Lasertechnik bringt Maya-Megacity in Guatemalas Dschungel ans Licht

Noch größer als Calakmul in Campeche, Mexiko, und Tikal im benachbarten Guatemala (Foto: Screenshot Video National Geographik)

 

Von Denis Düttmann und Patricia Castillo

Flores, 9. Februar 2018 – Tausende Tempel, Paläste und Straßen der Maya waren Jahrhunderte lang im dichten Regenwald verborgen. Die Lidar-Technik zieht nun den Schleier weg und gibt den Blick auf die mächtige und komplexe Kultur frei.

Der Dschungel im Norden von Guatemala gibt seine Geheimnisse nicht einfach so preis. Über Jahrhunderte hat die dichte Vegetation Tempel, Paläste und Straßen der Maya vor neugierigen Blicken geschützt. Mit moderner Technik ist es Forschern jetzt aber gelungen, die Überreste der riesigen Maya-Stätten in der Region Petén sichtbar zu machen. „Um ehrlich zu sein: Das stellt unsere Forschungsdisziplin auf den Kopf“, sagt Archäologe Thomas Garrison vom Ithaca College im US-Bundesstaat New York.

Mit Hilfe eines Laser-Systems haben die Wissenschaftler die Ruinen im Regenwald entdeckt. „In dieser Umgebung, wo man nicht weiter als ein paar Meter sehen kann, ist es sehr schwierig, die Einzelteile zusammenzusetzen“, sagt Garrison. Bei dem sogenannten Lidar-Verfahren wird die Erdoberfläche mit Laserstrahlen gescannt und eine dreidimensionale Karte der Region erstellt.

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Die Forscher entdeckten die Überreste von mehr als 60 000 bislang unbekannten Häusern, Palästen, Straßen und anderen Bauwerken. Die „Lidar“-Untersuchung zeigt, dass die Stätten weitaus dichter besiedelt, komplexer und vernetzter gewesen waren, als bisher bekannt. Es wurden mehrere Gebiete von insgesamt 2100 Quadratkilometern untersucht, auf denen sich wichtige Maya-Stätten wie Tikal befinden.

„Das Unglaublichste ist Tikal. Jetzt wissen wir, dass die Stadt viel größer war, als wir gedacht haben“, sagt der Archäologe Francisco Estrada-Belli. „Dreimal so groß. Möglicherweise über 100 Quadratkilometer groß.“ Tikal ist eine der bedeutendsten und am besten erforschten Maya-Stätten in der Region. 1979 erklärte die Weltkulturorganisation Unesco die Ruinenstadt zum Weltkulturerbe, im vergangenen Jahr nahm sie Tikal in ihre Liste der zehn symbolträchtigsten Orte der Welt auf.

Die Zivilisation der Maya begann sich vor etwa 3000 Jahren in Mittelamerika zu entwickeln und erreichte ihren Höhepunkt in der Zeit von 250 bis 900 nach Christus. Ihr Herrschaftsgebiet erstreckte sich über das heutige Südmexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador. Die Maya errichteten mächtige Reiche und entwickelten eine Schrift aus etwa 1500 Hieroglyphen. Die Nachkommen der Maya leben noch heute in der Region.

Neben dem berühmten Tikal sind den jüngsten Forschungsergebnissen zufolge zahlreiche weitere Städte und rituelle Zentren der Region deutlich größer als bislang angenommen. „Sie waren einfach nicht zu sehen so tief im Dschungel“, sagt Archäologe Estrada-Belli von der Tulane-Universität in New Orleans.

So war die Stadt El Palmar offenbar 40-mal größer als bisher bekannt. Die Stadt Dos Aguadas, zu der auch eine Reihe von zeremoniellen Zentren gehören, war wohl 20-mal größer als bislang angenommen. „Wir wissen schon viel über die Kultur der Maya und die Entwicklung dieser sehr fortgeschrittenen Zivilisation, aber jetzt sehen wir auch ihre Größe“, sagt Estrada-Belli.

Die neuen Erkenntnisse durch das Lidar-Projekt zeigen nach Einschätzung der Wissenschaftler, dass die Maya-Kultur vergleichbar mit den alten Griechen oder der chinesischen Hochkultur war. „Wir haben lange geglaubt, dass komplexe Zivilisationen sich in den Tropen nicht entwickeln können“, sagt Marcello Canuto von der Tulane-Universität. „Aber angesichts der durch Lidar geschöpften Beweise aus Mittelamerika und Angkor Wat (in Kambodscha) müssen wir in Betracht ziehen, dass komplexe Gesellschaften sich in den Tropen gebildet und von dort ausgebreitet haben.“

Ende 2016 entdeckten Forscher im Norden von Guatemala mittels Lidar-Technik bereits das erste Landstraßen-Netz der Welt. Insgesamt 17 Straßen mit einer Gesamtlänge von über 240 Kilometern verbanden die Stadt El Mirador mit umliegenden Ortschaften. El Mirador in der Region Petén an der Grenze zu Mexiko soll vor ihrem Untergang um das Jahr 150 nach Christus die größte Stadt der westlichen Hemisphäre gewesen. In der Blütezeit lebten rund um El Mirador über eine Million Menschen. „Das war der erste Staat in Amerika“, sagt Projektleiter Richard Hansen.

Selbst im gut erforschten Tikal stoßen die Wissenschaftler mit Hilfe der Lidar-Technik noch auf Neues. Mitten im Zentrum der Stadt haben sie jetzt eine 30 Meter hohe Pyramide entdeckt, die sie vorher für einen natürlichen Hügel gehalten hatten.

„Kein Archäologe hat diese Stätten entdeckt, obwohl sie für Jahrzehnte die Wälder durchkämmt haben“, sagt Kathryn Reese-Taylor von der Universität Calgary, die nicht an der Studie beteiligt war. „Wir haben nie über das große Bild verfügt, das uns dieser Datensatz verschafft. Es zieht den Schleier weg und erlaubt uns, die Zivilisation zu sehen, wie die alten Maya sie gesehen haben.“ (dpa/dmz/hl)

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