Weihnachts-Drama am La Plata – Ein Wiedersehen, das keines ist

 

 

María Isabel Chorobik de Mariani (J.M. Ramos Padilla ‏ / Twitter)

Von Georg Ismar

Buenos Aires, 27. Dezember 2015  Sie sitzt in einem weißen Nachthemd auf dem Bett und sieht unendlich traurig aus. Dieses Weihnachten 2015 wird María Isabel Chorobik de Mariani nicht vergessen. Es hätte die schönste Weihnachtsgeschichte werden können. Ist aber die bitterste geworden.

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Der Reihe nach: Seit 39 Jahren sucht die Mitbegründerin der weltweit bekannten „Großmütter der Plaza de Mayo“ ihre am 24. November 1976, während der Militärdiktatur in Argentinien verschwundene Enkelin. Deren Mutter starb bei der Attacke auf ein Haus, das angeblich als Operationsbasis der linken Montoneros-Guerilla diente, der Vater wurde 1977 getötet. Es war die Zeit des Ost-West-Konflikts, die Militärs versuchten mit aller Härte ein zweites Kuba zu verhindern.

„Ich darf nicht sterben, bevor ich meine Enkelin gefunden habe“, sagte die heute 92-Jährige Mariani mal vor einigen Jahren. Die Menschenrechtsorganisation „Großmütter der Plaza de Mayo“ die sich die Suche nach den Verschwundenen zur Lebensaufgabe gemacht haben, schätzt die Zahl der noch verschwundenen, ihren oft ermordeten Eltern entrissenen Kinder auf 400. Sie wuchsen in der Regel bei regimetreuen Pflegeeltern auf und kennen ihr Schicksal oft nicht. Bisher wurden 119 wiedergefunden. Nummer 120 entwickelt sich zum tragischen Fall.

An Heiligabend steht die so verzweifelt gesuchte Clara Anahí bei ihrer 92 Jahre alten Oma in La Plata vor der Haustür. Sie hatten schon vor Monaten lose Kontakt, weil die Frau eine Ähnlichkeit mit den getöteten mutmaßlichen Eltern Diana Teruggi und Daniel Mariani auf Fotos erkannt hatte. So bekam sie von Mariani eine Blutprobe.

Das letzte Bild, das sie von ihrer Enkelin Clara hat, zeigt sie als Baby 1976 mit pechschwarzem Haar in einer Kinderwippe, lachend. Seither ist Clara verschwunden. Und Mariani auf der Suche. Seit einem Jahr auch via Facebook, sie durchstöbert Archive, sucht weltweit Unterstützung, um Druck auf diejenigen auszuüben, die das Schicksal kennen können. Und nun steht Mariani, die alle nur „Chicha“ nennen, am Heiligabend neben einer lachenden Frau mit schwarzen Haaren.

Sie heißt heute María Elena Wherli – und hat die DNA-Analyse eines Privatlabors aus Córdoba dabei. Ein Biochemiker namens Juan Carlos Jaime stellt darin fest, dass es zu 99,9 Prozent erwiesen sei, dass es eine biologische Verbindung gebe und sie Clara Anahí sein müsse.

Im Namen der für die Suche gegründeten Stiftung Anahí lässt Mariani mitteilen: “Wir teilen mit Millionen Argentiniern und der ganzen Welt diese enorme Freude.“ Auch Staatspräsident Mauricio Macri gratuliert, er spricht von einem „Triumph auf der Suche nach der Wahrheit“.

Doch noch fehlt der offizielle Beweis, durch einen Abgleich mit der zentralen Gen-Datenbank (Banco Nacional de Datos Genéticos), gleich zwei Tests ergeben dann: Es gibt doch keine familiäre Verbindung.

Generalstaatsanwalt Pablo Parenti teilt nüchtern mit: „Somit ist klar, dass die gestern veröffentlichte Information falsch war.“ Marianis Biograf Juan Martín Ramos Padilla spricht auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz von einem „Kommunikationsfehler“. Aus Freude über die vermeintliche Wiedervereinigung habe die Stiftung Anahí zu schnell die Öffentlichkeit informiert, Mariani sei „sehr traurig und verletzt“. Die Suche nach der echten Clara gehe weiter.

Was bleibt sind Fragen, vor allem an die vermeintliche Enkelin, die angeblich schon im Juni von offizieller Seite auf eine entsprechende Anfrage erfuhr, dass ihre DNA und die von Mariani keine Gemeinsamkeit aufweisen. Wie konnte es dann zum irreführenden DNA-Test des Labors in Córdoba kommen? Lebt die richtige Clara noch? Es gab Gerüchte, sie sei bei einer sehr einflussreichen Familie untergekommen – wächst nun der Druck, ihre wahre Identität zu offenbaren? Wohl nur dann könnte aus diesem Drama noch ein Happy End für ihre Großmutter werden. (dpa/dmz/hl)

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