Theaterwelt 2014

Reihe von inszenierten Lesungen im Centro Cultural del Bosque in Mexiko-Stadt

 

Mexiko-Stadt, 20. Juni 2014 – Das Instituto Nacional de Bellas Artes, das Goethe-Institut Mexiko, das Österreichische Kulturforum Mexiko und die schweizerische Botschaft in Mexiko präsentieren bis zum 6. Juli im Centro Cultural del Bosque in Mexiko-Stadt die 4. Auflage  des  Zyklus „Theaterwelt“. Prüsentiert werden ins Spanische übersetzte zeitgenössische Thetaterstücke aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die von fünf mexikanischen Regisseuren in Szene und mexikanischen Schauspielern interpretiert werden.

Schweiz: Von den Beinen zu kurz

In dem Stück von Katja Brunner (Übersetzung: Carla Imbrogno) interpretieren Myrna Moguel, Cecilia Ramírez und Teté Espinoza unter der Regie von David Gaitán eine Familie:  Vater, Mutter, Kind. Namenlos. Bürgerlich. Alles könnte gut sein, doch der Vater verfällt der Tochter vom Tage ihrer Geburt an. Für das Mädchen ist die „grenzenlose“ Liebe des Vaters Teil ihrer Wirklichkeit, sein Begehren Normalität. Die ausrangierte Mutter stempelt die Tochter zur Diebin ihres Mannes. Mögliche Stationen dieser Tragödie – Geburt, erster Übergriff, Streichelzoo, Kindergeburtstag, Arztbesuch, Selbstmord – werden von Außenstehenden entworfen und kommentiert. Dadurch (re)konstruieren sich einander widersprechende Bilder von den Gefühlsregungen, dem Macht- und Ohnmachtsgebaren der beteiligten Personen. Dem therapeutischen Gerede zum Trotz, das später auf das Mädchen einprasselt, verteidigt die Tochter ihr verhängnisvolles Verhältnis zum Vater. In Katja Brunners beeindruckendem Debüt wird die Sprache zu einem Seziermesser, das die Vater-Mutter-Kind-Welt zerschneidet und die schwindelerregenden Abgründe menschlicher Leidenschaft aufdeckt.

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Katja Brunner, geboren 1991 in Zürich, studierte Literarisches Schreiben an der HdK Bern und Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. 2010 entstand innerhalb des Dramenprozessors ihr Stück Von den Beinen zu kurz, das am Theater Winkelwiese uraufgeführt wurde. 2012 Teilnahme an den Werkstatttagen des Burgtheaters. 2013 war sie mit ihrem Stück Die Hölle ist auch nur eine Sauna zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und gewinnt mit der Deutschen Erstaufführung von “von den beinen zu kurz” den Mülheimer Dramatikerpreis. In der Spielzeit 2014/2015 wird Katja Brunner Hausautorin am Theater Luzern. Aufführungen am 26. Juni und 4. Juli, 20:00 Uhr.

Deutschland: Testosteron

Rebekka Kricheldorfs schwarze Parabel (Übersetzung: Bierte Pedersen) über moderne männliche Heldenmythen nimmt das Grimmsche Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ zum Ausgangspunkt. Im Märchen gewinnt der angeblich Dümmere von zwei Brüdern dank seiner speziellen Gabe, sich vor nichts zu fürchten, am Ende einer gefährlichen Odyssee die Königstochter. Auch in Testosteron konkurrieren zwei Brüder beziehungsweise zwei Männlichkeitsentwürfe: Ingo, erfolgreicher Arzt, ist ein Inbild des modernen Mannes, getrieben von der Furcht vor schädlichen Zusatzstoffen in Lebensmitteln und der Angst vor dem Werteverfall seiner Immobilien. Sein Bruder Raul war lange bei der Fremdenlegion, lebt ohne Arbeit im schlechten Viertel der Stadt und schreckt vor Gewalt keineswegs zurück. Als Ingos Freundin entführt wird, muss er seinen furchtlosen Rambo-Bruder um Hilfe bitten… Figurenkonstellation und Themen des Märchens aufgreifend, untersucht Rebekka Kricheldorf, wie sich Angst beziehungsweise Angstfreiheit auf eine scheinbar abgesicherte Gesellschaft auswirkt. Unter der Regie von Mariana Hartasánchez spielen/lesen David Bernal, Fermín Martínez, Leonardo Villa, Pilar Ixquic Mata, Gabriela Betancourt, Carlos Valencia. Aufführungen am 27. Juni um 20:00 Uhr und 05. Juli um 19.00 Uhr.

Rebekka Kricheldorf wurde 1974 in Freiburg geboren. Sie studierte Romanistik an der Humboldt-Universität Berlin und Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin. Ihr erstes Stück Prinzessin Nicoletta, schräges Erwachsenenmärchen und Gesellschaftsgroteske in einem, gewann 2002 auf dem Heidelberger Stückemarkt sowohl den Verleger- als auch den Publikumspreis. Für ihr Schauerstück Kriegerfleisch (2003) erhielt sie den Kleist-Förderpreis. Mit ihrem Stück Die Ballade vom Nadelbaumkiller wurde sie 2005 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Rebekka Kricheldorf war von Januar bis Juni 2004 Hausautorin am Nationaltheater Mannheim und arbeitete gleichzeitig an Auftragsstücken für das Staatstheater Stuttgart und für das Theater am Neumarkt in Zürich. Von 2009 bis 2010 war sie Dramaturgin, Hausautorin und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Theaterhaus Jena. 2014 wurde Sie für ihr Theaterstück Alltag & Ekstase zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen.

Österreich: Alpenvorland

Das Stück von Thomas Artzt (Übersetzung: Citlali Bernhardt) handelt von einer Gruppe von Freunden, die sich in der alten Heimat zum Grillfest trifft. Eingeladen haben Hannes und Heidi, es gibt etwas zu feiern: Sie haben den Ort, den die Freunde schon seit ihrer Jugend kennen, als Baugrund erworben. Der Grundriss ist bereits abgesteckt; zwischen zukünftigen Ess-, Schlaf- und Kinderzimmern wird der Grill aufgebaut und Kuchen ausgepackt. Nostalgische Gefühle werden wach, Erinnerungen abgeglichen, aber noch bevor die ersten Würstchen fertig sind, kommen alte Rivalitäten zum Vorschein. So endet das Grillfest zunächst mal statt mit dem Dessert in einer Kuchenschlacht. Nachdem sich Hannes und Heidi getrennt haben, muss im Laufe des Jahres nicht nur der Freundeskreis beweisen, wie krisensicher er ist, sondern vor allem sich jeder einzelne in einer Situation zwischen Studium, Beruf und Kinderkriegen neu positionieren. Zwischen der Angst vor Stagnation und der Sehnsucht nach dem Beständigen scheint jede Entscheidung für den beruflichen Aufstieg oder die Familienplanung immer auch mit der Heimat verbunden zu sein: Fortkommen, Weggehen, Heimkehren? Nur Hannes baut unbeirrt weiter an seinem Haus, bis auch ihm klar wird, dass es nicht ausreicht, die Zimmer neu zu verteilen und den Grundriss umzustecken. In Frage steht der Baugrund selbst. Unter der Regie von Mariana Villegas spielen/lesen Diana Sedano, Paulina Sánchez, Astrid Romo, Fernando Álvarez Rebeill, Edson Martínez, Isael Almanza und Alan Uribe. Die Aufführungen sind am 28. Juni, 19:00 Uhr und 6. Juli 18:00 Uhr.

Thomas Artzt wurde 1983 in Schlierbach, Oberösterreich geboren. Er war Gasthörer an der Filmhochschule München und studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Germanistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Wien. 2008 entstand sein erstes Theaterstück Grillenparz im Rahmen des Autorenprojekts „stück/für/stück“ am Schauspielhaus Wien. Es wurde mit dem von der Literar-Mechana gestifteten Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet und im April 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, wo Thomas Arzt in der Spielzeit 2010/2011 als Hausautor arbeitete. Er erhielt u.a. das Dramatikerstipendium der Stadt Wien sowie das Thomas-Bernhard-Stipendium am Landestheater Linz. Beim Heidelberger Stückemarkt 2012 wurde sein Stück Alpenvorland mit dem Autorenpreis ausgezeichnet.

Deutschland: Wir lieben und wissen nichts

In Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ (Übersetzung: Claudia Cabrera) treffen sich zwei Paare zum Wohnungstausch. Hannah muss für einige Zeit nach Zürich, um dort Zen-Kurse für gestresste Bankmanager zu geben. Ihr Freund Sebastian soll sie begleiten. Währenddessen zieht bei ihnen Roman ein, ein Informatiker, der berufsbedingt von hier den Abschuss eines Satelliten in das All verfolgen will. Dass Roman von seiner Schweizer Firma gerade entlassen wurde, ahnt er dabei noch nicht; das weiß nur Magdalena, seine Frau, die aber vorerst schweigt. Romans eigene Unwissenheit ist aber nur einer der Konfliktpunkte, um die Rinkes so liebevoll wie gnadenlos gezeichnete Figuren kreisen. Dem stets grübelnden Kulturhistoriker Sebastian setzt vor allem der anstehende Ortswechsel zu: Er forscht über alte „hochherzige Gesellschaften“ und stößt sich an den Zwängen der mobil-modernen Welt, in der man via Passwörtern und PIN-Codes zwar Zugang zu allem Möglichen erhält, nur nicht zu sich selbst. In Roman, einem Fanatiker der Technik und Effizienz, erkennt Sebastian auf Anhieb seinen Erzfeind. Zugleich findet Hannah nicht ohne Grund Gefallen an Romans Macherqualitäten. Umgekehrt wird Magdalena von Sebastians Melancholie fast magisch angezogen. Bereits seit längerem schwelende Beziehungskrisen brechen plötzlich offen aus und eskalieren zu einem Kampf der Kulturen, bis sogar ein Schuss aus einer geladenen Pistole fällt. Regie führt Noé Lynn, interpretiert werden die beiden Paare von Marissa Saavedra, Alberto Eliseo, David Lynn und Isabel Bazán. Aufführungen am 21. Juni um 20:00 Uhr, 29. Juni um 19:00 Uhr und 02. Juli um 18:00 Uhr.

Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, zählt zu den meistgespielten Gegenwartsdramatikern. Er schreibt Kolumnen und Reportagen u.a. für den Berliner Tagesspiegel. 1995 debütierte es als Dramatiker mit  ‘Der graue Engel’. ‘Republik Vineta’ wurde in der Kritikumfrage von ‘Theater heute’ zum besten deutschsprachigen Stück der Spielzeit 2000/02 gewählt und 2001 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, ebenso wie ‘Die Optimisten’ (2004) und ‘Café Umberto’ (2006). 2010 erschien sein Roman ‘Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel’ und stand wochenlang auf der Bestsellerliste.

Deutschland: Nullen und Einsen

„Es gibt nur zwei Zustände. Diese beiden Zustände sind: Der Zustand AN. Und der Zustand AUS“, heißt es zu Beginn des mit „Subtraktion“ überschriebenem ersten Teils von Nullen und Einsen aus der Feder von Philipp Löhle (Übersetzung . Mónica Moldoványi de Goyeneche). Wenn das mal so einfach wäre. Im Laufe des zweiten Teils („Addition“) werden die Gewissheiten im Leben der Protagonisten nachhaltig aufgelöst, und spätestens im dritten Teil („Multiplikation“) schwirrt auch dem Zuschauer auf angenehm verstörende Weise der Kopf. Zum heimlichen Hauptinitiator des Verwirrspiels wird unversehens Moritz Krehmer, dem seine Kollegin Klara beim erfolglosen Date bescheinigt, dass er „ein schrecklich langweiliger, kleinkarierter Mensch“ sei. Selbst wenn er mit verrückten Aktionen (ohne Socken ins Büro gehen!) auffallen will, wird er von allen übersehen. Erst als er seine Arbeit in einem Unternehmen, das Daten „von allem“ sammelt und analysiert, etwas (nach)lässig erfüllt, wird eine geheimnisvolle Organisation auf ihn aufmerksam, die hinter seinem Leichtsinn einen wohlgeplanten Sabotageakt vermutet und ihn ausschalten will. Doch da hat es bereits diesen Autocrash gegeben, der den Algorithmus der Welt neu programmiert. Plötzlich beginnt Moritz wirklich zu verschwinden – oder vervielfältigt er sich eher?

Philipp Löhle schickt seine Figuren auf die Suche nach der Formel, die vielleicht alles zum Besseren wendet. Doch woraus sollte sie bestehen? Aus der großen Liebe, die sich Klara wünscht, dem Aufbruch in ein neues Selbst, nach dem sich Jonas immer gesehnt hat, der Illusion von Beständigkeit, von der sich Jule längst verabschiedet hat, um notgedrungen einen Neuanfang nach dem anderen zu wagen? Nullen und Einsen fragt nach der Berechenbarkeit unserer Existenz und zeigt eindrücklich, dass man dabei mit allzu einfachen Rechenarten nicht sehr weit kommt. Unter der Regie von Alberto Villarreal agieren Pilar Padilla, Soraya Barraza, David Blanco, Jonathan Ramos, Fernando Álvarez Rebeill, Pépe Romero, Eduardo Castañeda, Mariano Ruiz und Wolfgang Bischof. Aufführungen am 22. und 25. Juni um 20:00 Uhr und am 06. Juli um 18:00 Uhr.

Philipp Löhle, Dramatiker und Theaterregisseur, wurde 1978 in Ravensburg geboren. Erste Theaterstücke entstanden bereits während des Studiums der Geschichte, Theater- und Medienwissenschaft und deutschen Literatur in Erlangen und Rom. Anschließend wirkte er an filmischen Projekten mit und ging verschiedenen journalistischen Tätigkeiten nach. Im Jahr 2008 ging Philipp Löhle mit einem Stipendium an das renommierte Londoner Royal Court Theatre, um an der International Playwrights Residency teilzunehmen. Für ‘Genannt Gospodin’ wurde der Autor mit dem Förderpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ausgezeichnet. 2007 gewann er den Werkauftrag des Theatertreffen-Stückemarktes, gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung. ‘Lilly Link’ wurde 2008 mit den Jurypreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Für ‘Genannt Gospodin’ wurde Philipp Löhle 2008 außerdem für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, 2012 war er zum zweiten Mal nominiert und gewann für ‘Das Ding’ den Publikumspreis, welches ebenfalls am Deutschen Theater zu sehen war.Philipp Löhle war Hausautor am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Nationaltheater Mannheim und am Staatstheater Mainz. (dmz/hl mit Material vom Goethe-Institut)

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