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Die Narco-Mädchen von Mexiko

Mexiko-Stadt, 17. September 2014 – Wenn in der Tierra Caliente im Westen von Mexiko die schwarzen Geländewagen der Narcos auf den langgestreckten Hügelketten auftauchen, verstecken die Dorfbewohner ihre Töchter in Erdlöchern. Zu oft haben die Handlanger der mächtigen Drogenkartelle schon Mädchen entführt.

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Von Itzel Zúñiga und Denis Düttmann

In den Hochburgen der mexikanischen Kartelle werden Frauen und Mädchen zur Prostitution oder zum Drogenschmuggel gezwungen. Immer wieder schließen sie sich aber auch freiwillig den Syndikaten an. Einige machen sogar erstaunliche Karrieren in dem rauen Geschäft.

Mexiko-Stadt, 17. September 2014 – Wenn in der Tierra Caliente im Westen von Mexiko die schwarzen Geländewagen der Narcos auf den langgestreckten Hügelketten auftauchen, verstecken die Dorfbewohner ihre Töchter in Erdlöchern. Zu oft haben die Handlanger der mächtigen Drogenkartelle schon Mädchen entführt. Sie werden in die Prostitution im In- und Ausland verkauft oder zu Sexsklavinnen der Bosse gemacht.

Eine Indiofrau erzählte der Schriftstellerin Jennifer Clement zum ersten Mal von den Erdlöchern auf den Feldern. Die in Mexiko aufgewachsene US-Autorin ging der Geschichte nach und schrieb basierend auf wahren Ereignissen den Roman „Gebete für die Vermissten“, der jetzt auf Deutsch erscheint. „Ich habe allen gesagt, ich hätte einen Jungen bekommen“, erzählt darin die Mutter der Protagonistin Ladydi García. „Wenn sie gewusst hätten, dass du ein Mädchen bist, hätten sie dich mitgenommen.“

Während der Recherchen für ihr Buch führte Clement in ganz Mexiko Interviews mit „versteckten“ Frauen, sprach mit Experten und Ermittlern. „Traurigerweise ist heute das lukrativste Geschäft der Menschenhandel“, sagt Clement der Nachrichtenagentur dpa. „Drogen kann man nur einmal verkaufen, aber eine Frau immer wieder, sogar mehrmals am Tag.“

Mädchen und Frauen sind der Gewalt im mexikanischen Drogenkrieg häufig schutzlos ausgeliefert. Gerade in den Teilen des Landes, aus denen sich die staatlichen Sicherheitskräfte weitgehend zurückgezogen haben oder gar im Sold der Verbrechersyndikate stehen, geraten sie immer wieder ins Visier der Kartelle. „Viele Frauen haben niemanden mehr. Die Männer sind entweder als Arbeitsmigranten fortgegangen, haben sie verlassen oder sind bei Gewalttaten ums Leben gekommen“, sagt Clement.

Auch wenn die Unterwelt im Macho-Land Mexiko noch immer von Männern dominiert wird, sind die Frauen nicht ausschließlich Opfer. Als Schmugglerinnen, Informantinnen und Auftragskillerinnen mischen sie mittlerweile selbst kräftig im Drogenhandel mit. Andere bändeln mit den Kartell-Bossen an, die Luxus und sozialen Aufstieg versprechen.

„Scheiß’ auf die Schule, ich will ein Narco sein“, sagt eine Schülerin aus der Drogenhochburg Sinaloa in einer Reportage, die der mexikanische Fernsehsender Televisa in der vergangenen Woche ausstrahlte. In dem Bundesstaat im Nordwesten des Landes ist die sogenannte Narco-Cultura längst Mainstream. „In Sinaloa gehört der Drogenhandel zum Alltag, er ist ein Lebensstil, ein kulturelles Phänomen“, sagt der Journalist Javier Valdéz.

Cindy trieb sich jahrelang mit den Narcos in der Kartellhochburg Michoacán herum. Sie und ihre Freundinnen begleiteten die Gangster auf ihren Touren, dienten als Tarnung. Dafür bekamen sie Geld, Kleidung, Schuhe und Handys. „Ich wollte Spaß haben“, sagt Cindy. Im Laufe der Jahre kamen viele ihrer Freunde im Drogenkrieg ums Leben. Nachdem ihre Gang schließlich zerschlagen wurde, suchte sich Cindy eine normale Arbeit. Dort verdient sie im Monat so viel wie früher in zwei Tagen. „Ich würde es wieder tun“, sagt die heute 18-Jährige über ihre Zeit als Narco-Gehilfin.

Cindy war nur ein kleines Rad im Getriebe, doch es gibt auch Frauen, die in den Kartellen richtig Karriere machen. Sandra Ávila Beltrán hielt für das Sinaloa-Kartell jahrelang den Kontakt zu den kolumbianischen Drogenhändlern aus dem Valle del Norte und schmuggelte tonnenweise Kokain in die USA. Der „Reina del Pacífico“ wurden Lieder und Bücher gewidmet, sogar eine Telenovela erinnert an die Karriere der „Königin des Pazifiks“.

Während Ávila Beltrán die Logistikerin der Narcos war, soll Claudia Ochoa Félix eher die Frau fürs Grobe gewesen sein. Nachdem ihr Freund in Holland festgenommen wurde, übernahm sie Medienberichten zufolge den bewaffneten Arm des Sinaloa-Kartells, „Los Ántrax“. Zwar wies sie die Vorwürfe stets zurück, doch Zweifel bleiben: Auf Twitter führte sie neben eleganter Kleidung und teuren Autos auch gerne ihre großkalibrigen Spielzeuge vor: Granatwerfer und vergoldete Sturmgewehre. (Jennifer Clement „Gebete für die Vermissten“, Suhrkamp-Verlag, ISBN: 978-3-518-42452-0) (dpa/dmz/hl; Foto: www.almomento.mx)

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