Nicaraguakanal: Megaprojekt im Stillstand

 

Der Nicaraguakanal – Megaprojektmit unsicherer Zukunft

Von Denis Düttmann

Managua, 6. Januar 2016 – Der Nicaraguakanal soll nach den Vorstellungen der Regierung das arme mittelamerikanische Land in die Zukunft katapultieren. Der sandinistische Präsident Daniel Ortega erhofft sich von der Wasserstraße einen Wirtschaftsaufschwung. Seit dem offiziellen Baubeginn vor einem Jahr ist allerdings noch nichts passiert.

Wie sieht das Projekt aus?

Das chinesische Unternehmen HKND will zwischen Atlantik und Pazifik einen Kanal von 278 Kilometer Länge bauen. Neben der Wasserstraße sind zwei Häfen, ein internationaler Flughafen, Fabriken und eine Freihandelszone geplant. Wie der Panamakanal soll das Projekt in Nicaragua die Schifffahrtsrouten zwischen den Häfen der US-Ostküste und Asien verkürzen und den Reedern so viel Zeit und Geld sparen. Nach Vorstellungen der Regierung könnten fünf Prozent des Welthandels auf den Meeren über den Nicaraguakanal abgewickelt werden.

Was ist bisher geschehen?

Nicht viel. Nach dem offiziellen Spatenstich vor etwas mehr als einem Jahr ist das Megaprojekt noch nicht richtig in Gang gekommen. Bislang wurde in der Provinz Rivas im Westen des Landes lediglich eine wenige Kilometer lange Zubringerstraße planiert. Das britische Beratungsunternehmen ERM erstellte zudem ein Umwelt- und Sozialgutachten. In dem Papier, das von HKND selbst in Auftrag gegeben und bezahlt worden war, wiesen die Experten auf eine Reihe von Risiken hin.

Wo liegt das Problem?

Kritiker glauben, dass sich die in Infrastrukturprojekten recht unerfahrene HKND mit dem Bauvorhaben schlicht übernommen hat. Für das Megaprojekt müssen fünf Milliarden Kubikmeter Erdreich abgeräumt werden – das Zehnfache der Menge, die am Panamakanal im Laufe mehrerer Erweiterungen seit Ende des 19. Jahrhunderts ausgehoben wurde. Laut Projektbeschreibung werden über 2000 schwere Maschinen, mehr als vier Milliarden Liter Diesel, 400 000 Tonnen Sprengstoff und Millionen Tonnen von Zement und Stahl benötigt. Nicht zuletzt braucht die Firma rund 50 000 Arbeiter.

Ist zumindest die Finanzierung sichergestellt?

Wohl nicht. Der Bau des Kanals soll 50 Milliarden US-Dollar (derzeit 45,7 Mrd Euro) kosten. Bislang sollen Anleger aber erst etwa 600 Millionen US-Dollar zugesagt haben. Zumindest offiziell ist die chinesische Regierung nicht an dem Projekt beteiligt. Hinzu kommt, dass HKND-Chef Wang Jing bei den jüngsten Turbulenzen an den chinesischen Börsen offenbar viel Geld verloren hat. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Bloomberg schrumpfte sein Vermögen von 10,2 Milliarden US-Dollar auf zuletzt 1,1 Milliarden Dollar. Solange die Einzelheiten des Projekt noch unklar sind, dürfte es zudem schwer sein, weitere Investoren ins Boot zu holen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die nicaraguanische Regierung und HKND halten an dem Projekt fest. Derzeit werden ergänzende Studien beispielsweise zu den Folgen für die archäologischen Funde in der Region gemacht. Außerdem muss geklärt werden, wie die rund 30 000 Menschen entschädigt werden, die beim Bau des Kanals ihre Heimatorte verlassen müssten. Zuletzt kündigte HKND an, die ersten Bauarbeiten würden nun bald aufgenommen. Ende 2016 sollen dann die großen Aushubarbeiten und der Bau der Schleusenkammern beginnen. Die Firma rechnet mit einer Fertigstellung innerhalb von fünf Jahren. (dmz/dpa/hl)




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