Entführung als tödliches Spiel

Die Kinder dieses Armenviertels in Ciudad. Juárez nennen den Spielplatz das „Park“ (Foto: Herdis Lüke)

 

Von Herdis Lüke

Ciudad Juárez, 18. Mai 2015 – In Mexiko hören wir jede Woche von Entführungen, von brutalen Drogenbanden und Auftragsmördern. Es scheint schon fast zum Alltag zu gehören. Aber dieser Fall erschüttert das Land. Fünf Jugendliche wollten Entführung „spielen“. Ihr Opfer: ein sechsjähriger Nachbarsjunge.

Es geschah am vergangenen Donnerstag in einem der Armenstadtteile am Rande von Ciudad Juárez. Fünf Kinder und Jugendliche im Alter von 12, 13 und 15 Jahren, darunter zwei Mädchen, langweilen sich. Sie kommen auf die Idee, eine Entführung zu spielen. Dafür brauchen sie ein Opfer. Sie stoßen auf Christopher, der vor seiner Haustür spielt. Weil er sie kennt, lässt er sich von den Älteren unter einem Vorwand zum Mitkommen überreden.

Auf einer ausgedorrten Weide fesseln sie Christopher. Sie würgen ihn, schlagen ihn so lange mit Steinen und einer Stange, bis er tot ist. Um sicher zu gehen, dass er wirklich nicht mehr lebt, stechen sie ihn mehrmals in den Rücken, so der Staatsanwalt. Die Leiche packen sie in eine Plastiktüte und legen sie in ein Loch, das einer der 15-jährigen gegraben hat. Sie überdecken sie mit Gestrüpp und legen zum Schluss den Kadaver eines toten Tieres darauf, um von dem Grab abzulenken.

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In dieser Trostlosigkeit leben viele Kinder und Jugendliche (Foto: Herdis Lüke)

Noch am Donnerstag ruft die Polzei bei der Vermisstenmeldung von Christopher den so genannen bundesweiten Amber-Alarm für Kinder aus. Einer der 15-jährigen plagt sein schlechtes Gewissen und beichtet die Tat seiner Mutter. Sie benachrichtigt die Polizei, der Junge führt sie zum Erdloch.

Der Anblick der verstümmelten Leiche des Kindes, die von den Angehörigen identifiziert werden musste, ließ nach Augenzeugenberichten selbst die an einiges Schlimmes gewohnten Polizisten erstarren. Der Junge hatte keine Augen mehr, seine Wangen waren in Scheiben abgeschnitten worden, seine Lippen wie durchgeschnitten, berichtete die Großmutter des Jungen.

Die Kinder und Jugendlichen kamen in staatliche Obhut. Drei von Ihnen sind noch nicht strafmündig, darunter die 12-jährigen Mädchen und ein 13-Jähriger. Auf die 15-jährigen Jugendlichen wartet eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren.

Woher kommt diese blanke Lust an Gewalt?

Soweit die schreckliche Geschichte. Sie wirft aber viele Fragen auf und sie gibt zu denken. Kann man sie überhaupt verstehen, sie in irgendeiner Weise nachvollziehen? Wer die Armenviertel von Ciudad Juárez gesehen hat, die Trostlosigkeit, die verrammelten Häuser und kleinen Läden, die öden Flächen vollen Gestrüpps, wo in den vergangenen Jahren immer wieder ermordete Frauen gefunden wurden, der kann sich vielleicht vorstellen, dass für Kinder, die dort aufwachsen, Gewalt ein Spiel ist. Nicht nur, weil sie in kaputten Familien aufwachsen und Gewalt schon am eigenen Leibe erleben.

Es geht zu Recht ein Aufschrei durch das Land, aber: Wenn täglich in Zeitungen, die auch Kindern zugänglich sind, Bilder von entführten und ermordeten Menschen gezeigt werden, von abgehackten Köpfen und verwesten Leichen, wenn in Nachrichtensendungen in epischer Breite über Entführungen und Morde berichtet wird, von in schwarze Säcke verpackten Leichen – wen wundert es da wirklich, dass schon Kinder auf die Idee kommen, ein um einige Jahre jüngeres und wehrloses Kind zu töten? Und es ist an der Zeit, dass die Medien in Mexiko sich endlich ihrer Verantwortung bewusst werden und einen Presse-Kodex unterzeichnen, der die Veröffentlichung solcher Bilder verbietet. Die Regierung kann das nicht tun – das wäre Zensur.

Aber solange Menschen solche Zeitungen und Magazine (prensa roja oder amarrilla) in ihrer morbiden – durchaus menschlichen – Neugier kaufen, wird sich nichts ändern. Denn das eine ist die natürliche Sensationslust der Menschen, das andere Verantwortungsbewusstsein der Medienschaffenden und eines jeden Einzelnen. Und hier etwas zu ändern, hat mit Erziehung zu tun. Daran hapert es in Mexiko gewaltig. (dmz/hl/ds)

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