Theorie und Praxis: Auto-Standort Mexiko setzt auf duale Ausbildung

Bis zur Werkseröffnung im April 2019 sollen rund 700 Arbeiter im neuen BMW-Ausbildungszentrum in Mexiko ausgebildet worden sein (Foto: BMW Group)

 

Von Denis Düttmann

San Luis Potosí, 10. November 2017 – Eineinhalb Jahre dauert es noch, bis im neuen BMW-Werk in San Luis Potosí das erste Auto vom Band rollt. Die Ausbildung der jungen mexikanischen Arbeiter nach deutschem Vorbild hat aber längst begonnen. Die Kombination aus Theorie und Praxis gilt weltweit immer mehr als Erfolgsmodell.

Der dicke Roboterarm fährt ruckartig herum, greift ein quadratisches Plastikteil und legt es im präzisen Abstand neben den anderen Quadern auf dem Tisch ab. Guadelupe Acosta kontrolliert den Bewegungsablauf an einem tragbaren Monitor, überprüft das Ergebnis, justiert ein wenig nach. Dann setzt sich der Roboter wieder in Bewegung.

Nebenan sägen, fräsen und löten die Auszubildenden des ersten Lehrjahrs, ein paar Räume weiter polieren junge Männer eine frisch lackierte Karosserie. „Die jungen Leute trainieren hier alle Fähigkeiten, die sie später in der Produktion auch brauchen“, sagt Ausbilder Hazael Paita. „Außerdem sollen sie lernen, Probleme zu erkennen und im Team nach einer Lösung zu suchen.“

Eineinhalb Jahre dauert es noch, bis im neuen BMW-Werk im mexikanischen San Luis Potosí das erste Auto vom Band rollt. Große Teile des künftigen Fabrikgeländes liegen noch brach, aber im neuen Ausbildungszentrum werden die Lehrlinge schon für ihre künftigen Aufgaben geschult.

„Die Ausbildung ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt BMW-Personalchefin Milagros Caiña-Andree. In Mexiko werden die Mitarbeiter in der dualen Berufsausbildung nach deutschem Vorbild geschult. „Die theoretischen Kenntnisse werden an Technik-Schulen und der Universität von San Luis Postosí vermittelt, die Praxis im Ausbildungszentrum auf dem Werksgelände“, sagt Ausbildungsleiterin Joy Tirado.

Neben Autos, Maschinen und Chemie gilt die duale Ausbildung als deutscher Exportschlager. In immer mehr Ländern wird das Modell aufgegriffen. „Die duale Ausbildung ist das effizienteste Modell, um junge Leute auf den Beruf vorzubereiten, weil sie Theorie und Praxis verbindet“, sagt der Präsident des mexikanischen Unternehmerverbands CCE, Juan Pablo Castañón Castañón.

Gerade die aufstrebende Automobil- und Luftfahrtindustrie ist auf gut ausgebildete Arbeiter angewiesen. Derzeit ist Mexiko der siebtgrößte Automobilstandort der Welt, bis 2020 will das Land in die Top Five aufrücken. Dafür braucht es Facharbeiter: Bis 2018 sollen 10 000 Mexikaner eine duale Berufsausbildung durchlaufen. „Wir wollen unser Humankapital stärken“, sagt Bildungsminister Aurelio Nuño Mayer. Langfristig strebt Mexiko 40 Prozent duale Ausbildung bei Schulabgängern an.

Auch in den USA und Russland, der Slowakei und Italien gibt es Pilotprojekte. Das deutsche Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) unterstützt und berät interessierte Unternehmen und Regierungen bei der Umsetzung. „Im Ausland hat die duale Berufsbildung in den letzten Jahren stetig zunehmende Beachtung gefunden. Zahlreiche Länder führen duale Elemente in ihr Berufsbildungssystem ein“, sagt Michael Wiechert, Leiter der Internationalen Kooperation und Beratung beim BIBB.

Trotzdem ist häufig auch Überzeugungsarbeit zu leisten. „Oft wird ausschließlich akademische Bildung als qualitativ hochwertig gesehen“, sagt Wiechert. Unternehmer fürchten zudem häufig, ihre teuer ausgebildeten Mitarbeiter später an die Konkurrenz zu verlieren. „Erfolgreich können duale Strukturen nur dann eingeführt werden, wenn Staat und Wirtschaft das Thema gemeinsam bearbeiten und es gelingt, die Gesellschaft mitzunehmen“, sagt Wiechert.

Zudem kann das deutsche Modell nicht einfach ins Ausland exportiert werden, sondern muss an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Das BIBB analysiert zunächst die Ausgangslage und legt mit den Partnern danach fest, welche Elemente in welcher Reihenfolge und Geschwindigkeit umgesetzt werden.

Die angehende Mechatronikerin Elda Velázquez ist bei BMW in Mexiko im zweiten Ausbildungsjahr. Zwei Wochen im Monat geht sie in die Berufsschule, zwei Wochen steht sie in der Ausbildungswerkstatt. „Beide Teile ergänzen sich. Durch die praktischen Übungen verstehe ich die Theorie besser und umgekehrt“, sagt die 19-Jährige.

Neun Millionen US-Dollar hat BMW in das Ausbildungszentrum in San Luis Potosí investiert. 170 Mechatroniker und Automobilmechaniker wurden bereits ausgebildet. Bis zur Werkseröffnung im April 2019 sollen es rund 700 sein. Dann wird in Mexiko der Großteil der weltweiten Produktion der neuen 3er-Serie vom Band laufen.

Auch nach dem Produktionsstart soll es im Trainingszentrum regelmäßig Fortbildungen für die mexikanischen BMW-Mitarbeiter geben. „Wir brauchen eine dauerhafte Ausbildung, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern“, sagt BMW-Vorstandsmitglied Caiña-Andree. Oder, wie es Werksleiter Hermann Bohrer ausdrückt: „Champions werden nicht geboren, Champions werden gemacht.“ (dpa/dmz/hl)

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