Der 1. und 2. November in Mexiko: It’s Party Time!

 

Beeindruckend sind die Totenfeiern im Dorf Mixquic, das zum südöstlichen Bezirk Tlahuac in Mexiko-Stadt gehört ( Foto: GDF)

Mexiko-Stadt, 2. November – Riesige kostümierte Skelette, bunt geschmückte Totenköpfe und jede Menge Fantasiegestalten sind in diesen Tagen durch Mexiko gegeistert – von der größten Stadt bis zum kleinsten Dorf im ganzen Land. Die Zeremonien unterscheiden sich regional, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind farbenfroh und keinesfalls traurig. Eine Reportage mit Bildern von Sigrid Bonkowski

Stille war gestern. Heute ist der 2. November und da ist es vorbei mit der Ruhe auf mexikanischen Friedhöfen. Heute ist der Dia de Muertos, der Tag der Toten, und das heißt Volksfeststimmung auf den Gräbern.

Aber auch in Mexiko steht vor dem Vergnügen die Arbeit. Die im Laufe des langen Jahres überwucherten Ruhestätten und ganze Friedhofshänge werden von meterhohem Gras und Unkraut befreit. Es wird gegraben, gehackt und gewässert, sodass ich beginne mir Sorgen zu machen: Ob der schwitzende, etwas füllige Mann dort drüben neben Opas eben wieder aufgerichtetem Grabstein gleich selbst dahingerafft wird? Oder stolpert er nur erschöpft über einen der um die Gräber flitzenden kläffenden Köter?

Begrenzungen werden neu gestochen, Kreuze zum zigsten Mal überpinselt und wer der Schönschrift nicht mächtig ist oder Pinsel und Farbe zu Hause vergessen hat, dem steht Hilfe zur Seite: Zwei junge Männer schlendern über den sonnigen Campo Santo mit Schildern um den Hals: Se pintan letras, frei übersetzt: „Wir malen die Inschriften für Sie aus.“ Andere fliegende Händler bieten Eis, chicharrones (knusprig gegrillte Schweineschwarten), Luftballons und micheladas an (Bier mit Limonensaft und viel Chilipulver). Ein Akkordeon von links und eine Mariachi-Kapelle von rechts überbieten einander darin, die allgemein beschwingte Stimmung weiter anzuheizen.

Im Gegensatz zu den imposanten, professionell gemauerten Mausoleen auf den Friedhöfen der reichen Bezirke scheint hier in einem der einfacheren Stadtteilen von Mexiko-Stadt jeder selbst für die Gräber seiner Lieben zuständig zu sein: Viele der einfachen Holz- oder Metallkreuze sind handbeschrieben, geben dem Verstorbenen einige letzte liebe Worte mit auf den Weg. Persönliche Gegenstände wie Teddys, Tequilaflaschen oder Trikots der Lieblingsfußballmannschaft liegen verstreut zwischen den eingetrockneten Blumentöpfen von vor einem Jahr. Diese ohnehin sehr individuelle Beschickung der Gräber gerät am Dia de los Muertos endgültig außer Rand und Band: Fantasie und Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Neben der traditionellen, leuchtend orangen „Cempacúchil“ genannten Totenblume Tagetes schmücken Armladungen anderer Blumen, bunte Windmühlen, Luftballons, Puppen, Lebensmittel und Unmengen von Geschenken die Gräber. Mexikaner glauben, dass am Dia de los Muertos die Toten für einen Tag zurückkommen und sich an all den Gaben und der lärmenden Familienfeier am Grab erfreuen.

Sehr zum Leidwesen vieler Puristen verschmelzen in den letzten Jahren Halloween und der Dia de los Muertos, und so erinnern einige Gräber inzwischen an US-amerikanische Vorgärten an Halloween: Auf einigen krabbeln riesige Plastikspinnen durch ein Dickicht aus Spinnwebenwatte, grinsende Plastikkürbisse und Plastikgespenstergirlanden konkurrieren mit traditionellen, oft noch handbemalten mexikanischen Catrina-Skelettfiguren.

Es gibt hier zwei Totentage: Am 1. November wird an verstorbene Kinder erinnert, am 2. November an alle anderen. Besonders, wenn mindestens einer dieser Tage wie in diesem Jahr auf ein Wochenende fällt, belagern drei bis vier Generationen jeder mexikanischen Großfamilie die Unruhestätte, lümmeln lachend auf den Gräbern und verschmausen das mitgebrachte Festmahl. Abends geht man nicht nach Hause, sondern bleibt selbstverständlich bei dem vorübergehend Anwesenden. Kerzen brennen die ganze Nacht hindurch, weisen dem Toten den Weg aus dem Himmel zurück auf die Erde und tauchen die Friedhöfe in ein heimeliges Licht. Irgendwo spielt jemand leise Gitarre.

Nur auf wenigen Gräbern wird nicht gefeiert. So sitzt ein alter Herr mit Sombrero allein und zusammengesunken an einen Grabstein gelehnt und schaut traurig vor sich hin. Eine Decke liegt lose um seine Schultern und er hält stumme Zwiesprache mit jemandem, den er ganz offensichtlich noch immer so sehr vermisst, auch wenn der Grabstein bestätigt, dass Lupita ihn schon 1994 verlassen hat.

Morgen geht er wie alle anderen wieder nach Hause, es kehrt für ein Jahr die Ruhe auf die Friedhöfe Mexikos zurück. Die Gräber überwuchern wieder, Blumen vertrocknen und bleiben liegen. Kaum jemand kümmert sich ein Jahr lang um die kleinen Hügel mit dem Kreuz darauf – außer vielleicht der alte Herr mit dem Sombrero… (dmz/sb/hl)

*Sigrid Bonkowski unterrichtet an der Deutschen Schule Alexander von Humboldt in Mexiko-Stadt und hat mit Marion Schuckart das Buch „Australien ruft Südheide – Ein Jahr – Zwei Leben – 25 Briefe“ geschrieben. Gewinner des „Verlangt eingesandt“-Wettbewerbs der lit.Cologne 2010, Drachenmond Verlag, ISBN: 978-3-931989-60-6




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