Bundespolizisten sollen Demonstranten in Apatzingán exekutiert haben

 

Eine von „Aristegui Noticias“ veröffentlichte Amateuraufnahme zeigt einen Anwohner, der einen Polizisten wegen der Vorfälle am Rathaus in Apatzingán beschuldigt (Foto: Aristegui Noticias)

Apatzingán, 21. April 2015 – „Tötet sie wie Hunde!“: Mit diesen Worten soll die Bundespolizei das Feuer auf Demonstranten eröffnet haben, die im Januar gegen die Auflösung der Bürgerwehren protestiert hatten, schreiben mehrere Medien. Augenzeugen hatten dies schon von Anfang geschildert. Doch nun ist offenbar auch ein Video der Vorfälle aufgetaucht.

Mehr als drei Monate nach der gewaltsamen Räumung des von Demonstranten besetzten Rathauses in Apatzingán haben drei mexikanische Medien schwere Vorwürfe gegen die Bundespolizei erhoben. Laut Recherchen von „Proceso“, „Aristegui Noticias“ und „Univisión“ sollen Polizisten in eindeutiger Tötungsabsicht auf die Demonstranten geschossen und so 16 Menschen regelrecht hingerichtet haben. „’Tötet sie wie Hunde‘ riefen die Bundespolizisten“, leitet die Journalistin Laura Castellanos ihre Reportage zu den Vorfällen ein.

Die Journalisten haben für ihre Recherchen Zeugenaussagen, Videos und andere Materialien ausgewertet. Castellanos beruft sich unter anderem auf die Aussagen von 39 anonymem Zeugen, von denen 16 berichteten, dass die Polizisten eindeutig absichtlich auf die nahezu unbewaffneten Demonstranten geschossen hätten. Die Bürgerwehrmitglieder seien damals höchstens mit Stöcken und nicht mit Schusswaffen ausgerüstet gewesen.

Der Reportage von „Aristegui Noticias“ zufolge schossen die Bundespolizisten bei zwei zeitlich auseinander liegenden Vorfällen auf die Demonstranten. Der erste Angriff ereignete sich demnach gegen 8 Uhr morgens, als Polizisten auf etwa hundert Menschen feuerten, die sich vor dem Rathaus versammelt hatten. Einige Stunden später soll es eine zweite Schießerei auf mehrere Fahrzeuge gegeben haben, die einen Polizeikonvoi verfolgten. Die Demonstranten in den Fahrzeugen hätten festgenommene Gefährten aus dem Konvoi befreien wollen. Demnach kamen dabei auch deutsche Waffen vom Typ Heckler & Koch G3 zum Einsatz.

Augenzeugen hatten schon direkt nach den Vorfällen am 6. Januar ähnliche Vorwürfe erhoben. Soldaten und Polizisten hätten Menschen aus nächster Nähe erschossen, nachdem diese sich bereits ergeben hatten, wie die DMZ zuvor bereits berichtete. „Was ich gesehen habe, waren keine Gefechte, weil die Zivilisten unbewaffnet waren“, hatte ein Zeuge damals gesagt. Mindestens drei Menschen seien erschossen worden, als sie sich bereits mit erhobenen Händen gestellt hatten.

Nationale Sicherheitskommission erhält anonymes Video

Die Demonstranten in Apatzingán waren Anhänger und Sympathisanten der Bürgerwehren, die sich 2013 in Michoacán im Kampf gegen die Drogenbande der Tempelritter „Caballeros Templarios“ gegründet hatten. Die Regierung des Bundesstaates hatte die Bürgerwehren zunächst legalisiert, im Mai 2014 dann aber verboten. Gegen die Auflösung der Milizen formierte sich Protest, ein Teil der Demonstranten besetzte schließlich am 22. Dezember das Rathaus von Apatzingán und forderte die Festnahme des Tempelritter-Kartellchefs, Servando Gómez alias „La Tuta“. Er sitzt mittlerweile in Haft.

Da die Demonstranten trotz mehrfacher Aufforderung das Rathaus nicht verlassen wollten, rückten am 6. Januar Soldaten und Bundespolizisten an, um das Gebäude gewaltsam zu räumen. Nach offiziellen Angaben waren dabei neun Menschen getötet und 44 festgenommen worden. Die Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte, die Augenzeugen damals erhoben hatten, wurden von den Behörden zurückgewiesen. Der damalige Sicherheitsbeauftragte für Michoacán, Alfredo Castillo, hatte mitgeteilt, dass Bewaffnete vielmehr einen Konvoi der Sicherheitskräfte angegriffen hätten und bei der anschließenden Schießerei ums Leben gekommen seien. Castillo hatte auch Videos von dem Vorfall gezeigt und ausgeschlossen, dass der Tatort nachträglich manipuliert wurde.

Nahezu zeitgleich zur Veröffentlichung der Reportage von Aristegui Noticias kündigte die Nationale Sicherheitskommission (Comisión Nacional de Seguridad, kurz CNS) nun jedoch an, dass neue Ermittlungen gegen Bundespolizisten aufgenommen werden sollen. In einer am Samstag veröffentlichen Stellungnahme heißt es, dass der CNS anonym ein Video zugeschickt worden sei, das auf eine „exzessive Gewaltanwendung“ durch Polizeibeamte in Apatzingán hinweise. Auf Grundlage des Videos sollten Ermittlungen eingeleitet werden. Ob es sich eben jene Vorfälle am 6. Januar handelt, wurde nicht explizit gesagt. (dmz/ds/hl)

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