Die Goldene Linie

Von Marion Koerdt

 

Niemand will für die Baumängel an der Metrolinie 12 verantwortlich sein

Mexiko-Stadt, 23. März – Seit fast zwei Wochen geht fast gar nichts mehr auf der Metrolinie 12, die den Westen der Hauptstadt (Mixcoac) mit dem Südosten (Tláhuac) der Stadt verbindet. Elf der 20 Metrostationen sind seit dem 12. März wegen Baumängeln geschlossen. Betroffen ist vor allem der oberirdische Streckenabschnitt. 300 RTP-Busse wurden als Schienenersatzverkehr eingesetzt. Doch bereits am ersten Tag hat sich herausgestellt, dass dieser Ersatz den rund 400 000 Passagieren, die diese Strecke täglich nutzen, bei weitem nicht gerecht wird. 

Hatte Hauptstadtgouverneur Miguel Ángel Mancera zunächst noch behauptet, die Sicherheit sei auf dieser Strecke garantiert, rückte er jeden Tag ein Stück weiter von dieser Aussage ab. Denn immer neue Enthüllungen zeigen, dass die Metrolinie grobe Struktur- und Ausführungsfehler aufweist, verursacht durch Korruption und der Weigerung der Akteure, Verantwortung zu übernehmen. Die „Goldene Linie“ („Línea Dorada“) wird zum „Schwarzen Peter“ in der Hauptstadtpolitik.

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Es sollte neben der zweiten Etage der Stadtautobahn Periférico das zweite verkehrspolitische Prestigeobjekt des ehemaligen Hauptstadtgouverneurs Marcelo Ebrard werden: die Metro-Linie 12. Am 30.Oktober 2012 wurde sie feierlich eröffnet. Rund 21,8 Milliarden Pesos hatte der Bau gekostet. Vorläufig. Denn schon bald kamen neue Kosten in Höhe von 4,2 Milliarden Pesos hinzu. Die sollten jährlich an die Baukonsortien für die Instandhaltung bezahlt werden. Doch nach nur rund eineinhalb Jahren nach ihrer Eröffnung weist die Linie erhebliche Sicherheitsmängel auf.

Nun muss Ebrards Nachfolger Miguel Ángel Mancera klären, wer für die Fehler verantwortlich ist. Dabei ist er selbst ins Fadenkreuz der Kritik geraten. In der letzten Woche hat der Rechtsvertreter der PRI im Hauptstadtparlament, Mario Becerril, eine Klage bei der Generalstaatsanwaltschaft eingereicht, die klären soll, wer der Verantwortung trägt. Becerril nannte neben Mancera den Direktor des öffentlichen Nahverkehrs im Hauptstadtdistrikt (STC), Joel Ortega, und den Direktor des Metro-Projektes, Enrique Horcasitas.

Letzterer hatte vor einer Woche jede Verantwortung seiner Behörde zurückgewiesen. Der deutsche TÜV Süd sowie die Deutsche Bahn International haben vor Inbetriebnahme bestätigt, dass die Konstruktion alle Bedingungen für einen sicheren Betrieb erfülle, sagte Horcasitas in der letzten Woche im Gespräch mit der Tageszeitung „La Jornada“. Gegenüber der Zeitung erklärte er das öffentliche Transportsystem (STC) verantwortlich für die Unterhaltung und Pflege der Linie. Ebenso sah er eine Mitschuld bei den mit dem Bau beauftragten Firmen Alstom , Carso und ICA. Am Mittwoch musste er dem Untersuchungsausschusses des Hauptstadtparlaments Rede und Antwort stehen. Daraufhin verordnete Mancera die Entlassung Horcasitas, um eine unabhängige Untersuchung zu garantieren.

Was aber wohl weder der TÜV Süd noch die Deutsche Bahn International und die deutsche Ingenieurberatungsfirma ILF, die alle die Bahnstrecke als betriebsbereit klassifiziert hatten, wussten, ist, dass die im Projekt vorgesehenen Triebwagen und Waggons nicht zum Einsatz kamen. Die damalige Hauptstadtregierung habe sich für andere Triebwagen und Waggons entschieden, die erhebliche Schäden an den Gleisen verursacht haben.

Der STC-Direktor Ortega hatte die Linie 12 vom Projektleiter Horcasita übernommen und dabei bestätigt, dass die Gleise betriebsbereit seien. Die nun entstandenen Schäden an den Gleisen soll die Firma Alstom, die zusammen mit dem Konsortium Carso und der Firma ICA den Bau der Linie durchgeführt hat, beheben. Dazu soll Alstom 200 Millionen Pesos von der Hauptstadtregierung erhalten.

Die Firmen haben ihrerseits die Hauptstadtregierung für die Sicherheitsrisiken verantwortlich gemacht. ICA-Direktor Bernardo Quintana sagte der Tageszeitung „El Universal“, im letzten Jahr habe das STC der Firma zwischen April und Juli nur eingeschränkt Zugang zu der Linie gehabt, um sie instandzuhalten. Der Vertrag zur Instandhaltung sei dann im August 2013 ganz aufgehoben worden. Von der STC gab es bislang keine Stellungnahme dazu. STC-Direktor Ortega gab in der letzten Woche lediglich bekannt, dass Kurven begradigt und der Betrieb nach dem 30.April wiederaufgenommen werden sollen.

Wer letztendlich politisch verantwortlich für dieses verkehrspolitische Desaster ist, will die Legislativversammlung des Hauptstadtdistriktes (ALDF) klären. Dazu wurde in der letzten Woche eine Untersuchungskommission eingerichtet, zu der auch Mitglieder der Abgeordnetenkammer gehören. Nachdem vergangene Woche der ehemalige Projektleiter Horcasitas gehört wurde, soll auch STC-Direktor Ortega vor der Kommission aussagen. Nicht geladen ist bislang der ehemalige Hauptstadtgouverneur Marcelo Ebrard. Unregelmäßigkeiten bei den Zahlungen zwischen der

Hauptstadtregierung und den beteiligten Firmen sollen schon ab 2008 aufgetaucht seien, wie die Tageszeitung „El Universal“ am Freitag berichtet. Das hätten Behörden der Bundesfinanzkontrolle bestätigt. So seien zu den ursprünglich für den Bau veranschlagten 17,5 Milliarden Pesos immer weitere Kosten für nicht ursprünglich geplante Bauten gekommen. Wie weit die überhaupt umgesetzt wurden, muss jetzt geklärt werden. Geklärt ist aber mittlerweile, dass einer der Baugeneraldirektoren der Firma ICA ein Bruder vom nun entlassenen Metro-Projektleiter Horcasita war. (dmz/mik/hl; Arrikelbild: animalpolitico)

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