Nicht mehr wie geschmiert: Die internationale Ölbranche ächzt

Die Ölpreise rutschen immer weiter in den Keller (Foto: poldy  / pixelio.de)

Von Michael Donhauser

London/Washington, 20. Januar 2016   Die internationale Ölbranche hat ein Problem: Das Überangebot hat den Preis auf ein Rekordtief gedrückt, mit dem Iran kommt ein neuer Großlieferant auf den Markt. Hunderttausende Jobs sind schon verloren.

Wenn die Großen der internationalen Ölwirtschaft sich im Februar wieder in London zur alljährlichen Petroleum-Woche treffen, wird der Champagner vermutlich fließen wie immer. Topmanager, Scheichs und Oligarchen werden ihr Wissen austauschen und sich die Kaviarbrötchen schmecken lassen. Nur die Laune zum großen Fest – die ist in diesem Jahr absehbar sehr gedämpft. Die Branche steckt in der Krise und weiß nicht so recht, wie sie da wieder herauskommen soll. 

Der Ölpreis ist im dritten Jahr in Folge im Keller und rutscht immer tiefer. Derzeit werden nicht einmal mehr 30 Dollar für ein Barrel (159 Liter) der Sorte Brent Crude bezahlt – nach 108 Dollar vor 18 Monaten. Am Mittwoch rutschte der Preis erneut, auf nur noch 28 Dollar.

In den Chefetagen der großen Konzerne werden längst die Rotstifte gespitzt, um Worst-Case-Szenarien auszurechnen. Shell legte am Mittwoch als erster Ölriese frische Zahlen vor – sie sind ernüchternd. Im Schlussuartal 2015 fiel der Gewinn um 40 Prozent – Shell verdiente nur noch 1,6 bis 1,9 Milliarden Dollar, im Vergleich zu 3,3 Milliarden ein Jahr zuvor.

Der Energieriese muss seine Kosten im Vergleich zu 2013 um 45 Prozent herunterschrauben. Das bedeutet: Verzicht auf Großprojekte und der Abbau Tausender Stellen. Der Aktienkurs für den britisch-niederländischen Konzern brach um bis zu fünf Prozent ein und zog den gesamten Markt nach unten. Die Ölwerte verloren in den vergangenen zwei Jahren 2,7 Billionen Dollar an Firmenwert.

Insgesamt kommen nach Einschätzung von Experten in der Branche Projekte einer unvorstellbaren Größenordnung von 400 Milliarden Dollar nicht zustande. „Flexibilität für weitere Reduzierungen ist noch vorhanden“, sagte Shell-Vorstandschef Ben van Beurden vielsagend.

Auch die Banken überschlagen sich mit Prognosen. Die US-Investmentbank Morgan Stanley, die 2008 noch 200 Dollar pro Barrel für möglich gehalten hatte, geht von einem Tiefpunkt bei 20 Dollar aus. Die britische Standard Chartered glaubt sogar an zehn Dollar – ein Tief, das seit 2001 nicht mehr erreicht wurde.

Seit Anfang 42 Ölfirmen pleite 

Was Autofahrer freut und die Heizkostenrechnungen erschwinglich werden lässt, ist für die Branche in aller Welt zum Riesenproblem geworden. „Wenn sich nichts ändert, kann der Markt im Überangebot ertrinken“, warnte zuletzt auch die Internationale Energieagentur in Paris, die rund 30 Staaten in Energiefragen berät. 230 000 Jobs hat die Ölindustrie weltweit schon abgebaut, seit der Ölpreis in den Keller rutschte.

Die US-Bank Wells Fargo, die 17 Milliarden Dollar an Firmen aus dem Ölsektor verliehen hat, stellte kürzlich 1,2 Milliarden Dollar zurück – falls es zu weiteren Pleiten bei Ölfirmen kommt.

Seit Anfang 2015 sind nach Angaben der texanischen Anwaltskanzlei Haynes und Boone 42 Ölfirmen in die Pleite geschlittert. Vor allem für die technologisch aufwendige und teure Produktion aus Ölsanden und Schiefer sind die niedrigen Preise Gift.

Die Opec-Länder, allen voran Saudi-Arabien, pumpen Unmengen Öl in den Markt. Saudi-Arabien will damit unter anderem den Erzrivalen Iran schwächen, der nach dem Wegfall der internationalen Sanktionen gerade neu Fuß fassen will.

Mit dem iranischen Öl wird die tägliche Überproduktion wohl von einer Million Barrel auf bis zu 1,5 Millionen Barrel steigen. Gleichzeitig aber sinkt die Nachfrage vor allem aus Schwellenländern wie China. Der starke US-Dollar drückt zusätzlich auf den Preis. 

Notstand in Venezuela

Selbst das superreiche Saudi-Arabien fällt 2016 und 2017 in die Rezession, wird aber die Einschnitte im Haushalt noch verkraften. Andere Ölexporteure gehen dagegen schon jetzt am Stock. Der Irak, zudem noch in den Krieg gegen die Terromiliz IS verwickelt, leidet. Venezuela musste den wirtschaftlichen Notstand ausrufen.

Nigeria, Afrikas größter Ölproduzent und wirtschaftlich zu 90 Prozent vom Öl abhängig, muss zusätzliche Schulden machen. Russland steckt in der Rezession und könnte dort auch 2016 verharren, wie aus dem Weltwirtschaftsbericht des Internationalen Währungsfonds hervorgeht.  

Für die großen Ölkonzerne sind die Probleme existenziell – sind sie doch auf das Geld ihrer Anleger angewiesen. Sie müssen fürchten, dass Investoren, ähnlich wie bei der Kohle, ihr Geld aus Anlagen in Öl abziehen, wenn die Renditen nicht mehr stimmen und die Unsicherheit wächst. Die Diskussion um den Klimawandel und das Pariser Abkommen zur schrittweisen Dekarbonisierung haben die Großwetterlage für die Ölriesen nicht besser gemacht. 

Der Vorstandschef des französischen Total-Konzerns, Patrick Pouyanné, geht von Einschnitten in Höhe von rund 20 Prozent aus. Royal Dutch Shell muss wie auch andere Konzerne Großprojekte ad acta legen. Der Absage eines milliardenschwere Arktis-Projektes vor Alaska folgte der Verzicht auf ein Elf-Milliarden-Gasvorhaben in Abu Dhabi. Die Pläne für eine weit über 40 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Konkurrenten BG werden bei Investoren kontrovers diskutiert – die Kalkulation legt einen Ölpreis von 60 Dollar pro Barrel zugrunde. (dmz/dpa/hl)