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Brasilien sieht „Hermanos“ im Maracanã

Rio de Janeiro, 10. Juli 2014 – Die brasilianische Sportzeitung „Lance!“ gab den einheimischen Fans fürs WM-Finale am Sonntag schon mal die Marschrichtung vor: „Wir (Brasilianer) sind alle Deutschland!“ Auf jeden Fall kann die ungeliebte Abliceleste im Endspiel auf brasilianischem Boden, auf dem heiligen Rasen 

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Von Helmut Reuter und Denis Düttmann, dpa

Als wäre das 1:7-Debakel nicht schon genug, muss der WM-Gastgeber mitansehen wie Argentinien auf brasilianischem Boden Weltmeister werden kann. Argentinien. Ausgerechnet Argentinien!

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Rio de Janeiro, 10. Juli 2014 – Die brasilianische Sportzeitung „Lance!“ gab den einheimischen Fans fürs WM-Finale am Sonntag schon mal die Marschrichtung vor: „Wir (Brasilianer) sind alle Deutschland!“ Auf jeden Fall kann die ungeliebte Abliceleste im Endspiel auf brasilianischem Boden, auf dem heiligen Rasen von Rios Fußball-Tempel Maracanã, von den brasilianischen Anhängern keine große Nachbarschaftshilfe erwarten. Seit der historischen 1:7-Demütigung im Halbfinale gegen das Team von Bundestrainer Joachim Löw ist Brasiliens Fußballseele tief verwundet. Nur Deutschland (ausgerechnet Deutschland!) kann etwas Linderung verschaffen: mit einem Sieg gegen die „Hermanos“, die „Brüder“, aus Argentinien.

„Der Alptraum wird noch größer. Argentinien besiegt Holland im Elfmeterschießen und steht im Finale“, schrieb die Zeitung „O Dia“ mit Blick auf die Tatsache, dass der Erzrivale – in Brasilien – mindestens Vize-Weltmeister wird. „Nach dem brasilianischen Schmerz die Freude der Rivalen“, klagte das Blatt weiter. Zu den angespannten bilateralen Beziehungen auf sportlicher Ebene passen die atmosphärischen Störungen zwischen Brasiliens Legende Pelé und der argentinischen Ikone Diego Maradona, die sich gerne auch persönlich verbal beharken.

Die Argentinier sind in Brasilien nicht besonders beliebt. Sie werden zwar oft als „Brüder“ bezeichnet, doch wird dabei in ironischer Abgrenzung das spanische Wort „Hermanos“ und nicht das portugiesische „Irmãos“ verwendet. Viele Brasilianer halten die Argentinier für arrogant, unfreundlich und großsprecherisch. Und wie das bei Klischees so ist, schreiben viele Argentinier den Brasilianern genau dieselben Attribute zu.

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Der Fußball legt eben auch tiefer liegende, nicht unbedingt realitätsnahe Seelenschichten frei. Es ist ein bisschen wie bei Partien zwischen Deutschland und England oder Deutschland gegen Holland – nur eben pikant gewürzt mit südamerikanischen Temperament, das in Spielen zwischen dem Club Corinthians aus Brasilien und dem argentinischen Verein Boca Juniors auch in Fan-Randalen münden kann. Bei der letzten WM-Begegnung, 1990 in Italien, warf Argentinien Brasilien im Achtelfinale mit 1:0 aus dem Turnier.

„Macht sieben Tore am Sonntag“, feuerte die Zeitung „Hora“ die „Germânicos“ an. Ganz so einfach ist es diesmal nicht. Das Turnier wird auf südamerikanischem Boden ausgetragen und Brasilianer und Argentinier mögen Rivalen sein, doch vor allem sind sie eins: Südamerikaner. Und der Albiceleste fällt in Brasilien die Rolle zu, die Tradition zu wahren. Noch nie hat eine europäische Mannschaft auf dem amerikanischen Kontinent den WM-Titel geholt. Deshalb dürften in Lateinamerika, das außer dem portugiesischsprachigen Brasilien fast ausschließlich spanisch spricht, die meisten Fußball-Herzen eher für Argentinien als für Deutschland schlagen.

Ecuadors Außenminister Ricardo Patiño twitterte nach dem Finaleinzug Argentiniens: „Bravo Argentinien. Kämpft im Finale als Vertreter von unserem Lateinamerika und der Karibik. Danke für euren Einsatz, Spieler.“ Auch der linke venezolanische Präsident Nicolás Maduro sparte nach dem Elfmeter-Sieg über Holland nicht mit großen Worten: „Argentina, am Unabhängigkeitstag (9. Juli) – was für ein großes Geschenk an das Volk des Großen Vaterlandes. Ein würdiger und verdienter Sieg. ‘Qué viva Suramérica!’“, freute sich der Staatschef für die Argentinier.

Zumindest bei der WM sind die „Hermanos“ aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Zum Finale werden bis zu 100 000 argentinische Fans am Zuckerhut erwartet. In São Paulo und Rio ziehen die Argentinier seit Wochen mit Pappfiguren ihrer Idole Lionel Messi und Maradona und Masken von Papst Franziskus über die Straßen. Viele legten den tausende Kilometer langen Landweg ins Nachbarland mit dem Auto oder dem Wohnmobil zurück.

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Für die brasilianische Ausgabe des Internetportals „Goal“ war allerdings schon vor dem Finale klar: Die Deutschen bekommen „den Titel des Sympathie-Champions“. Und „Lance!“ schrieb am Donnerstag: „Que Elegância!“ (Was für eine Eleganz!) und zollte den Deutschen Respekt für deren Zuspruch an Brasilien nach dem Halbfinale. Allen voran gilt Lukas Podolski bei den Brasilianern als „fenômeno“. Er schreibt auf Facebook mit Hilfe eines Freundes auf portugiesisch und lobt Brasilien als „wunderbares Land“. Das „Alemanha“ von 2014, resümierte das Internetportal UOL, „ist brasilianischer als Brasilien.“ So weit so gut. Entschieden wird das WM-Finale am Sonntag aber auf dem Rasen. Und da haben nur Müller, Messi & Co. das Sagen. (dpa/dmz/hl)

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