Tanzende Skelette: Mexiko ehrt am „Tag der Toten“ Erdbebenopfer und Helfer

Eine der riesigen Catrina-Figuren im Umzug (Foto: Twitter)

 

Mexiko-Stadt, 2. November 2017 – Geschmückte Altäre in den Häusern, ausgelassene Stimmung auf den Friedhöfen. Mexiko feiert in weltweit einmaliger Weise jedes Jahr seine Toten – in diesem Jahr besonders die Opfer der Erdbeben.

Der „Día de los Muertos“ ist eine der wichtigsten Feierlichkeiten in Mexiko. In fröhlicher Atmosphäre wird der Verstorbenen gedacht, auf Friedhöfen werden Gräber geschmückt und Picknicks veranstaltet.

Zum zweiten Mal gab es auch einen Umzug mit großen Wagen und riesigen Marionetten im Zentrum der Hauptstadt. Die Idee für den bunten Totenumzug in Mexiko-Stadt ist von dem Kino-Geheimagenten James Bond inspiriert: Im letzten Bond-Film „Spectre“ ist der berühmte britische Spion auf einer fiktiven „Tag der Toten“-Parade in der Hauptstadt zu sehen.

An dem von Zehntausenden Menschen begleiteten Umzug nahmen auch Rettungskräfte des Erdbebens teil, das am 19. September besonders Mexiko-Stadt schwer getroffen hatte, zudem Suchhunde, darunter Mexikos berühmtester Hund Frida. Der weiße Labrador gehört zu einer Spezialeinheit der mexikanischen Marine (Semar). Frida soll bei Rettungseinsätzen in Haiti, Ecuador und zuletzt in Mexiko bisher 53 Menschen aufgespürt haben, elf sollen noch am Leben gewesen sein. Ihr Markenzeichen sind die Schutzbrille und besondere Arbeitsschuhe. Viele Menschen hatten sich verkleidet und schwarz-weiß geschminkt.

„Die Hauptidee ist, das Leben mit dem Tod und den Tod mit dem Leben zu feiern“, sagte die an dem Umzug beteiligte Künstlerin Alejandra González Anaya. „Das ist eine Art, diese hier existierende Tradition zu bewahren. Wir brauchen hier kein Halloween“, sagte González Anaya.

Am „Tag der Toten“ gibt es für die Kinder Totenschädel aus Zuckerguss oder „Pan de Muerto“ (Totenbrot), ein mit Zucker bestäubtes süßes Hefegebäck, in Rundform, auf dem eine gekreuzte Teigrolle liegt und auf dessen Kreuzpunkt eine Art Teigkrone sitzt. In den Häusern werden bunte Altäre aufgestellt, geschmückt mit Kerzen, orange- und gelb leuchtenden Tagetesblüten, die in Mexiko nach ihrem prähispanischen Namen „Cempasúchil“ genannt werden, und mit lila, weißen und orangefarbenen, kunstfertig geschnittenem Seidenpapier. Den toten Angehörigen werden Opfergaben wie Brot, Salz, Tequila und Zigarren dargereicht, aber auch ihr Lieblingsgericht, dazu kandierte Früchte und frisches Obst sowie das Totenbrot. Dazwischen sind liebevoll Fotos der Verstorbenen aufgestellt. Nicht fehlen darf ein Stövchen aus Keramik, in dem besonders harzreiche Holzstäbe oder Gummiharz abgebrannt werden.

Katholischer Ursprung

Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob dieser Brauch eine Mischung aus katholischen und prehispanischen Riten ist. Nach einem Buch der mexikanischen Forscherin Elsa Malvido haben der Totenaltar, die Schädel aus Zuckerguss und das Totenbrot mit dem Kreuz aus Teig – womit Knochen dargestellt werden sollen –  ihren Ursprung im Mittelalter in Europa und gehen auf die tiefkatholischen Jesuiten zurück. Als religiöse Feiertage wurden Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November im 10. Jahrhundert in Frankreich vom Abt von Cluny geschaffen.

Am 1. November wurden in der Kirche ein riesiger Altar mit Reliquien von Heiligen aufgebaut: Knochen, Schädel und andere Reste, Erde von wo sie begraben wurden oder ein Teil der Kleidung, die sie im Leben trugen. Die Heiligen galten als Vermittler zwischen Mensch und Gott.

In Mexiko-Stadt, nachdem Mexiko von den erzkatholischen Spaniern erobert worden war, besuchten die Menschen an Allerheiligen, auf der Suche nach Ablässen, so viele Altäre wie möglich, und bevor sie in die Kathedrale zur Messe gingen, kauften sie Brot oder süßes Gebäck in Form einer Reliquie, die der Priester dann segnete. Zuhause legten sie es zusammen mit verschiedenen Früchten auf einen Tisch neben den Schutzheiligen des Hauses.

Einige indigene Völker feiern zu dieser Zeit die Maisernte. Mit den Opfergaben und den Altären wollen sie den Verstorbenen den Weg ins Diesseits öffnen, damit die Geister Wohlstand und Gesundheit bringen. Die Rituale wurden 2008 von der Unesco in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen.

Karikatur einer dekadenten Gesellschaft

Die riesigen, elegant und häufig üppig gekleideten Catrinas gehen indes auf den mexikanischen Kupferstecher José Guadalupe Posadas zurück, mit denen er zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts die dekadente obere Gesellschaft des Landes karikierte. Seitdem gibt es die Catrinas als Pappmaché- oder Keramikfiguren von Miniatur bis Übergröße, in allen möglichen Lebenslagen. Ein Gerippe ohne jede Zier wird „calaca“ genannt und dient unzähligen Witzen als Protagonist.

Im Museum Frida Kahlo in Mexiko-Stadt ist jedes Jahr eine Szene zu sehen, in der die einstigen Bewohner des Hauses auf die Schippe genommen werden. Und wer dieser Tage nach Tepoztlán fährt, sollte sich die fantastische Inszenierung von Catrinas des Malers und Bildhauers Eduardo Robles Nieto ansehen, die er jedes Jahr in seinem Anwesen in Tepoztlán (Aniceto Villamar Nr. 18, zwischen Matamoros und Netzahualcóyotl, Barrio Santo Domingo), aufstellt – unter wechselnden Themen.

Wer nicht aus Mexiko-Stadt rausfahren möchte, dem sei ein Besuch auf dem Zócalo zu empfehlen. Die „Ofrenda Monumental“ ist wirklich sehenswert. Die „Alebrijes“ (die bunten Fantasietiere) am Paseo de la Reforma sind auch nur noch an diesem Wochenende zu sehen. (dmz/hl mit Material von dpa)

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