Massaker in Mexiko

Von Denis Düttmann

 

Die Grenzen zwischen organisiertem Verbrechen und staatlichen Sicherheitskräften sind in Mexiko fließend. Vor allem die städtische Polizei gilt als unterwandert und korrupt. Der Mord an Studenten zeigt, wie eng Kartelle und Staat teilweise zusammenarbeiten.

Iguala, 6. Oktober 2014 – Polizisten im Sold einer brutalen Verbrecherorganisation, Auftragskiller als Handlanger eines örtlichen Sicherheitschefs: Die Geständnisse von zwei Gangstern und eines Beamten nach einem Entführungsdrama im Südwesten Mexikos gewähren tiefe Einblicke in einen Sumpf aus Korruption, Machtmissbrauch und Kriminalität im Bundesstaat Guerrero.

In der Stadt Iguala waren vor rund einer Woche 43 Studenten nach einer Protestaktion verschwunden. Bei einem blutigen Polizeieinsatz gegen die Demonstranten hatten die Beamten zuvor bereits zwei Kommilitonen erschossen und 25 Menschen verletzt. Von den anderen jungen Leuten fehlte bislang jede Spur.

Event Tickets at TicketNetwork.com

Jetzt führten zwei Mitglieder der Bande „Guerreros Unidos“ (Vereinigte Krieger) und ein städtischer Polizist die Ermittler zu einem Massengrab am Rande von Iguala. 17 Studenten hätten sie dort getötet, räumten die Verdächtigen ein. Der Sicherheitschef der Stadt, Francisco Salgado Valladares, habe angeordnet, die Studenten festzunehmen. Der Mordauftrag sei von „Chucky“, dem örtlichen Chef der „Guerreros Unidos“ gekommen, sagten die drei Männer.

Noch sind die insgesamt 28 Leichen in dem Massengrab nicht zweifelsfrei identifiziert, doch die Geständnisse weisen auf ein enges Geflecht zwischen dem organisierten Verbrechen und den staatlichen Sicherheitskräften in Guerrero hin. Allein in Iguala sollen 30 Beamte der städtischen Polizei im Sold der „Guerreros Unidos“ stehen.

Die Bande ging einst aus einem bewaffneten Arm des Drogenkartells Beltrán Leyva hervor und gilt als ausgesprochen brutal. Nach Einschätzung des Geheimdienstes haben die „Guerreros Unidos“ die Sicherheitskräfte in Iguala großflächig infiltriert. Die Stadt liegt strategisch günstig zwischen der Kartellhochburg Tierra Caliente, dem Urlaubsort Acapulco an der Pazifikküste und Mexiko-Stadt im Zentrum des Landes.

Warum die Gangster nun offenbar im Auftrag der Polizei die Studenten töteten, ist unklar. Der Bürgermeister und der Sicherheitschef von Iguala sind seit einer Woche auf der Flucht. „Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen den staatlichen Institutionen und dem organisierten Verbrechen. Man kann sie nicht mehr auseinanderhalten“, sagte Édgar Cortez vom Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie der Zeitung „La Jornada“. Stadträtin Sofía Morena wagt sich seit einem Jahr nur noch in Begleitung eines Leibwächters auf die Straßen von Iguala. „Aus Angst und wegen der Unsicherheit gab es hier seit einem Jahr keine sozialen Proteste mehr“, sagte sie der Zeitung „Excélsior“.

Das Lehrerseminar Ayotzinapa, zu dem die Studenten gehörten, gilt als politisch links und als besonders aktiv bei politischen Protesten. Die meisten Hochschüler stammen aus einfachen Verhältnissen und kommen aus Indio-Gemeinden. Bei der Protestaktion vor rund einer Woche hatten sie in Iguala mehrere Busse gekapert, um in die Provinzhauptstadt Chilpancingo zu fahren. Mit der brutalen Polizeigewalt hatten aber wohl selbst die kampferprobten Kommilitonen nicht gerechnet.

Tag für Tag würden die Menschenrechte der Bürger von Guerrero verletzt, heißt es in dem jüngsten Bericht der Nationalen Menschenrechtskommission. Die Regierung verfüge offensichtlich über keine adäquate Strategie, um die Sicherheitssituation in der Region zu verbessern. Guerrero gilt als der gefährlichste Bundesstaat Mexikos und gerade auf dem Land als weitgehend rechtsfreier Raum. Bewaffnete Gruppen haben hier Tradition und Konflikte werden nicht selten mit der Waffe ausgetragen. Eine dermaßen offene Allianz zwischen dem organisierten Verbrechen und der Polizei, wie nun in Iguala, ist aber selbst in Mexiko äußerst ungewöhnlich. (dpa/dmz/hl; Foto:www.almomento.mx)

{fshare}

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.