Human Capital Report: Mexikos Grundschulen unter den schlechtesten weltweit

Schüler in einer Grundschule in Mexiko (Foto: almomento.mx)

 

Von Herdis Lüke und Andrea Schneider

Mexiko-Stadt, 17. Mai 2015 – Der Unterricht in den staatlichen Grundschulen von Mexiko gehört zu den schlechtesten der Welt. Nur afrikanische Staaten wie Mauretanien und Tschad sowie arabische Staaten wie Jemen oder Pakistan schneiden noch schlechter ab. Das bescheinigt der aktuelle Human Capital Report des Weltwirtschaftsforums. Den besten Unterricht bekommen Grundschüler in Finnland, Norwegen und der Schweiz.

Nach dem aktuellen Human Capital Report zur Talentförderung liegt Mexiko mit seiner Grundschulbildung auf Platz 102 von 124 Ländern und gehört damit zu den 25 schlechtesten der Welt, hinter Argentinien (87), Chile (84) und Uruguay (82). Am besten schneidet in Lateinamerika Costa Rica mit Platz 35 ab.

Der Human Capital Index misst, wie Länder in einem bestimmten Zeitraum die Talente ihrer Schüler fördern und ihnen helfen, sie einzusetzen. Laut dem Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab,  wird nicht das Kapital, sondern das Talent der Schlüsselfaktor für das Wirtschaftswachstum der Zukunft sein. Die Talentstudie der einzelnen Staaten nimmt die Bildung und die Arbeitssituation verschiedener Altersgruppen unter die Lupe. Das Ranking misst die Qualität der Ausbildung von der Grundschule bis zur Universität und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die mit der Ausbildung zu erreichen sind.

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Im Gesamtranking der 124 Staaten steht Mexiko mit Platz 58 nicht so schlecht da und gehört mit Argentinien (48), Uruguay (47) und Chile (45) zu den besten in Lateinamerika. Dennoch gibt es keinen Grund zur Freude: Von den rund drei Millionen, die in Mexiko eine Universität besuchen, machen nur 500.000 auch einen Studienabschluss.

Schon die OECD bescheinigte Mexiko im Rahmen der PISA-Studie 2014 einen Rückstand in Mathematik von 25 und im Lesen sogar von 65 Jahren. Zudem stellte die OECD heraus, dass Mexiko das Land mit den meisten Schulabbrechern zwischen 15 und 18 Jahren ist. Viele junge Mexikaner arbeiten im Niedriglohnsektor oder auf eigene Rechnung. Für hochqualifizierte Akademiker gebe es keine angemessenen Positionen in ihrem Fachbereich. Der OECD zufolge werden in Mexiko Arbeitskräfte mit geringem Bildungsniveau bevorzugt, weil sie billiger seien. Akademiker seien gezwungen, weniger gut bezahlte Stellen anzunehmen.

Ein weiteres ernst zu nehmendes Problem stellt laut OECD die wachsende Zahl an so genannten Ninis (ni trabajar, ni estudiar) dar, das sind Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 29 Jahren, die weder arbeiten noch irgendeine Ausbildung machen. Ihr Anteil an dieser Altersgruppe liegt bei 25 Prozent. Die OECD-Kabinettsdirektorin Gabriela Ramos sieht darin einen „gesellschaftlichen Risikofaktor“. Gabriela Ramos bezeichnete die Ausbildungssituation in Mexiko allgemein als „dramatisch“.

Die Bildungsmisere in Mexiko hat diverse Ursachen

In Mexiko gibt es zwar eine gesetzliche Schulpflicht von sechs Jahren, doch wird diese nicht überprüft. Im Durchschnitt besucht ein Kind in Mexiko nur fünf Jahre die Schule. Viele Kinder müssen arbeiten gehen, damit die Familie über die Runden kommt, obwohl in Mexiko gerade gesetzlich festgelegt wurde, dass Kinder erst ab 15 Jahren überhaupt arbeiten dürfen. Nachgeprüft wird das nicht.

Die Bildungsmisere hat mehrere Ursachen. Jahrzehntelang konnten die Lehrergewerkschaften, allen voran SNTE (Sindicato Nacional de los Trabajadores de la Educación, die größte in Lateinamerika) schalten und walten, wie sie wollten. Lehrplätze waren nur über die Gewerkschaften gegen Geld zu bekommen, und wer einmal einen Platz ergatterte, gab ihn nicht mehr her, er wurde weitervererbt. Ob jemand für den Lehrberuf geeignet war oder nicht, spielte keine Rolle.

Die von Präsident Enrique Peña Nieto in seinem ersten Amtsjahr 2013 durchgesetzte Bildungsreform hat zum einen die (Über)macht der korrupten und allmächtigen Gewerkschaft SNTE drastisch beschnitten (deren Führerin Elba Esther Gordillo landete gar im Gefängnis), zum anderen auch Standards für die Lehrkäfte eingeführt. Diese müssen ein Examen ablegen und nachweisen, dass sie für den Lehrberuf geeignet sind. Wer von den bisher angestellten Lehreren das Examen nicht besteht, wird entlassen.

Die Bildungsreform wurde auch von allen Bundesstaaten abgesegnet, aber die gewerkschaftlich organisierten Lehrer aus vornehmlich drei Bundesstaaten – Oaxaca, Guerrero und Michoacán – weigern sich, Examen abzulegen und fordern seitdem mit mehr oder weniger gewalttätigen Demonstrationen in ihren Bundesstaaten, vor allem aber auch im Bundesdistrikt, die Rücknahme der Reform.  

Auf der anderen Seite haben die Lehrer in Mexiko mit vielen Problemen zu kämpfen. In den staatlichen Schulen werden mehr als 40 Kinder in einem Klassenraum unterrichtet. Viele Schulen sind in schlechtem baulichen Zustand und verfügen kaum über Ausrüstungen und Hilfsmittel. Besonders schwer haben es die – schlecht – bezahlten Lehrer in ländlichen Gebieten, wo viele indigene Kinder bei Einschulung noch nicht spanisch sprechen.

Ein weiteres Problem ist das Lehrsystem an sich, bemängeln auch viele internationale Experten wie Eric Hanushec von der Universität Stanford. So führten Mexikos Lehrer ihre Schüler nicht auf das gewünschte Lernniveau hin. In staatlichen Schulen gibt es keinen Fremdsprachenunterricht, außerdem lernen die Schüler hauptsächlich durch Auswendiglernen – damit werde Mexikos Jugend international nicht wettbewerbsfähig gemacht. Hanushek kritisiert hier vor allem die Haltung der Lehrer, die sich gegen jede neue Entwicklung sträubten. „Mexiko muss begreifen, dass die Wirtschaft nur über eine gute Bildung wachsen kann“. Bei den mexikanischen Lehrern sieht er „keine Ambition, mit den Familien ihrer Schüler und dem Staat zusammenzuarbeiten“, um die Bildungslage zu verbessern. (dmz/hl)

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