Ein Land packt an – Erdbebendrama schweißt Mexiko zusammen

Unmittelbar nach dem Beben mobilisierten sich tausende junge Mexikaner, um Erdbebenopfern zu helfen und Rettungskräfte mit Essen und Wasser zu unterstützen (Foto: maspormas)

 

Von Denis Düttmann und Carmen Peña

Mexiko-Stadt, 21. September 2017 – Das Erdbeben hat Mexiko schwer getroffen. Über 250 Menschen finden in den Trümmern den Tod. Angesichts des Leids rücken die Menschen enger zusammen. Zehntausende packen bei den Aufräumarbeiten mit an.

Mit bloßen Händen räumen die Rettungskräfte Stein für Stein beiseite. Vorsichtig, damit der Trümmerhaufen nicht weiter in sich zusammenstürzt. Auch zwei Tage nach dem schrecklichen Beben werden noch immer lebende Kinder unter Bergen von Zement und Stahl vermutet. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Ein Schäferhund entdeckt ein Mädchen in den Trümmern. „Sie hat den Arm bewegt“, ruft ein Feuerwehrmann. Die Helfer schöpfen neue Hoffnung und graben weiter.

Die Schule Enrique Rébsamen im Süden von Mexiko-Stadt ist zu einem Symbol für die Leiden geworden, die das schwere Erdbeben vom Dienstag über die Metropole gebracht hat. Mindestens 21 Schüler sind in den Trümmern gestorben. „Es ist schrecklich, ganz besonders, weil es noch Kinder waren“, sagt Gilberto Bazán, der den Einsturz miterlebte. Rettungskräfte sagen, bis zu drei Tage könnten Menschen in Trümmern überleben. Das Land bangt, ob noch Kinder geborgen werden können.

Mexiko-Stadt kann hart sein. Eine Mega-City, in der jeder zuerst an sich denkt, wo in der Metro geschubst und an der Kasse gedrängelt wird, in der Menschen ihre Nachbarn oft nicht kennen. Angesichts des katastrophalen Erdbebens allerdings rücken die „Chilangos“ – wie die Hauptstadtbewohner genannt werden – enger zusammen. Tausende Freiwillige kommen zu den eingestürzten Häusern, um Schutt beiseite zu räumen und bei der Suche nach Verschütteten zu helfen.

In Spendeannahmestellen füllen sich die Lager mit Wasser, Konserven, Kleidung und Decken. Selbst im sonst so rauen Straßenverkehr scheint es, als ob die Mexikaner mehr Rücksicht nehmen würden als sonst. Staatspräsident Enrique Peña Nieto spricht von einem entschlossenen Beispiel der Solidarität und des Miteinanders in Zeiten großer Not.

„Wir haben heute 10 000 Sandwiches gemacht und an Erdbebenopfer und Rettungskräfte verteilt“, erzählt Emiliano Robles. Der junge Mann hat mit seinen Freunden aus dem Viertel 25 Lastwagen, Geländewagen und Motorräder organisiert. Nun verteilt die Gruppe Lebensmittel, fährt Bauschutt ab und bringt Freiwillige zu ihren Einsatzorten. „Die Solidarität ist unglaublich, alle wollen helfen“, sagt Robles.

Auf den Trümmerbergen recken die Rettungskräfte immer wieder ihre Fäuste gen Himmel. Es könnte eine trotzige Geste des Widerstands gegen die unbarmherzige Naturgewalt sein. Tatsächlich ist es ein Zeichen, still zu sein, damit das Rufen oder Klopfen den Verschütteten zu hören ist.

Roberto Goméz ist auf dem Weg zum nächsten Einsatz. Mit Atemschutzmaske, einem Bauarbeiterhelm auf dem Kopf und einer Spitzhacke zwischen den Beinen sitzt er auf der Ladefläche eines Pickup-Trucks. „Wir fahren zu einem eingestürzten Haus. Wir sollen dabei helfen, den Schutt von der Straße zu räumen, damit der Verkehr wieder fließen kann“, erzählt der 29-Jährige.

Sein Kollege Brandon Cuevas ist seit Dienstag fast ununterbrochen im Einsatz – um 13.14 Uhr erschütterte das Beben der Stärke 7,1 die Millionenmetropole, rund 50 Gebäude stürzten ein, hunderte weitere haben schwere Risse. „Wir haben Leute aus einsturzgefährdeten Häusern herausgeholt. Ich habe eine alte Frau, die nicht mehr gut laufen konnte, die Treppen heruntergetragen“, berichtet Cuevas.

Überall in der Stadt sind junge Menschen mit Warnwesten, Helmen und Werkzeug zu sehen. Im Stadtteil Coyoacán sitzen derweil mehrere Senioren in ihren Rollstühlen an einer Straßenecke und trinken Cola. „Wir mussten aus unserem Haus raus. Sie sagen, es könnte einstürzen“, erzählt Mercedes Ferrer. Nachbarn stehen vor dem gelben Flatterband, fachsimpeln über Statik und Seismik. „Ich bleibe jetzt erstmal in der Notunterkunft. Da kümmern sie sich um mich“, erzählt Ferrer.

„Dieses Erdbeben ist eine harte Probe und sehr schmerzhaft für unser Land, aber wir Mexikaner haben gelernt, mit dem Geist der Solidarität zu antworten“, sagt Präsident Peña Nieto. Während einer dreitägigen Staatstrauer gedenkt das Land der Opfer des Bebens.

„Schon wenige Stunden nach dem Erdbeben sind die ersten Leute mit Thunfischdosen, Wasser und Brot gekommen“, erzählt Sandra Avila, die die Spenden in einer Annahmestelle entgegennimmt. „Alle wollen helfen.“ Zwar ist der Verkehr wegen gesperrter Straßen noch dichter als normal, aber die Autofahrer lassen Rettungswagen und Lastwagen mit freiwilligen Helfern passieren. Nachbarn organisieren sich und sperren Straßen oder kochen eine warme Mahlzeit für die Helfer.

„Ich bin stolz auf unsere Nachbarschaft“, sagt Abel Rosas, der sich an den Rettungsarbeiten an der Schule Enrique Rébsamen beteiligt. „Es waren junge Leute, Studenten, Nachbarn, die als erste geholfen haben.“ Rosas räumt Trümmer beiseite, verteilt Schaufeln und Spitzhacken an andere Freiwillige. „Ich musste einfach helfen. Das war das Einzige, an das ich gedacht habe.“ (dpa/dmz/hl)

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