Wo ist Michael? Junger Mann verschwindet spurlos aus Ashram in Mexiko

Michael Gerard auf einer Aufnahme im buddhistischen Retreat in Playa del Carmen, wohin er im April 2015 kam. Ende August 2015 war sein Rückflug geplant (Foto: Mit Genehmigung von Miachaels Mutter)

 

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt/Playa del Carmen, 18. Mai 2018 – Ein junger deutscher Mann verschwindet Ende August 2015 spurlos aus einem Ashram an der mexikanischen Karibikküste. Was ist dem damals 24 Jahre alten Michael Gerard aus Stuttgart passiert?

Mexiko-Stadt/Playa del Carmen, 18. Mai 2018 – Ein junger deutscher Mann verschwindet Ende August 2015 spurlos aus einem Ashram an der mexikanischen Karibikküste. Was ist dem damals 24 Jahre alten Michael Gerard aus Stuttgart passiert?

Seine persönliche Geschichte mag nicht so spektakulär sein wie die des Ende April im südmexikanischen Chiapas ermordeten Radler-Weltreisenden Holger Hagenbusch und seines polnischen Etappenbegleiters Krzysztof Chmielewsk. Seine Mutter, bei der sich Michel zum letzten Mal am 23. August 2015 gemeldet hat, ist verzweifelt. Sie hatte und hat kein Geld, um nach Mexiko zu reisen und eine medienwirksame Suchaktion zu starten, wie Holgers Bruder Rainer es nach dessen Verschwinden auf Facebook und in den Medien tun konnte. Denn nur auf den massiven öffentlichen Druck kam die Wahrheit heraus: Holger Hagenbusch und Krzysztof Chmielewsk kamen nicht durch einen Unfall ums Leben, sondern wurden auf dem Weg von San Cristóbal de las Casas nach Ocosingo ermordet. Offiziell war anfangs die Rede von einem Unfall.

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Michael Gerard verschwand Ende August 2015 spurlos aus dem buddhistischen Retreat Ozem Cocom Ashram bei Playa del Carmen an der Riviera Maya. Seine Mutter wandte sich an die Polizei in Stuttgart, meldete ihren Sohn als vermisst. Die Suchanzeige läuft seitdem auch über Interpol. Außerdem wandte sie sich an das Honorarkonsulat in Cancún. Nach Angaben der Polizei in Stuttgart sei die lokale Polizei eingeschaltet worden. Auch bei der Deutschen Botschaft in Mexiko-Stadt ist der Fall bekannt. Aus datenschutzrechtlichen Gründen kann sie jedoch keine Auskünfte über den Fall an Fremde erteilen.

Recherchen der „Deutsche Mexiko-Zeitung“ (DMZ) bei der Polizei in Cancún und Playa del Carmen haben ins Nichts geführt. Entweder wird eine nicht existente Telefonnummer angegeben oder man wird von Pontius zu Pilatus weitergereicht. Eine Telefonnummer der Policía Judicial in Cancún ist nicht erreichbar, weil gesperrt, bei der anderen läutet zwar das Telefon, aber nach dreimal Läuten wird der Anrufer auf eine stumme Linie geleitet – und bekommt nie eine Antwort. In den Vermisstenlisten der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft taucht der junge Mann nicht auf, weder unter seinem richtigen Namen Michael Gerard noch unter seinem Facebook-Alias Michael Naut.

Was bedeutet das? Vermutlich, dass er in Mexiko gar nicht offiziell als vermisst angezeigt worden ist.

Recherchen der Mutter, die mit Hilfe von Freunden die in seinem Facebook-Account angegebenen Kontakte aus dem Ashram angeschrieben haben, ergeben eher ein verwirrendes Bild, da sich deren Aussagen widersprechen. Laut dem Leiter des Ashram Rajnish Agarwal (auch bekannt als Swami Rajneesh) verschwand Michael eines Nachts mit einer Frau nach Tulum, von wo er nicht zurückgekehrt sei.

Nach Aussagen von Bewohnern, die zur selben Zeit wie Michael im Ashram waren, habe er unter Depressionen gelitten, sei schüchtern gewesen und habe keine Freundin gehabt. Er habe sich dort trotz der miesen Arbeitsbedingungen im Ashram wohl gefühlt, wo er für Kost und Logis 12 Stunden am Tag habe arbeiten müssen, wie manche andere Ausländer auch. Keiner habe eine Arbeitsgenehmigung gehabt.

Eine junge Italienerin schrieb der Mutter, mit Michael im Ashram zusammengearbeitet zu haben. Sie habe ihn als schüchternen jungen Mann kennen gelernt, der sich meist im Ashram aufhielt. Von seinem Verschwinden habe sie erst später gehört, da sie im Juni 2015 den Ashram verlassen hatte.

Ein weiterer, ehemaliger Bewohner und offensichtlicher Gegenspieler vom Swami Rajneesh, der ebenfalls zur selben Zeit wie Michael in der Kommune lebte, bestätigte der Mutter zunächst dessen Angaben, schrieb ihr aber später, dass dieser erst nach zwei oder drei Tagen nach Michael habe suchen lassen und angeordnet habe, Michaels persönliche Gegenstände zu zerstören oder außerhalb der Anlage zu entsorgen. Um Schaden vom Ashram abzuwenden und die Ausländerbehörde (INM) fernzuhalten, sollten die Mitarbeiter auf Fragen der Behörden und des deutschen Honorarkonsulats lediglich sagen, Michael sei mit einer Frau nach Tulum gereist.  Auch der Mutter sollten sie nichts sagen.

Ein anderer, der sich mit einer Kollegin auf die Suche nach ihm gemacht habe, will in der Nacht des Verschwindens auf dem Holzsteg in der Nähe von Michaels Zimmer Schritte gehört und zwei Männer mit einer großen schwarzen Reisetasche und einem Betttuch beim Ausgang der Anlage Richtung Dschungel gesehen haben.

Ehemalige Bewohner, die dem Guru aus Kalkutta nicht geneigt sind, haben eine Webseite gegründet, die nichts Gutes über den Inder in Playa del Carmen verrät. Von sexuellem Missbrauch, Betrug und Ausbeutung ist dort unter anderem die Rede, und von Michaels Verschwinden. Ein anderer ehemaliger Anhänger von Swami Rajneesh hat seine Dienste als Privatdetektiv angeboten, gegen ein Honorar von 10.000 US-Dollar.

Die Aussagen der ehemaligen Bewohner und die Webseite der Gegner des Swami Rajneesh heizen Spekulationen an, die die Mutter nur noch mehr verzweifeln lassen. Ist er umgebracht worden? Hatte er einen Unfall? Starb er an einer Krankheit und man hat seine Leiche irgendwo begraben oder verbrannt? Oder ist er doch irgendwo hin, um wirklich alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen?

Die Anlage im Dschungel bei Playa del Carmen ist immer noch in Betrieb. Bisher, so scheint es, liegt nichts gegen das Retreat vor.

Der Unterschied zum Fall Holger Hagenbusch ist, dass Michaels Mutter nicht persönlich nach Mexiko kommen konnte, um sein Verschwinden offiziell bei den mexikanischen Behörden anzuzeigen. Und das Pech des jungen Deutschen, dass er sich offensichtlich fast nur in dieser Kommune aufgehalten und ihn deshalb niemand außerhalb wahrgenommen hat. Fast drei Jahre sind seitdem vergangen. Kein Wunder, dass die kurz vor dem Verschwinden von Holger Hagenbusch gestartete Suchkampagne in den deutschsprachigen Gruppen in Mexiko auf Facebook, bisher ins Leere gelaufen ist.

Wer Hinweise auf den Verbleib von Michael geben kann, kann sich mit uns, den deutschen Konsulaten und der Deutschen Botschaft in Mexiko-Stadt in Verbindung setzen. Weitere Kontakte auf dem Fahndungsfoto von Michael. (dmz/hl)

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