Obdachlose Hipster und Chorgesang für Helfer: Mexiko nach dem Beben

Mariachis ermutigen mit ihrer Musik die Menschen in einer Spendenannahmestelle in der Condesa (Foto: soygrupero)

 

Von Andrea Sosa, Carmen Peña und Denis Düttmann

Mexiko-Stadt, 1. Oktober 2017 – Tausende Menschen in Mexiko-Stadt sind obdachlos. Zahlreiche Gebäude stürzten ein oder sind unbewohnbar. Das Erdbeben vom 19. September hat auch zwei angesagte Viertel stark getroffen. Die Gegend hat sich aber bereits einmal nach einem Beben wieder aufgerappelt.

Ein getragenes „Ave Maria“ erschallt über den Trümmern. Während Rettungskräfte und freiwillige Helfer in den Resten eines eingestürzten Hauses noch immer nach Verschütteten suchen, stimmen Sänger das Loblied auf die Gottesmutter an. „Einige von uns haben selbst Trümmer weggeräumt und viel Leid gesehen. Wir wollen ein bisschen Hoffnung verbreiten“, sagt der Dirigent Andrés Tapia. In den sozialen Netzwerken hat er Freiwillige für seinen musikalischen Rettungseinsatz zusammengetrommelt.

Mit dem „Ave Maria“ von Jakob Arcadelt, Mozarts „Ave Verum“ und dem mexikanischen Gassenhauer „Cielito Lindo“ bringen sie die Menschen in Mexiko-Stadt nach dem schweren Erdbeben auf andere Gedanken. „Wir gehen von Ort zu Ort und singen. Wir wollen die Leute bewegen“, sagt Chorsänger Esteban Tayo. Auch Mariachi-Gruppen und kubanische Son-Bands spielen auf, um die Moral der Rettungskräfte zu stärken.

Über 340 Menschen kamen bei dem Erdbeben der Stärke 7,1 am Dienstag vergangener Woche ums Leben. Allein in Mexiko-Stadt stürzten fast 40 Gebäude ein, Hunderte sind stark beschädigt und unbewohnbar. Die Menschen verbringen die Nächte in Notunterkünften, bei Freunden und Angehörigen oder unter freiem Himmel. „Wir warten darauf, dass der Zivilschutz das Gebäude überprüft. Solange die nicht kommen, können wir nicht rein“, sagt Javier Hernández, der in einem Park vor seiner Wohnung kampiert.

Viele haben Angst vor Plünderungen. „Wir konnten ein paar Sachen mitnehmen, aber das Meiste ist noch in der Wohnung“, sagt Hernández. In einer Notunterkunft machen es sich ein Jugendlicher und seine Schwester auf einer Matratze bequem. „Wir schlafen heute hier, aber unsere Eltern halten vor unserem Haus Wacht“, erzählt der 15-Jährige. Isabel Molina hingegen weiß noch nicht, wo sie und ihre Kinder die Nacht verbringen werden. „Von meinem Haus ist nichts mehr übrig. Wir konnten nur ein wenig Kleidung retten“, sagt sie.

Präsident Enrique Peña Nieto kündigte Hilfszahlungen und günstige Kredite für Menschen an, die ihre Wohnungen oder Häuser verloren haben. Allerdings dürfte es dauern, bis die Aufräumarbeiten abgeschlossen sind, einsturzgefährdete Häuser abgerissen werden und der Wiederaufbau beginnen kann. In Mexiko-Stadt erhalten Obdachlose zunächst Soforthilfen von 3000 Pesos (140 Euro) pro Monat, um sich vorübergehend einmieten zu können.

Zu den am stärksten von dem Erdbeben betroffenen Gebieten in Mexiko-Stadt gehören ausgerechnet die angesagten Viertel Condesa und Roma. Parks, vegane Restaurants, Cafés, kleine Buchläden und schicke Boutiquen prägen die benachbarten Stadtteile. Die Mieten und die Hipster-Dichte ist hoch. „Ich lebe gerne hier. Das ist ein super Viertel, wo du alles hast: soziales Leben, kulturelle Angebote, Parks – und es ist sehr zentral gelegen“, sagt der Arzt Carlos Lejtik, der seit 20 Jahren in der Condesa wohnt.

Das war nicht immer so. Auch das starke Erdbeben von 1985 mit rund 10 000 Toten traf die Gegend südlich des Stadtzentrums hart. Die Tonerde – Überreste eines alten Sees – verstärkt jeden Erdstoß. Ende der 1980er Jahre lebten nur Menschen in Condesa, die sich nichts anderes leisten konnten. „Es war das einzige, das ich bezahlen konnte“, erzählt Joel Rodríguez, der nach 1985 mit seiner Familie in das Viertel zog. „Ich bin gekommen, weil die Preise nach dem Erdbeben um 50 Prozent gesunken sind.“

Es kamen Künstler und Studenten, Schriftsteller und Kreative – die Gegend wurde wieder hip und teuer. „Es ist noch ein bisschen unklar, wie es mit dem Viertel Roma weitergeht“, sagt Israel Alvarado, der in der Gegend eine Galerie betrieben hat. „Das Beben war stark, aber es war auch nicht wie 1985. Ich glaube, nach und nach wird sich alles normalisieren. Es wird aber wohl etwas dauern, bis die Menschen wieder durch Roma flanieren.“

Der Ingenieur Waldo Higuera war eine treibende Kraft hinter der Aufwertung der Gegend in den vergangenen Jahren. „Wenn Gebäude abgerissen werden müssen, müssen sie eben abgerissen werden“, sagt er. Er warnt allerdings davor, jetzt Tabula rasa zu machen und alles Alte zu entsorgen. „Von den alten Häusern in Roma und Condesa sind einige nicht eingestürzt. Es ist wie mit dem Gebiss einer Großmutter. Wenn du einen Zahn ziehst, gerät alles in Bewegung.“ (dpa/dmz/hl)

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