Die Jagd nach einem Gespenst: Keine Spur von Drogenboss “El Chapo”

 

Jagdsaison in Mexiko: Tausende Polizisten und Soldaten suchen zu Wasser, zu Land und in der Luft nach Guzmán (Foto: almomento.mx)

Von Denis Düttmann

Mexiko-Stadt, 18. Juli 2015 – Seit einer Woche ist “El Chapo”, der mächtige Chef des Sinaloa-Kartells, auf der Flucht. Sein Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis ist eine Blamage für Mexikos Regierung. Nur seine erneute Festnahme könne diez wieder ausmerzen, sagte Präsident Enrique Peña Nieto.

Joaquín “El Chapo” Guzmán hat tief gebuddelt, um der mächtigste Drogenhändler der Welt zu werden. Über 100 unterirdische Gänge hat die Polizei seit den 1990er Jahren unter der Grenze zwischen Mexiko und den USA entdeckt. Dabei handelt es sich keineswegs um dunkle, enge Höhlen, sondern um Meisterwerke des Tiefbaus. Sie verfügen über Beleuchtungs- und Lüftungssysteme, einige sogar über auf Schienen laufende Loren, um Drogen nach Norden und Waffen nach Süden zu transportieren.

Die Ingenieurskunst des Sinaloa-Kartells kam “El Chapo” auch bei seinem aufsehenerregenden Gefängnisausbruch am Samstag vor einer Woche zu Gute. Seine Helfer hatten einen 1,5 Kilometer langen Tunnel bis in die Waschecke seiner Zelle im Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano getrieben, durch den der Drogenboss in die Freiheit spazierte.

Seitdem ist in Mexiko Jagdsaison: Tausende Polizisten und Soldaten suchen zu Wasser, zu Land und in der Luft nach Guzmán. Die USA haben ihre Hilfe zugesagt. Und auch die internationale Polizeiorganisation Interpol schrieb “El Chapo” wieder weltweit zur Fahndung und Auslieferung aus. “Es wird sehr schwierig, ihn schnell wieder festzunehmen”, sagt Senator Alejandro Encinas, der dem Sicherheitsausschuss des Kongresses angehört. “Eine Organisation, die in der Lage ist, einen 1,5 Kilometer langen Tunnel in ein Hochsicherheitsgefängnis zu graben, kann auch eine Person verstecken.”

Sollte er es erst einmal in seine Hochburg im Grenzgebiet zwischen den Bundesstaaten Sinaloa und Durango im Nordwesten des Landes schaffen, wäre er wohl wirklich unantastbar. In seiner Heimatregion verfügt Guzmán über eine hochgerüstete Privatarmee, ein gut ausgebautes Netzwerk aus Informanten und den Rückhalt der Bevölkerung.

Eine wichtige Rolle in den Ermittlungen könnte Guzmáns dritte Ehefrau Emma Coronel spielen. Die ehemalige Schönheitskönigin stammt selbst aus einer einflussreichen Drogenhändlerfamilie und ist die Mutter der jüngsten Kinder von “El Chapo”. Ihr Aufenthaltsort ist allerdings unbekannt: Da die 24-Jährige und ihre Zwillinge auch über die US-Staatsbürgerschaft verfügen, könnten sie sich im Nachbarland aufhalten.

Mit dem spektakulären Ausbruch ist Guzmán endgültig zu einer Legende geworden: Er ist nun nicht nur der mächtigste Drogenhändler der Welt, der es mit einem Vermögen von schätzungsweise einer Milliarde US-Dollar zwischenzeitlich auf die “Forbes”-Liste der reichsten Menschen der Welt schaffte. Er ist auch das Gespenst, das zweimal aus einem Hochsicherheitsgefängnis türmte.

Die Flucht des wichtigsten Häftlings Mexikos ist eine Blamage für die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto, der sich gerne im Glanz spektakulärer Schläge gegen das organisierte Verbrechen sonnt. “Die einzige Möglichkeit, diese Schande wieder gut zu machen, ist seine Festnahme“, sagte er nach dessen spektakulärer Flucht.

Experten warnen aber davor, den Ausbruch von “El Chapo” überzubewerten. “In Mexiko ist das organisierte Verbrechen größer als ein einzelner Boss”, schreiben die Analysten des Sicherheitsunternehmens Stratfor. Die Experten des auf Sicherheitsthemen spezialisierten Nachrichtenportals Insight Crime geben zu bedenken, dass bereits Guzmáns Festnahme vor einem Jahr das Sinaloa-Kartell nicht wesentlich geschwächt habe. Seine Rückkehr an die Spitze des Syndikats dürfte nun genauso reibungslos verlaufen.

Allerdings könnte die Flucht ein Warnschuss sein. “Die wichtigste Frage ist, ob die mexikanische Regierung diese peinliche Krise nutzt und anfängt, sich ernsthaft der Verbrechensbekämpfung, öffentlicher Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit zu widmen”, schreibt die Politikwissenschaftlerin Vanda Felbab-Brown vom US-Forschungsinstitut Brookings Institution. (dmz/dpa/hl)