35 Jahre später: Im Bürgerkrieg entführter Salvadorianer trifft seine Schwestern

 

Familienzusammenführung nach 35 Jahren (Foto: Comisión Nacional de Búsqueda El Salvador / Facebook)

San Salvador, 25. Februar 2015 – Gerade einmal fünf Jahre war Guillermo alt, als er und seine Geschwister von rechten Paramilitärs in San Salvador verschleppt wurden. Der Bürgerkrieg machte auch vor Kindern nicht Halt. Doch die Großmutter gab die Suche nie auf – und hat die in alle Welt verstreute Familie nun zusammengeführt.

Von Denis Düttmann

Überglücklich schließt Guillermo Cruz Jiménez seine Schwestern in die Arme. Als er Daysi und Patricia das letzte Mal sah, waren sie noch Babys. Jetzt haben die Frauen selbst Familien. Der Bürgerkrieg in El Salvador hatte die Familie einst auseinandergerissen, nun sind die Geschwister endlich wieder vereint.

„Das ist ein großer Tag für mich“, sagt Guillermo mit gebrochener Stimme. „Ein Tag großer Gefühle, aber guter Gefühle. Ich freue mich, meine Oma Agustina, meine beiden Schwestern Daysi und Patricia und ihre Familien kennenlernen zu dürfen. Das herzliche Willkommen ehrt mich.“ Tanten, Onkel und weitere Familienmitglieder umarmen die so lange verschollenen Geschwister.

Auch Großmutter Agustina Navarro wird bei dem Wiedersehen in der kleinen Ortschaft El Paisnal von ihren Gefühlen übermannt. „Ich bin glücklich. Ich habe nachts geweint und gebetet, dass sie am Leben sind und wieder auftauchen“, sagt die 83-Jährige.

Christen gerieten ins Visier rechter Paramilitärs

Die Familie Cruz Jiménez bestand aus gläubigen Christen. Nach der Ermordung des Jesuitenpriesters Rutilio Grande 1977 geriet sie ins Visier rechter Paramilitärs und der Nationalgarde. Die Familie floh in die Hauptstadt San Salvador, doch auch dort war sie vor Verfolgung nicht sicher.

Bei einem Einsatz gegen vermeintliche Regierungsgegner im Jahr 1980 verschleppten Nationalgardisten den damals fünfjährigen Guillermo. Augenzeugen berichteten, der Junge sei in die Zentralkaserne der Nationalgarde gebracht worden. Wenige Tage später wurde auch die Mutter Ana María Cruz Navarro entführt. Sie gilt bis heute als vermisst.

Im Jahr darauf adoptierte eine französische Familie Guillermo und brachte ihn nach Europa. Dort wuchs er unter anderem Namen auf. Auch seine Schwestern wurden adoptiert. Es hat sie in alle Welt zerstreut: Daysi lebt heute in den USA, Patricia in Belize.

Auf Antrag von Großmutter Agustina Navarro hatte die Nationale Suchkommission für vermisste Kinder vor rund zwei Jahren mit der Suche nach den Geschwistern begonnen. Bei ihren Recherchen stießen die Ermittler auf ein Dokument zur Ausreise für einen Jungen namens Antonio Rosales, der Guillermo auffallend ähnelte.

DNA-Vergleich machte Familienzusammenführung möglich

Über die salvadorianische Botschaft in Paris organisierte die Kommission einen DNA-Vergleich mit der Großmutter. Später spürten sie auch Daysi und Patricia auf. „Die Übereinstimmung der Haplotypen und der genetischen Profile zeigt eine familiäre Beziehung mütterlicherseits“, heißt es in dem Bericht des gerichtsmedizinischen Instituts.

Im Bürgerkrieg zwischen 1980 und 1992 wurden in El Salvador zahlreiche Kinder verschleppt. Um wie viele Fälle es sich handelt, ist unklar. Bis heute weigern sich die Streitkräfte, ihre Archive zu öffnen. Für sie waren die Entführungen eine Kriegsstrategie, um den Widerstand der Bevölkerung zu brechen. Die Rebellen, die für schätzungsweise zehn Prozent der Entführungen verantwortlich waren, führten über ihre Taten wahrscheinlich nie Buch.

In den vergangenen dreieinhalb Jahren organisierte die Nationale Suchkommission 22 Familienzusammenführungen. 140 weitere Fälle werden noch untersucht. Auch private Organisationen wie Pro Búsqueda suchen nach entführten Kindern. In Frankreich, Italien, der Schweiz, Belgien, Holland und Großbritannien hat die Gruppe bereits junge Erwachsene gefunden, die während des Bürgerkriegs adoptiert wurden. Im vergangenen Jahr weitete sie ihre Suche auf Deutschland aus. (dmz/dpa/ds)