Drama an der Grenze: Kubanische Flüchtlinge stranden in Mittelamerika

 

Immer mehr kubanische Flüchtlinge müssen im Grenzgebiet zwischen Costa Rica und Nicaragua unter erbärmlichen Bedingungen ausharren (Foto: Ticotimes)

Peñas Blancas/San José, 26. November 2015 – Voller Hoffnung hatten sie Kuba in Richtung USA verlassen – jetzt bangen Tausende Flüchtlinge im Grenzgebiet zwischen Costa Rica und Nicaragua um ihre Zukunft. Sie sind zu einem Spielball politischer Interessen geworden – dabei haben die meisten bereits alles verloren.

Von Gabriela Selser und Ernesto Ramírez

Sie schlafen auf Laken, die sie auf dem Boden ausgebreitet haben. Betten oder Matratzen gibt es nicht. Die Regierung von Costa Rica versorgt die kubanischen Flüchtlinge zwar mit Lebensmitteln und Medikamenten – aber gegen die Angst, die die Menschen hier plagt, gibt es keine Medizin. Die Kubaner bangen, weil sie unbedingt in die USA wollen, aber nun seit Wochen irgendwo an der Grenze zwischen Costa Rica und Nicaragua festsitzen.

„Ich bin verzweifelt“, sagt Johan Mérida, der vor seiner Flucht in der kubanischen Tourismusindustrie tätig war. Havanna habe er Anfang November verlassen und 10 000 Dollar (9400 Euro) für die Reise in die Freiheit bezahlt – „und jetzt habe ich kein Geld mehr“.

Mittlerweile harren rund 3200 Kubaner in der Nähe von Peñas Blancas, 300 Kilometer von Costa Ricas Hauptstadt San José, in Notunterkünften aus – und täglich werden es mehr. Grund ist eine Art Rückstau: Das benachbarte Nicaragua hatte Mitte November erstmals Flüchtlinge nach Costa Rica zurückgeschickt und verweigert den Menschen seither die Ein- und Durchreise.

Riskant und gefährlich: Die Reise der Flüchtlinge

Mérida und eine Gruppe von Landsleuten war mit Hilfe einer illegalen Bande zunächst auf dem Luftweg in Ecuador angekommen, wo kein Visum benötigt wird. Nur mit kleinen Rucksäcken und dem Allernötigsten bepackt, ging es von dort auf einer riskanten Reise über Kolumbien und Panama nach Costa Rica. Aber in Nicaragua wurden die Kubaner von Armee und Polizei gestoppt, weil die Regierung in Managua nach eigenen Angaben nicht über den Flüchtlingsansturm informiert wurde.

„Wir waren unterwegs in das Dorf Rivas, als sie Tränengas auf uns geworfen und uns geschlagen haben, auch die Frauen und Kinder. Sie haben uns sehr schlecht behandelt“, sagte eine junge Kubanerin weinend einem Fernsehsender.

Mehrere Länder in Mittel- und Südamerika hatten in den vergangenen Wochen über die verstärkte Ankunft von Migranten aus Kuba berichtet. In Mexiko kamen in diesem Jahr offiziellen Angaben zufolge fünfmal mehr kubanische Flüchtlinge an als noch im Vorjahr. Sie verlassen den sozialistischen Karibikstaat in der Hoffnung, über den Landweg und Drittländer in die USA einwandern zu können.

Was sind die Hintergründe für die steigende Migration?

Hintergrund ist wohl die Befürchtung vieler Kubaner, dass die US-Kuba-Politik nach der Aufnahme politischer Beziehungen im Juli bald geändert werden könnte. Wegen der langen Eiszeit zwischen Havanna und Washington können Migranten aus Kuba seit Jahrzehnten einfach politisches Asyl in den USA beantragen, auch wenn sie illegal einreisen.

Dass die Menschen versuchen, über den Landweg in die USA zu kommen, liegt an einer speziellen Bestimmung. Würden sie den deutlich kürzeren Seeweg wählen, so riskierten sie, von der US-Küstenwache entdeckt und in die Heimat zurückgeschickt zu werden. Denn solange ankommende Migranten keinen festen amerikanischen Boden unter den Füßen haben, haben sie auch kein Bleiberecht.

Einer der in Costa Rica festsitzenden Flüchtlinge erzählt, dass viele Kubaner ihre Häuser verkauft hätten, um die Reise durch Mittelamerika zu bezahlen. Diese sei aber sehr anstrengend und zehre an den Kräften. „Ich bin physisch am Ende“, sagt Arsenio Para, einer der Ältesten in der Gruppe. Andere haben noch schlimmere Erfahrungen hinter sich, wie Laidy Fuentes. Die 24-Jährige sagte einer Zeitung in Costa Rica, sie sei in Kolumbien von Polizisten gefangen genommen und missbraucht worden. „Sie haben mich vergewaltigt, sie haben mich geschlagen, sie haben mir meine Papiere weggenommen.“

Es handele sich um eine „regionale humanitäre Krise“, die dringend angegangen werden müsse, sagt Martha Cranshaw von der nicaraguanischen NGO „Netzwerk für Migration“. Es sei eine völlig übertriebene Reaktion gewesen, Armee und Polizei auf die unbewaffneten Zivilisten zu hetzen.

Derweil haben viele Nicaraguaner damit begonnen, Nahrung und Kleidung zu sammeln und an die Grenze zu schicken. Sie sind den Kubanern bis heute dankbar für ihre Unterstützung bei der sandinistischen Revolution, mit der 1979 die jahrzehntelange Diktatur der Familiendynastie Somoza endete.

Aber genau diese alte Allianz ist wohl auch Hintergrund der Grenzschließung, denn Nicaraguas Präsident Daniel Ortega betrachtet die Karibikinsel als engen Verbündeten und will durch die Zurückweisung der Flüchtlinge seine Freundschaft bekunden. Costa Rica stand bisher hingegen den USA näher.

Ein Treffen der Außenminister der Region in San Salvador war vor wenigen Tagen zunächst gescheitert. Nicaragua hatte dabei mehrfach betont, seine Position sei unveränderlich. Der stellvertretende Außenminister Denis Moncada warf Costa Rica vor, die Souveränität seines Landes zu verletzen. Die Regierung in San José lasse eine Massenflucht durch die Region zu und gefährde damit die nationale Sicherheit Nicaraguas. Somit bleiben die kubanischen Flüchtlinge weiter der Spielball nationaler Interessen – Ausgang ungewiss. (dmz/dpa/vs/hl)