verurteilen?“ fragt Luz.

Sind sie wirklich „Komplizen der Regierung“?

Sie ist schockiert über die Aggressivität der Hautstädter gegenüber den „Herangekarrten“. „Sie werden beschimpft als Komplizen der korrupten Regierung, als Verräter und sogar Mörder – was sollen die vielen Kinder denken, die dabei sind?“

„Seit wann seid ihr denn hier?“ fragt in einem Video ein als Präsident Enrique Peña Nieto verkleideter TV-Journalist einen kleinen, etwa sieben Jahre alten Jungen: „Seitdem wir angekommen sind.“ Kein Witz, selbst dem Komiker verschlägt es die Sprache. „Und wer hat dich hierhergebracht?“ – „Mein Papa.“ Was sollte der Kleine auch sagen?

Mitten in der Nacht, um 01:00 Uhr, ist Luz mit ihrer Gruppe aufgebrochen; vor dem Aufbruch haben sie noch ein Frühstück – Pozole (Hühnersuppe mit Mais und Kichererbsen) und Tamales (Maisgebäck) sowie ein Getränk bekommen, bei der Einfahrt in Mexiko-Stadt dann eine Art Lunchpaket mit einer „gut belegten Torta“ und Getränke.

Die Zahl der geparkten Busse, manche in zwei Reihen, vom Eje Norte über Paseo de la Reforma Norte und Eje Central sowie einigen Straßen im Zentrum, sprengt alle Vorstellungen. Hunderte Busse, Busse, Busse wohin das Auge reicht. 45 Minuten musste Luz Marías Gruppe bis zum Zócalo zu Fuß marschieren. „Viele konnten dann nicht mehr, legten ihre Kinder einfach auf den Boden und setzten sich daneben. Aber wir mussten sie weitertreiben.“

Um 13:00 Uhr kamen sie in Reichweite des Zócalo. Und dann hieß es erst einmal Schlange stehen, bis 16:00 Uhr, als sie endlich ihren Platz vor dem Nationalpalast zugewiesen bekommen bekamen. Und dann noch einmal sieben Stunden warten auf den „Grito“. Sieben Stunden in der Sonne. Ohne Essen. Ohne Getränk. Bis sie sich auf den Rückweg zum Bus machen konnten, war es bereits 01:00 Uhr in der Früh. Seit gut zwölf Stunden nichts zu essen und nichts zu trinken. Ein Kind in ihrer Gruppe, erzählt Luz, hat einen Sonnenstich und Fieber bekommen.

Wer bezahlt das alles?

Haben die Leute denn nicht doch auch ein kleines Bisschen Spaß gehabt? „Doch, als die bekannteren Musiker anfingen, kam schon ein bisschen Stimmung auf. Das ist ja auch genau so geplant. Das ganze ist ein perfides Spiel mit einer unglaublichen Logistik dahinter. Und wie viele Millionen Pesos muss das gekostet haben? Kannst du dir das überhaupt vorstellen?“ fragt Luz. „Was kostet die Miete für einen Bus und den Fahrer? Was kosten drei Mahlzeiten mit Getränken für 50.000 bis 70.000 Leute? Was kosten die abertausenden Aufkleber und Armbänder, um die Leute zu identifizieren? Und woher kommt das Geld?“ Ohne Aufkleber oder Armbändchen bekam niemand Zutritt zum Zócalo.

„Was passiert mit euch, wenn ihr euch weigert, die Leute zusammenzutrommeln und in die Hauptstadt zu bringen?“, frage ich Luz. “Dann verliert man seinen Job. Und du kannst dich noch nicht mal wehren“, resigniert die junge Frau, die Kommunikation studiert hat und keine andere Arbeit findet. In Morelos, sagt sie, ist das schwierig, wenn man keine „Connections“ hat.

Um 04:00 Uhr morgens kommt sie nachhause, ausgelaugt, kaputt, sie ist blass und – verzweifelt. „Unseren Bus wollten sie an der Avenida Juárez stürmen, ein Familienvater wurde angezündet, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen! Es war so furchtbar. Ich habe gesehen, wie die Demonstranten, die nicht zum Zócalo durften, mit Benzin getränkte Stoffbälle in Richtung der Herangekarrten warfen.“

Wohin soll das noch führen?“, schreit Luz heraus. Sie fängt bitterlich an zu weinen und schaut mich an: „Da siehst du, Herdis, das ist die Realität in Mexiko.“ (dmz/hl)

*Name von der Redaktion geändert

Hier eine Auswahl an Videos zum Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=OfdCT_0amu8 (Ankunft und Busse)

Videoschnitt Busse, Einladung und Verköstigung (ab Minute 2:05))

Wutbürger (sehr heftig)

 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*