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Amerika

400 Jahre Kap Hoorn – Eisiger Mythos am Ende der Welt

Hoorn/Ushuaia, 29. Januar 2016 – Der Sturm wirft das Schiff hin und her, die Segel vereisen, der schroffe Felsen kommt näher: Kap Hoorn ist ein Alptraum für Seeleute. Nicht wenige fanden dort ihr Grab. Vor 400 Jahren gelingt zwei Niederländern die erste Umseglung. Von Annette Birschel und Juan Garff

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Mythos, Schifffriedhof und Alptraum: Kap Hoorn gehört zu Chile und ist der südlichste Punkt Amerikas (Foto: esys.org / Twitter)

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Von Annette Birschel und Juan Garff

Hoorn/Ushuaia, 29. Januar 2016 – Der Sturm wirft das Schiff hin und her, die Segel vereisen, der schroffe Felsen kommt näher: Kap Hoorn ist ein Alptraum für Seeleute. Nicht wenige fanden dort ihr Grab. Vor 400 Jahren gelingt zwei Niederländern die erste Umseglung.

Im Hafen von Hoorn dümpelt friedlich der stolze Dreimaster „De Halve Maen“. Am Bug des schmalen hohen Schiffsrumpfes aus dunklem Holz hängt ein gelber Halbmond, an den Masten flattern die Wimpel. Hinter dem Nachbau des berühmten Schiffes aus dem 17. Jahrhundert ragt der alte dickbäuchige Festungsturm der niederländischen Kaufmannsstadt empor. Fast fühlt man sich zurück versetzt ins Jahr 1615.

Damals verließ genau so ein Schiff, „De Eendracht“, den Hafen der blühenden Kaufmannsstadt im Westen von Amsterdam mit Kurs auf … Tja, das genau wusste damals niemand.

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„De Eendracht“ (Eintracht) sollte eine neue westliche Passage in den Pazifik finden. Und das tat sie. Vor 400 Jahren, am 29. Januar 1616, umrundeten Willem Cornelisz Schouten und Jacob Le Maire die Südspitze Südamerikas und tauften diese nach ihrem Heimathafen: Kap Hoorn. Die kleine Felseninsel wurde weltweit zum Symbol für den Kampf gegen die Elemente, für Steuermannskunst und Durchsetzungsvermögen. Kap Hoorn wurde ein Mythos.

Drei Jahre lang sollte die Reise von Schouten und Le Maire dauern. „Eine Reyse rondom de geheele Aerdkloot“ schrieb Schouten in sein Logbuch – Eine Reise um den gesamten Erdball. Der Anlass der Fahrt war profan: Rache. Der Niederländer Dirk Jan Barreveld schrieb ein Buch über den Initiator der mythischen Seereise. „Dahinter stand Isaac Le Maire, ein reicher holländischer Kaufmann“, erzählt er.

Isaac hatte demnach einen Konflikt mit der übermächtigen Vereinigten Ostindischen Kompanie, kurz VOC. Diese Vereinigung holländischer Kaufleute hatte im 17. Jahrhundert das Monopol auf den Handel mit Asien auf der Route zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und der Magellanstraße in den Pazifik. Isaac Le Maire wollte die VOC ins Mark treffen, das Monopol brechen – und suchte darum nach einer eigenen Passage. Außerdem hoffte er, mit seiner dafür gegründeten „Australischen Compagnie“ das bisher unbekannte „Südland“ zu entdecken, die Terra Australia.

Daraus wurde zwar nichts. Aber die beiden Seefahrer entdeckten eine Durchfahrt am argentinischen Feuerland, die Le Maire-Straße zum Kap Hoorn. „Für Isaac war es ein Pyrrhussieg“, sagt der Historiker Barreveld. Sein Sohn Jacob und Schouten wurden später von Männern der VOC festgenommen, ihr Schiff beschlagnahmt. Isaac sollte noch jahrelang gegen die VOC prozessieren. Der Rachefeldzug kostete ihn „1,5 Millionen Gulden“, sagt Barreveld.

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Eine der geefährlichsten Routen der Welt

Dass Schouten und Le Maire überhaupt mit heiler Haut davonkamen, ist ein kleines Wunder. „Das ist eine der gefährlichsten Routen der Welt“, sagt Barreveld. Er selbst fuhr jahrelang zur See. „Dort stürmt es fast immer von Westen. Es ist eiskalt, die Segel vereisen, es ist ein Alptraum.“

Kap Hoorn ist verbunden mit unzähligen Dramen. Die bisher längste Umrundung dauerte 98 Tage, 6 Tage die schnellste. Viele Großsegler aber scheiterten. 800 Schiffe sollen gesunken sein, über 10 000 Seeleute ihr Leben verloren haben. An das weltweit größte Seemannsgrab erinnert heute ein Denkmal auf der Felseninsel.

Schon wegen der Witterungsbedingungen wurde das Kap gemieden. Erst nach der Entdeckung von Gold in Kalifornien um 1848 wurde die Fahrt um Kap Hoorn zur verkehrsreichsten Route der Weltmeere. Weizen aus Australien etwa oder Salpeter aus Chile wurden über diese Route nach Europa transportiert.

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Seit Eröffnung des Panamakanals 1914 wählen den gefährlichen Weg nur noch die größten Schiffe, die nicht durch den Kanal passen. Wenn die Erweiterung des Kanals in diesem Jahr abgeschlossen ist, werden es wohl noch weniger Frachter sein, die Kap Hoorn umrunden.

Und dann gibt es da noch das Jahrhundertprojekt einer über 3500 Kilometer langen Eisenbahnlinie quer durch Südamerika, vom brasilianischen Santos am Atlantik bis zum peruanischen Pazifikhafen Ilo. China will das Zehn-Milliarden-Dollar-Projekt finanziell unterstützen. Sollte es Realität werden, verlöre Kap Hoorn wohl endgültig an Bedeutung.  

Doch der Mythos bleibt – und die Herausforderung für Abenteurer. Viele umrunden das Kap nicht mehr nonstop von 50 Grad Süd auf der einen Seite Südamerikas bis zur anderen. Die modernen Abenteurer suchen gerade den Kontakt mit dem schroffen Felsen. So auch der Flensburger Thies Matzen (59) und die Schwedin Kicki Ericson (51). Die beiden Weltumsegler leben seit 30 Jahren auf ihrem Holzboot „Wanderer III“.

„Wir sind in unserem neun Meter langen Segelboot um Kap Hoorn herumgehüpft, von einem Ankerplatz nordwestlich vom Kap zu einem Ankerplatz nordöstlich von ihm“, beschreibt Matzen eine dieser Fahrten. „All die, die vor uns kamen, suchten Seeraum, wir Sichtkontakt. Ihnen war Kap Hoorn Bedrohung, uns Mythos.“ (dmz/dpa/sw)

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