Der ”Schlächter von Lyon” und der Drogenbaron

 

 

Klaus Barbie hatte sich unter dem Namen “Altmann” in Bolivien versteckt. Hier mischte er aktiv in der Politik seines Gastlandes mit. (Foto: elministerio.org.mx)

Von Georg Ismar

La Paz, 28. Juli 2015 – Es klingt abenteuerlich. Ein nach Bolivien geflüchteter NS-Verbrecher hat engste Drähte zu Kokainbossen, auch mit Pablo Escobar kommt er zusammen. Neue Erkenntnisse über das Leben des Klaus Barbie werfen Fragen auf. Sollten mit Drogengeld rechte Diktatoren gestützt werden?

Beim Abendessen mit dem Drogenbaron lässt Klaus Altmann die Maske fallen. “Ihr Bolivianer seid nicht dafür gemacht, in einer Demokratie zu leben, Ihr braucht eine Regierung der harten Hand.” Wenig später, am 1. November 1979, putscht Offizier Alberto Natusch Busch den Präsidenten Walter Guevara Arze blutig aus dem Amt.

Klaus Altmann alias Klaus Barbie kennt Busch – als einer der wenigen geflüchteten NS-Verbrecher mischt er sehr aktiv in der Politik des Exillandes, in dem Fall Bolivien, mit. Und das obwohl der “Schlächter von Lyon” wegen seiner Verbrechen als Gestapo-Chef von Lyon dort 1954 schon in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden ist. Und obwohl er von Beate und Serge Klarsfeld in den 70er Jahren in Bolivien entdeckt wurde. Zeitweise stand er in Diensten des Bundesnachrichtendienstes, kollaborierte mit den Amerikanern. Was bisher kaum bekannt ist: Er unterstützte womöglich auch aktiv den Kokainhandel in Südamerika.

Gleich mehrere neue Recherchen stützen diese These – der bolivianische Journalist Boris Miranda kommt sogar in einem längeren Essay für das Magazin “Nueva Sociedad” nach Gesprächen mit mehreren Zeitzeugen zu dem Ergebnis: “Es gab eine geheime Verbindung zwischen dem Schlächter von Lyon und Pablo Escobar”. Doch der Reihe nach.

 

Barbie hatte wohl auch enge Kontakte mit dem bolivianischen Drogenbaron Pablo Escobar (Foto: pablo-escobar.info)

Wegen internationalen Drucks und starken Protesten im Land übergibt Busch die Macht an Lidia Gueiler Tejada, doch die Lage wird immer fragiler. Altmann reist viel herum im Land, seine große Sorge ist, dass eine kommunistische Regierung die Macht übernimmt, ein zweites Kuba entsteht. Schließlich, so berichtet es Ayda Levy, habe Altmann mitgeteilt, dass es gelte, General Luis García Meza zu unterstützen.

Er putscht sich am 17. Juli 1980 an die Macht, auch dank finanzieller Unterstützung von Suárez, der zum Geburtstag von Klaus Barbie “Lobo”, einen deutschen Schäferhund, geschenkt bekommt. Der habe auch nur auf deutsche Befehle wie “Angriff” oder “Sitzen” gehört, berichtet Levy. Altmann habe auch bei der argentinischen Militärjunta erfolgreich um Rückhalt für einen möglichen Militärputsch in Bolivien geworben.

Zu jener Zeit kommen fast 90 Prozent der Koka-Blätter und der Großteil der Kokapaste, der Kokain-Rohstoff, aus dem Land. Nur für wenige Jahre spielt Bolivien diese führende Rolle, bevor die Kartelle in Kolumbien immer größer werden. Allein Suárez soll über 28 kleine Schmuggelflugzeuge verfügt haben. Nachdem kurzzeitig sein Sohn in den USA in Haft kam, bot er US-Präsident Ronald Reagan angeblich an, alle bolivianischen Schulden von 3,8 Milliarden US-Dollar zu begleichen.

García Mezas Militärdiktatur finanziert sich unter anderem wohl durch die Beteiligung am Kokainschmuggel und das Einverleiben von Einnahmen daraus – linke Kräfte werden hingegen verfolgt und getötet. Nach einem Jahr ist der Spuk zu Ende, der internationale Druck zu groß. Meza wird 1993 zu 30 Jahren Haft verurteilt, die er noch absitzt.

Er könnte wahrscheinlich beantworten, welche Rolle Barbie spielte, beim Protegieren des Drogenhandels und wieviel Geld in die Stützung der Militärdiktatur floss. Und welchen Link es gab zu Pablo Escobar, der zu jener Zeit öfter bei Suárez in Bolivien ist. Anruf beim Sohn von Suárez, Gary Suárez. Der sagt es so: “Barbie hatte eine sehr enge Verbindung zu meinem Vater. Und mein Vater zu Escobar.” 

Seine Mutter berichtet von gemeinsamen Reisen Suárez‘ und Barbies etwa nach Medellin und nach Panama – wo auch Escobar zugegen gewesen sei, der damals zum großen Abnehmer des Drogenmaterials aus Bolivien wurde. Die Einnahmen könnten Mezas Diktatur gestützt haben. Nach und nach dominierte Escobar mit seinem Medellin-Kartell den Markt, 1993 wurde er erschossen. Suárez starb 2000 im bolivianischen Tiefland.

Sie haben viele Geheimnisse mit ins Grab genommen. Der Sohn von Suárez rät, doch mal bei einem Herrn Müller nachzufragen, der habe einen Dokumentarfilm darüber gedreht. Und in der Tat: Der Film wird am 8. September bei Arte laufen. “Wir haben insgesamt drei Jahre an der Geschichte gearbeitet: in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Argentinien und intensiv in Bolivien und den USA”, sagt der Autor Peter F. Müller, der den Film über “das zweite Leben eines Kriegsverbrechers” zusammen mit Michael Mueller erstellt hat.

“Das ist ein Kernteil unseres Films, die Verstrickung Barbies in den sogenannten Kokainputsch von Luis García Meza.” Der 1991 gestorbene Barbie sei das Bindeglied zwischen Militärs, Politikern und der Drogenmafia um Suárez gewesen. “Im Zuge der Recherchen haben wir auch 180 Seiten handgeschriebene Memoiren Barbies entdeckt, die er 1983 nach der Auslieferung an Frankreich im Gefängnis in Lyon geschrieben hat.” Da schreibe er über seine Flucht und die Kooperation mit dem US-Militärgeheimdienst CIC. “Aber er schreibt nichts, was ihn selbst belasten würde. Kein Wort von Verstrickungen in den Kokainhandel.” (dmz/dpa/hl)