20 Jahre NAFTA: Wo bleibt der versprochene Wohlstand?

 Der schöne Schein trügt: So paradiesisch wie dieses Panorama ist das Leben im Süden von Morelos nicht. (Foto: Daniel Schlicht)

 

Von Herdis Lüke

Coatlán del Río, 16. Mai 2015 – Sie leben im Paradies, und so nennt sich auch das herrliche Fleckchen Erde in Cocoyotla. In „El Paraíso“, im Tal des Flusses Chalma im Südosten von Morelos, gedeiht alles: Zuckerrohr, Blumen, Mangos, Zitrusfrüchte, Mais, Tomaten, Erdnüsse. Doch der schöne Schein trügt. Die Menschen hier sind bitterarm, jede Familie hat Angehörige, die in die USA emigriert sind. Zurück bleiben die Alten und die Frauen. 

Erbarmungslos brennt die Sonne auf die Männer auf dem Feld. Lino Barrón (78) hockt mit seiner Machete bei seinen Landarbeitern und zeigt ihnen, wie man die Blumenzwiebeln der gerade geernteten Gladiolen reinigt und die besten rauspickt. Etwas weiter weg sind saftig grüne Felder zu sehen, gespickt mit Rosen in allen Farben, und roten und weißen Gladiolen. Auch Mais- und Zuckerrohrfelder, dazwischen ragen gigantische Mangobäume in den Himmel und hier und da ist der Schornstein einer ehemaligen Hazienda zu sehen.

Früher ging es uns hier viel besser. Wir bekamen für unsere Produkte einen anständigen Preis und konnten gut davon leben“, erzählt Lino und blickt zurück in die Siebziger und Achtziger Jahre, als in dieser Region im Südwesten von Morelos, an der Grenze zu Guerrero und dem Estado de México, hauptsächlich Zuckerrohr und im Flusstal Reis angebaut wurde.

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Viel wird in diesen Tagen über das das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa (TTIP) geredet, und nun will auch die EU-Kommission mit Mexiko ein neues Freihandelsabkommen verhandeln, das vor 15 Jahren geschlossen wurde. Das NAFTA ist bereits 21 Jahre alt. Aber was hat es Mexiko gebracht? Die DMZ hat das Team von Tilman Achtnich vom Südwestrundfunk (SWR)auf seinem Dreh in Morelos und Chihuahua begleitet.

Lino führt uns durch die Ruinen der Hazienda Cocoyotla, wo vor 50 Jahren das Zuckerrohr raffiniert und zu Alkohol verarbeitet wurde. Wehmütig blicken seine dunklen Augen aus dem zerfurchten Gesicht über die zerfallen Mauern: Hier hatte er von seinem 12. Lebensjahr an gearbeitet – bis die Regierung beschloss, die Zuckerproduktion in einer entfernten Plantage zu konzentieren und die anderen stillzulegen, darunter auch die in Cocoyotla.

Die Arbeiter bekamen als Entschädigung die Hazienda geschenkt – ohne Maschinen, ohne Fuhrpark, ohne Geld. Die prachtvolle Anlage verfiel. Aber das Land war fruchtbar, und so konnten sie als Bauern leben, auch wenn ihr Anteil an den sogenannten Ejidos, kollektiven Zusammenschlüssen, immer kleiner wurde. Eine logische Konsequenz, die man bei ihrer Schaffung am Ende der Revolution (1910-1914) und den verschiedenen Agrarreformen, die es seitdem gegeben hat, nicht bedacht hatte: Jede Familie bekam eine bestimmte Anzahl an Hektar in einem Ejido. Aber mit der Zeit wurde dieser Grund aufgeteilt auf Kinder und Kindeskinder. Das pro Kopf verbliebene Stück Land reicht in kaum für den Eigenkonsum. Das ist einer der Gründe, weshalb so viele Bauernfamilien in die USA emigrieren oder sich als Wanderarbeiter verdingen müssen – selbst Kinder.

Die Bauern fühlen sich vom Staat allein gelassen

Auf den Wohlstand für alle, den die mexikanische Regierung vor nun mehr als 30 Jahren durch das NAFTA den Bauern und Arbeitern versprochen hat, warten sie heute noch. Die Bauern fühlen sich allein gelassen: „Die USA und Kanada sind hochentwickelte Länder. Ihre Landwirte arbeiten mit modernen Maschinen, bekommen Kredite, sie sind gut ausgebildet und werden von ihren Regierungen unterstützt. Damit können wir nicht konkurrieren, erklärt Rigoberto „Rigo“ Flores. Der 60-jährige ist Präsident des Ejidos in Cocoyotla und bewirtschaftet zusammen mit seinem Bruder Maisfelder. „Es gibt keine Kredite, es kommen keine Agronomen, um die Bauern zu beraten, für welche Produkte sich ihre Erde besonders gut eignet“, sagte Rigo.

„Immer heißt es, die Bauern werden unterstützt, können die Düngemittel und Samen vergünstigt kaufen“, regt sich Rigo auf. Denn das bringt ihnen keinerlei Vorteile, weil „wir nur die Produkte von Unternehmen bekommen, mit denen die Regierung einen Vertrag hat.“ „Früher reichten die Einnahmen für Saatgut und Düngemittel, und jeden Tag konnten wir Tomaten tonnenweise nach Mexiko-Stadt bringen“, erklären Rigos Kollegen. Heute reichen vielen von ihnen die Einnahmen nicht einmal mehr, um Saatgut zu kaufen. „Der Anbau von Tomaten oder gar Mais lohnt sich einfach nicht mehr“, unterstreicht Rigo.

Dass er sein Geld auch mit anderen Dingen verdient – zum Beispiel mit dem Brennen von Mezcal – verrät sein edler Gürtel mit eingeflochtenem Namen und Silberschnalle. Er hat einige Lagerhallen, in denen die Bauern ihre Produkte lagern können. Im Moment faulen hier drei Tonnen Mais vor sich hin – die eine multinationale mexikanische Firma bei ihnen zu einem bestimmten Preis bestellt hatte. Nachdem die Bauern  den Mais geerntet hatten, war der Preis pro Tonne für Mais auf dem Weltmarkt fast mehr als ein drittel gesunken und die Firma hielt sich nicht an den abgemachten Preis. Da behielten die Bauern ihren Mais lieber.

Genau das offenbart einen der Konflikte der Bauern mit NAFTA: Sie wollen Garantiepreise, aber die gibt es im freien Welthandel eben nicht, und ein staatliches garantiertes Vertiebsnetz. Aber die CONASUPO, die einst dafür da war, gibt es nicht mehr und die Unterstützung der Regierung für die Landwirtschaft hat in den 30 Jahren NAFTA kontinuierlich abgenommen. Die Bauern sind aber noch dem jahrzehntelangen von der PRI-Regierung anerzogenen Denken verhaftet, wonach die Regierung für alle und alles sorgen muss. Und damit eben auch an allem Schuld hat.

Gerade Mais ist ein gutes Beispiel für die Misere auf dem Land. Mit Mais wird 18 Prozent der gesamten Agrarproduktion Mexikos erwirtschaftet. Mais nimmt ein Drittel der Gesamtanbaufläche von 7,5 Millionen Hektar des Landes ein. Knapp zehn Prozent der nationalen Produktion (2013: rund 23 Millionen Tonnen) entfallen auf gelben Mais, die den Bedarf aber bei weitem nicht deckt: Mexiko muss derzeit zehn Millionen Tonnen zusätzlich importieren. Das Korn kommt vornehmlich aus den USA, ein Drittel davon ist genmanipuliert. Der Rest ist weißer Mais.

Mehr als die Hälfte der Maisproduktion wird von Ejidos erbracht. In den Kollektiven sind etwa drei Millionen mexikanische Bauern mit Feldern von bis zu fünf Hektar organisiert. Sie ernten zwischen 1,3 und 1,8 Tonnen Mais pro Hektar, vornehmlich für den lokalen Verkauf und Selbstverbrauch. Der unabhängige Rest – meistens große Agrarunternehmen – besitzt Anbauflächen von mehr als fünf Hektar, die knapp 44 Prozent zur Gesamtproduktion beisteuern. Der Anbau ist jedoch deutlich effektiver: Pro Hektar erwirtschaften diese zwischen 1,8 und 3,2 Tonnen, wovon nur ein geringer Teil für den heimischen Konsum ist. Bei den großen Agrarunternehmen, die in die USA exportieren, verdingen sich die „Jornaleros“ genannten Saisonarbeiter. Selbst Frauen und Kinder arbeiten auf dem Feld und leben unter erbärmlichsten Bedingungen.

Auf den ehemaligen Maisfeldern gedeihen nun Blumen mit chemischer Hilfe

Was bedeutet das für den mexikanischen Bauern und für den Verbraucher in Mexiko? Der mexikanische Bauer wird seinen Mais kaum noch auf dem heimischen Markt los – jedenfalls nicht in großen Mengen und nicht an multinationale Unternehmen wie beispielsweise Maseca. Wenn der Weltmarktpreis fällt, kauft Maseca nicht mehr bei den heimischen Produzenten, sondern in den USA.  

Kein Wunder, dass industriell gefertigte Tortillas in Mexiko wie Seife schmecken und nur noch auf dem Lande ihren authentischen Geschmack haben. Aber auch der Gang in den Supermarkt (Walmart, Costco, Sams, Aurrera) zeigt die amerikanische Dominanz bei Nahrungsmitteln. Selbst der aus Morelos stammende, einst als weltbester geltende Reis kommt laut Rigo nicht mehtr aus Morelos, sondern wird importiert. Ob Cornflakes, Marmelade, Zucker, löslicher Kaffee, Honig, Äpfel, Birnen: Alles von „Great Value“ kommt von aus dem Norden jenseits der mexikanischen Grenze. 

„Es lohnt sich nicht mehr, Mais anzubauen. Auch Tomaten oder Gurken bringen nichts mehr. Wir werden überschwemmt von Produkten aus dem Norden und können damit nicht konkurrieren“, schimpft Rigo. Alles sei teurer geworden, Transportkosten, Düngemittel, Pestizide und Herbizide. Die Produktionskosten, so Rigo, Lino und ihre Kollegen in Cocoyotla, liegen höher als der Ertrag.

Angebaut werden inzwischen Produkte, die eigentlich gar nicht aus der Region stammen und der Landwirtschaft nur schaden. Zum Beispiel Blumen, die sich besser verkaufen lassen als Mais und Tomaten. Der Blumenanbau verdirbt die Landwirtschaft, erklärt Juan Manuel D’Acosta, der die Bauern berät und sie dabei unterstützt, ihre Produkte zu vermarkten. Warum? „Weil die Pflanzungen mit Pestiziden und Herbaziden besprüht werden, die durch den Wind beispielsweise auf die Obstplantagen geweht werden. Die für die Bestäubung nützlichen Insektenpopulationen werden dadurch dezimiert und die Plantagen zertört.“ Ein Teufelskreis, räumt Don Lino ein, der statt früher Tomaten, Gurken, Kürbisse und Mais zu pflanzen, nun selbst seine Felder an Investoren aus dem benachbarten Bundesstaat Mexiko für Blumenzüchtungen verpachtet, um einigermaßen über die Runden zu kommen.  

Von den 75 Millionen Landwirten, die es in Mexiko noch gibt, leben drei Viertel unter der Armutsgrenze. 15 Millionen Kinder sind davon betroffen. Dieses Problem ist zwar nicht durch NAFTA ausgelöst, wohl aber verstärkt worden, weil die neoliberale Agrarpolitik die Interessen der mexikanischen Landwirtschaft denen der us-amerikanischen untergeordnet hat. 

Die Bedingungen, die die Bauern erfüllen müssen, um in die USA exportieren zu können, sind zumindest für die Ejido-Bauern schier unmöglich, weil sie die Qualitätsstandards nicht einhalten können. Wer es trotzdem mit einem LKW bis an die amerikanische Grenze in Ciudad Juárez schafft, bleibt oft auf seiner Ware sitzen. Mango- und Tomateproduzenten aus Morelos und Guerrero können ein Lied davon singen: „Wenn du den Preis nicht akzeptierst, den dir der amerikanische Einkäufer bietet, ist deine Ware verloren, sie verfault vor deinen Augen“, erklären die Brüder Carlos Joaquín und Rodolfo Pita aus Guajinicuilapa, an der Pazifikküste von Guerrero. Inzwischen haben sie sich eigene Lagerhallen an der Grenze gebaut. Sie haben selbst jahrelang in den USA gearbeitet und dabei viel gelernt. Aber sie sind in der Minderheit. 

Wie zu Zeiten des Porfiriats

In jüngster Zeit sind immer wieder Fälle bekannt geworden, wo die Saisonarbeiter in Barracken hausen, sich ihre Lebensmittel in firmeneigenen Läden kaufen müssen und sich dabei verschulden. Die Errungenschaften der Revolution sind hier Makulatur – es ist genau wie früher in den alten Haziendas zu Zeiten des Porfiriats vor der Revolution. Wenn derartige Fälle bekannt werden, werden die Unternehmen zu hohen Bußgeldern verdonnert. Trotzdem versuchen sie es immer wieder. Die Arbeiter bekommen mit 90 Pesos pro Tag kaum mehr als den Mindestlohn – und der hat seit den Achtziger Jahren 70 Prozent seines Werts verloren.  (dmz/hl/ds)

Folgt Teil 2 über die Auswirkungen von NAFTA auf Industrieproduktion und Arbeit am Beispiel der lohnverarbeitenden Betriebe in Chihuahua.

Der Dokumentarfilm „Wohlstand für alle?“ vom Südwestrundfunk wird am kommenden Montag, 18. Mai, um 22.45 Uhr (MESZ) in der ARD erstmalig ausgestrahlt und kann später auch in der ARD-Mediathek abgerufen werden.

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