Gewalt ohne Ende in Mexikos Unterwelt: Zahl der Morde auf Rekordhoch

Das ist die brutale und hässliche Seite von Mexiko: Ein warnendes Plakat neben zwei Gehängten an einer Brücke über der Zufahrtstraße zum Flughafen in La Paz, Baja California (Foto: elpacifico.com.mx)

 

Von Denis Düttmann und Andrea Sosa

Mexiko-Stadt, 21. Januar 2018 – Eine beispiellose Gewaltwelle rollt über Mexiko hinweg. In den großen Drogenkartellen kämpfen Splittergruppen um die Kontrolle, immer mehr kleine Banden wollen ein Stück vom Kuchen. Was fällt der Regierung zu der desolaten Sicherheitslage ein?

Abgeschlagene Köpfe, aufgeknüpfte Leichen, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Kadaver – die mexikanischen Drogenkartelle senden grausame Botschaften. Es geht nicht nur darum, unliebsame Konkurrenten aus dem Verkehr zu ziehen. Es geht um Machtdemonstration. „Das wird allen passieren, die sich nicht unserem Befehl beugen“, steht auf einem Plakat im Urlaubsgebiet Los Cabos. Daneben baumeln zwei aufgehängte Leichen an einer Brücke. „Damit ist mehr als bewiesen, dass wir alle Macht haben. Hochachtungsvoll. Guzmanes und Tegoripeños.“

Die beiden Banden ringen mit anderen Splittergruppen um die Kontrolle des Sinaloa-Kartells. Seit der Festnahme und Auslieferung von Kartellboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán ist in dem Verbrechersyndikat ein Machtvakuum entstanden. Mit brutaler Gewalt kämpfen die verschiedenen Fraktionen nun um Einflusszonen, Geschäftsanteile und Schmuggelrouten.

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„Vor zehn Jahren wurde die mexikanische Unterwelt von wenigen großen Kartellen dominiert. Die meisten sind mittlerweile implodiert, weil ihre Anführer entweder festgenommen oder getötet wurden“, sagt Sicherheitsexperte Alejandro Hope. „Die neuen kleinen Banden verfügen nicht über so professionelle Logistik- und Finanzstrukturen wie die traditionellen Verbrechersyndikate, aber sie sind weitaus brutaler.“

Eine beispiellose Gewaltwelle hat Mexiko erfasst. Mit 29 168 Tötungsdelikten war das vergangene Jahr das blutigste in den vergangenen 20 Jahren. Fast täglich werden geheime Massengräber entdeckt. Rund 30 000 Menschen gelten als verschwunden. Der bekannteste Fall ist jener der 43 Lehramtsstudenten, die 2014 verschleppt wurden und bis heute verschollen sind.

Kein Rezept gegen Gewalt

Zwar ist Mexiko nicht das gefährlichste Land der Welt, was US-Präsident Donald Trump zuletzt behauptete. Mit rund 22 Tötungsdelikten je 100 000 Einwohner liegt das Land noch deutlich hinter El Salvador und Honduras, Brasilien und Venezuela. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Mordrate bei etwa 0,8. Der erneute Anstieg zeigt aber, dass die Regierung kein rechtes Rezept gegen die Gewalt hat.

Der Krieg gegen die Drogen tobt in Mexiko bereits seit über zehn Jahren. Wenige Tage nach seinem Amtsantritt Ende 2006 schickte der damalige Präsident Felipe Calderón Tausende Soldaten und Bundespolizisten in die Schlacht gegen die Narcos. Die Gewalt eskalierte. Bis 2011 verdoppelte sich die Zahl der Morde auf rund 22 000 pro Jahr.

Nachdem sich die Lage in den ersten Jahren der Präsidentschaft von Enrique Peña Nieto etwas entspannte, ist jetzt wieder offener Krieg ausgebrochen. Die Situation ist unübersichtlicher denn je. Längst verdienen die Kartelle ihr Geld nicht mehr nur mit Drogenschmuggel, sondern sind auch in Erpressung, Benzindiebstahl und Menschenhandel verwickelt. Immer mehr kleine Banden mischen in dem blutigen Geschäft mit. Vor allem das noch recht junge Kartell Jalisco Nueva Generación macht schnell Boden gut.

„Der Anstieg der Mordraten in Mexiko spiegelt unüberlegte Sicherheitsstrategien, die Zersplitterung der kriminellen Organisationen und die Diversifizierung der illegalen Aktivitäten wider“, sagt Froylán Enciso vom Forschungsinstitut International Crisis Group.

In 27 von 32 Bundesstaaten hat die Gewalt zugenommen. Das US-Außenministerium empfiehlt für ganz Mexiko besondere Vorsichtsmaßnahmen. Von Reisen in fünf Bundesstaaten rät es schlichtweg ab. Zwar werden Touristen nur selten Opfer der Auseinandersetzungen im kriminellen Milieu, aber längst hat die Gewaltwelle auch die Urlaubsparadiese von Cancún und Los Cabos erreicht.

Keine Alternative zu Soldaten

Die Polizei hat den bis an die Zähne bewaffneten Gangstern nur wenig entgegenzusetzen. Vor allem auf lokaler Ebene sind die Beamten häufig schlecht ausgebildet und erhalten zum Teil nicht mehr als 300 US-Dollar pro Monat. „Je mehr wir die Polizei brauchen, desto schlechter behandeln wir sie“, sagt der Nationale Sicherheitschef Renato Sales im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Bereits seit über zehn Jahren patrouillieren deshalb Soldaten in Mexikos Straßen. Zuletzt billigte das Parlament ein neues Sicherheitsgesetz, das den Einsatz der Streitkräfte im Inneren auf eine rechtliche Basis stellt. Menschenrechtsgruppen und die Vereinten Nationen kritisierten das Gesetz, weil es den Konflikt weiter militarisiere und die Soldaten für Polizeiaufgaben nicht ausgebildet seien.

Die Regierung sieht derzeit keine Alternative zu den Soldaten. „Es gibt Gegenden im Land, wo die Verbrecher versuchen, sich das Territorium zu eigen zu machen“, sagt Sicherheitschef Sales. „Kann die örtliche Polizei diesen Gruppen etwas entgegensetzt? Nein.“

Angesichts der desolaten Sicherheitslage machte der mexikanische Linkspopulist Andrés Manuel López Obrador kürzlich einen ungewöhnlichen Vorschlag. „Wir werden die Möglichkeiten einer Amnestie ausloten“, sagt der Präsidentschaftskandidat. „Wir werden alles tun, um Frieden zu schaffen.“ Die Idee ist kein reines Hirngespinst: López Obrador könnte Mexikos nächster Präsident werden. In den Umfragen zur Wahl im Sommer liegt er deutlich vorne.

Sicherheitschef Sales hingegen will im Kampf gegen die Kartelle noch nicht die Segel streichen. „Ich glaube, wir befinden uns in der Mitte der Partie“, sagt der passionierte Schachspieler. „Vielleicht haben sie einen oder zwei Bauern geschlagen, aber wir sind noch nicht Schachmatt gesetzt.“ (dpa/dmz/hl)

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