Metrolinie 12: „Ich war’s nicht…“

 

Marcelo Ebrard, ehemaliger Bürgermeister von Mexiko-Stadt und heute Außenminister von Mexiko (Foto: Facebook)

Von Joel Santiago Hernández

Mexiko-Stadt, 21. Juni 2021 – So mancher würde sagen: „War wohl eine Lüge, dass…“, aber in Wirklichkeit ist es Teil der Natur vieler mexikanischer Politiker und Beamter, ihre eigenen Fehler nicht zu erkennen, den Fleck im eigenen Auge nicht zu sehen; sie können stolpern und hinfallen, Fehler begehen oder offen korrupt handeln, alles im Namen des Vaterlandes.

Es sind immer dieselben Politiker und Beamten, die damit in jeder Wahlperiode kämpfen, sich bemühen, konfrontieren, das nationale politische System zum Kollabieren bringen, die anklagen, lügen, mit dem Finger zeigen, vergiftete Pfeile werfen, geohrfeigt werden, intrigieren, versprechen, schwören und einen Meineid darauf leisten, dass sie der beste Herrscher der Welt sein werden, um dann…

Dann, wenn sie auf dem Stuhl der Macht sitzen, passiert sehr oft das, wovon man annimmt, dass sie es im Namen des Wohlseins der Gesellschaft tun, es aber nicht so ist, und das hat einen sehr hohen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Preis.

Plötzlich, wie von Geisterhand, sieht sich der oder die Mächtige mit außergewöhnlichen Attributen ausgestattet und sieht mit hochmütigem Blick auf die Welt, aus den unermesslichen Höhen der Macht, wie gering diese auch sein mag.

Ihre Ethik hat also oft ein sehr kurzes Verfallsdatum. Dann entscheiden sie im Namen der Bürger ihrer Region, was ihnen am besten erscheint; oder sie tun das, was die oberste nationale Macht ihnen befiehlt und vorschreibt, um sich im Amt zu halten und das Nächste anzustreben – oder gelegentlich einfach nur zum persönlichen Vorteil.

Es kommt vor, dass sie bei der Verwaltung des Haushalts die „Zahlung von politischen Rechnungen für erhaltene Gefälligkeiten“ berücksichtigen müssen. Oder um Machtgruppen zu bedienen, die verlangen, dass sie erst einmal bringen oder in Vorleistung gehen müssen, damit im nächsten Rennen alles zu ihren Gunsten ausgeht, auch wenn sie dafür öffentliche Mittel, getarnt als „Werke“, einsetzen.

Oder wie es beim Bau der Linie 12, der berühmten Goldenen Linie der Metro, geschehen sein kann. Der Bau dieser Linie war ein Vorzeigeprojekt, wenn auch ein ganz offensichtlich notwendiges Werk. Das musste aber im Gewaltmarsch erledigt werden, um den Kommandanten der Hauptstadt, sprich dessen damaligen Regierungschef Marcelo Ebrard, „pünktlich“ zu beliefern, damit dieser „aufgestellt“ sein würde für seine politische Zukunft.

Marcelo Ebrard, jetzt Mexikos Außenminister, dessen Leistungen nicht bekannt sind, dafür aber seine diplomatischen Fehltritte, ist gefühlt seit Anbeginn der Zeit in der nationalen politischen Arena aktiv. Er ist von einer Befehlsspur zur anderen gesprungen, ohne dass er irgendwelche Lösungen geboten hat. Er mischt sich in jede Aufgabe ein, die ihn in den Augen seines obersten politischen Führers gut aussehen lässt, denn er will Nachfolger des Präsidenten von Mexiko werden. Es ist jedenfalls sein Traum gewesen, Präsident zu werden. Es ist sein ständiger Kampf gewesen. Und er war kurz davor gewesen, sein Ziel zu erreichen, wenn nicht das Metro-Unglück passiert wäre.

Am vergangenen 3. Mai stürzten zwei Waggons der U-Bahn-Linie L-12 mit einer Brücke in die Tiefe. Siebenundzwanzig Menschen starben und 79 wurden verletzt, einige von ihnen sehr schwer und liegen noch immer im Krankenhaus – eine sehr schmerzhafte Tragödie für alle Mexikaner.

Es passierte ausgerechnet auf der Metro-Linie, deren Bau Ebrard anordnete und die auf Gedeih und Verderb „zur rechten Zeit und in der rechten Form“ geliefert werden musste, weil er sie ja zur rechten Zeit einweihen musste, nämlich vor der Übergabe an seinen Nachfolger Miguel Ángel Mancera. Er wollte nicht zulassen, dass dieser die Verantwortung (und damit die Lorbeeren) für den Bau dieses großen Werkes übernimmt… und so geschah es denn auch. Die Linie 12 wurde am 30. Oktober 2012 eingeweiht, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit am 5. Dezember 2012.

Ab hier ist die Geschichte bekannt: die Arbeit wurde „zur Zufriedenheit“ an die nachfolgende Stadtverwaltung übergeben. Die fand bald sichtbare Mängel und ordnete eine Überprüfung an, die am 12. März 2014 zum Einstellen des Betriebs zwischen den Stationen Culhuacán und Tláhuac führte. Im Oktober 2015 wurde die Strecke zwischen Culhuacán und Periférico-Culhuacán und am 29. November desselben Jahres nach umfangreichen Reparaturarbeiten zwischen Tezonco nach Tláhuac wieder eröffnet. Es hieß, dass alles für den Betrieb bereit sei. Im Dezember 2018 wurde der Betrieb zur Zufriedenheit an die Anfang Dezember 2018 nachfolgende Stadtverwaltung übergeben. Und die Maschine lief und lief und lief – bis sich am 3. Mai die Tragödie ereignete. Diese furchtbar schmerzhafte Tragödie.

Mehr als sechs Wochen sind seitdem vergangen und keine Verantwortlichen dafür bekannt. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass das Thema politisiert worden ist, es ist zu einer Delikatesse der Tyrannen und Trojaner der nationalen Politik geworden: Abgesehen von den Toten und Verletzten, liegt das Problem in den Händen der politischen Macht. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Eine erste Diagnose der Ursache für die Katastrophe ist bekannt. Es ist die Rede von ursprünglichen Konstruktionsfehlern, fehlenden Schrauben, versagenden Trägern, Beton unterschiedlicher Qualität, strukturellen Schäden durch Erdbeben … und vieles mehr. Der eine und andere sagt, dass wir bis Juli warten müssen, um die endgültige Diagnose zu erfahren, die von der Regierungschefin von Mexiko-Stadt, Claudia Sheinbaum, als Oberkoordinatorin der Untersuchungen bekanntgegeben wird.

Unter dem Tisch beschuldigen die einen diesen und zeigen mit dem Finger auf jenen, senden Nachrichten, verteidigen sich: Marcelo verteidigt sich und beschuldigt andere; Mancera verteidigt sich und beschuldigt andere; Sheinbaum verteidigt sich und sagt, sie beschuldigt niemanden, aber sie beschuldigt doch. Mario Delgado, der mit Marcelo Ebrard einst die Finanzressourcen verwaltete, sagt, er habe „seinen Job gemacht“; der  Ex-Chef der Linie 12 Enrique Horcasitas, sagt, er habe „seinen Job gemacht“… Sie alle haben ihren Job „gut“ gemacht: Aber die zwei Waggons sind mit der einbrechenden Brücke abgestürzt.

Präsident López Obrador schlägt als Schuldigen den ehemaligen Präsidenten Felipe Calderón vor, obwohl die Metro in seiner, AMLOs Regierungszeit, in die Tiefe stützte; die Generaldirektorin der Metro Florencia Serranía ist von der Bildfläche verschwunden, hat sich vielleicht versteckt oder wird geschützt. Und weitere Beteiligte zittern, aber halten sich bedeckt, werden sich verteidigen und andere beschuldigen: „Songo hat es Borondongo gegeben. Borondongo hat es Bernabé gegeben“ undsoweiter…

Keiner war schuld, wird es am Ende heißen. Oder das schwächste Teil des Seils ist schuld. Die wahren Schuldigen werden geschützt, die große Macht wird aufatmen. Und all die anderen Mexikaner? Und die Toten?

„…Soll die Härte des Gesetzes doch die anderen treffen, mich nicht.“ (Übertragen aus dem Spanischen von Herdis Lüke/dmz/hl)