Mexiko hat viele unerkannte Helden – ein Erfahrungsbericht

 

 

Ingrid Ernst mit ihrem Mann und ihren Kindern (Foto: LifeTravelMex)

Mexiko-Stadt, 5. September 2015 Sie hat Schreckliches erlebt in Mexiko: Ihr Mann wurde entführt. Nach Tagen bangen Wartens kam er frei. Die Täter wurden knapp zwei Jahre später geschnappt – dank Mexiko unerkannter Helden. Ingrid Ernsts Erfahrungsbericht zeigt die gute Seite Mexikos, die viel mehr Beachtung finden sollte.

Ihr mexikanischer Mann wurde im November 2013 entführt, berichtet Ingrid in ihrem Blog, der über Mexikos sehenswerte Seiten berichtet. Sie wohnten damals vorübergehend in Tabasco. „Mein Mann war kein zufälliges Opfer, sondern wurde gezielt ausgesucht und über Monate beschattet (bzw. wir, die Familie).“ Nach zwei Wochen kam ihr Mann unversehrt frei – ein Happy End also.

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Ingrid möchte nicht über das Thema Kriminalität in Mexiko sprechen. Das, so sagt sie, erledigen bereits die Medien. „Hand aufs Herz, ich bin es satt. Ja, es gibt Gewalt und Kriminalität in Mexiko, aber der Großteil der Bevölkerung lebt einen normalen, friedlichen Alltag und die Medienberichte sind nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Und abgesehen von den “Bandidos” im Land gibt es viele, viele andere Menschen, die unerkannte Helden sind, die etwas bewegen, teilweise Ihr Leben aufs Spiel setzen… und über diese Menschen berichtet niemand.“

 Fast zwei Jahre nach der Entführung wurden die Täter ausfindig gemacht und festgenommen. Sehr wahrscheinlich, glaubt Ingrid, werden sie für Jahrzehnte, wenn nicht für immer, im Gefängnis ausharren. „Derartige Erfolge werden leider kaum beachtet, sollten es aber!“

 Großen Wert legt die zweifache, aus Hamburg stammende Mutter darauf klarzustellen, dass der Umgang mit der Policía Federal „absolut vertrauenserweckend und hilfreich war. Ohne die Behörden hätte ich meinen Mann wahrscheinlich nie wiedergesehen.“

 Die Anti Entführungs- Einheit (“Anti Secuestro”) der Bundespolzei, erklärt Ingrid, ist landesweit unter der Telefonnummer 088 erreichbar. Die Beamten dort sind auf solche Fälle spezialisiert ist. Innerhalb von Stunden seien Agenten aus Mexiko-Stadt zu ihrer Familie nach Tabasco eingeflogen und operierten undercover bei ihnen im Haus. Ingrid: „Wir bekamen strategische und psychologische Unterstützung und genau dank dieser Hilfe kam mein Mann wieder gesund nach Hause. Ich kann meine Dankbarkeit nicht in Worte fassen, aber sie ist fest in meinem Herzen verankert!“

 Während der Entführung sei ein enges Zusammenleben mit den von der Policía Federal entsandten Agenten entstanden. Darunter war nach Ingrids Worten eine Mutter von kleinen Kindern, die sie oftmals wochenlang nicht sieht, „die 24 Stunden am Tag auf Abruf ist und deren Familie fast daran zerbricht. Ein anderer war ein zwei Mal geschieder Mann, „weil keine Ehefrau bei diesen Rhythmus mithalten konnte oder wollte“.

 Dieses sind  für Ingrid „die unerkannten Helden Mexikos, die dafür leben, Familien in Not zu helfen, die alles geben, diese Familien zu unterstützen und Opfer zu befreien. Die ihr Leben aufs Spiel setzen, weil man nie weiß, ob sie zu einem realen Einsatz gerufen werden oder es sich vielleicht doch um eine Falle handelt.“

 „Ich glaube wieder an Mexiko“

 Auch die Beamten, die im Anschluss ihren Fall bearbeiteten, hätten zu jedem Zeitpunkt sehr professionell gehandelt: „Sie sind nicht minder Helden als die Agenten, die uns während der Entführung unterstützten. Sie gaben nicht auf, bis sie die Täter schließlich hinter Gittern hatten und nun vor Gericht stellen, und auch dafür bin ich unheimlich dankbar. Es kann das Geschehene nicht rückgängig machen, aber die Täter werden nie wieder andere Familien in ein derartiges Leid stürzen. Und das gibt mir Ruhe. Ich konnte abschließen. Heute, nach dieser Erfahrung und Unterstützung, glaube ich wieder an Mexiko. Und bin sehr, sehr dankbar.“

 Als die Täter festgenommen wurden, wurden sie und ihr Mann sofort telefonisch benachrichtigt. „Innerhalb von Stunden wurde mein Mann nach Mexiko-Stadt eingeflogen (mehrmals, während der Ermittlungen), um zu verifizieren, ob es sich tatsächlich um die Täter handelt. Während dieser Reisen war medizinisches Personal anwesend, um sicher zu sein, dass es meinem Mann physisch und psychisch gut geht. Hinzu bekamen wir einen Anwalt gestellt, der uns vertritt, sowie psychologische Unterstützung für die gesamte Familie.“

 Aber nicht nur der Umgang mit den Behörden sei beeindruckend gewesen, berichtet Ingrid weiter. Nach der Entführung “flüchtete” die Familie, nur mit dem, was sie am Leib trugen, aus Tabasco, wo sie eigentlich für ein Jahr wohnen sollten, und kehrten nach Cancun zurück. Dort hatte die kleine Familie vor ihrem Umzug nach Tabasco zehn Jahre lang „glücklich und geborgen. In Cancun fühlten wir uns immer sicher. So sicher, dass unsere Tür tagsüber nie abgeschlossen war, manchmal sogar auch nicht nachts. In Cancun, konnten wir zu jedem Zeitpunkt unbesorgt durch die Straßen ziehen. Wie wir es heute übrigens wieder tun.“

 Die zwei Wochen waren für Ingrid nicht nur wegen der Angst um ihren Mann und des bangen Wartens schrecklich. Sie konnte ihren Kindern nichts sagen und musste die ganze Zeit über Haltung bewahren und für sie da sein wie an ganz normalen Tagen, berichtet sie der DMZ. Das zeugt von ihrer Stärke und ihrer positiven Lebenseinstellung.

 Solidarität nicht nur von Freunden

 Nach der Freilassung ihres Mannes ließen sie ihren gesamten Haushalt in Tabasco zurück: „Wir hatten unsere Ersparnisse und Arbeit verloren und kamen verstört aber glücklich in Cancun an. Der Empfang unserer Freunde war unbeschreiblich und treibt mir noch heute die Tränen in die Augen. Wir wurden aufgefangen, umsorgt, umarmt, unterstützt, bekamen von Freunden eine Ferienwohnung gestellt. All das Böse, was es in einigen, wenigen Menschen gibt, wiegt nicht das Gute auf, was den anderen, den Großteil ausmacht. Und so fanden wir Stück für Stück in unser Leben zurück.“

 Die ehemalige (private) Schule ihrer Kinder bot an, ihre Kinder unentgeltlich aufzunehmen, so dass sie wieder in ihre gewohnte Umgebung und zu ihren Freunden zurückkehren konnten. „Die Schule stellte für unsere Kinder sogar Uniformen, Schulbücher und psychologische Betreuung. Und das einfach nur aus Nächstenliebe.“

Dies ist die andere Seite Mexikos. Davon berichten die Medien nicht. Aber das ist das Mexiko, welches ich kenne und liebe.” So möchte Ingrid nicht „über die paar faulen Äpfel im Korb ‚Mexiko‘ reden, wer es wert erwähnt zu werden, sind die Anderen. Und diese waren für uns Grund genug in unserem geliebten Mexiko zu bleiben. Wo wir uns in der sicheren Yucatan Península wohl fühlen. Wo wir die weltbesten Freunde haben. Und wo es uns heute – Gott sei Dank – wieder gut geht.“

Ingrid Ernst: Wenn das Leben Dir Limonen gibt, dann frag nach Tequila! (dmz/hl)

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