Ein Jahr nach Ayotzinapa: Bleibt auch die Wahrheit für immer verschwunden?

 

 

Ein Jahr nach Ayotzinapa: Rund 18.000 Demonstranten kamen am Zócalo zu einer Kundgebung zusammen. Demonstrationen gab es auch in Chilpancingo. (Foto: almomento.mx)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 26. September 2015 – Vor genau einem Jahr wurden in Mexiko 43 Studenbten eines Lehramtsseminars in Guerrero vor einer geplanten Protestaktion verschleppt und angeblich auf einer Müllhalde ermordet und verbrannt. Bis heute ist die Tat nicht wirklich aufgeklärt, es gibt noch viele offene Fragen, viele Details, die noch wichtig werden könnten.

Tausende Menschen haben an diesem Samstag in Mexiko-Stadt erneut die Aufklärung der Tat gefordert. Die Eltern der verschwundenen jungen Männer und zahlreiche weitere Demonstranten protestierten am Samstag in Mexiko-Stadt wegen der fehlenden Ermittlungsergebnisse. „Der Kampf geht weiter“ skandierten sie. Viele trugen Bilder der Opfer und symbolisch schwarz gefärbte Nationalflaggen. Der Protestmarsch startete vor dem Präsidentenpalast Los Pinos und zog zum zentral gelegenen Zócalo weiter.

Angehörige von Treffen mit Peña Nieto enttäuscht

Vor wenigen Tagen hat Präsident Enrique Peña Nieto Angehörige der Opfer empfangen. „Wir sind auf der selben Seite“, versicherte der Staatschef bei dem Treffen mit über 100 Familienangehörigen und Kommilitonen der jungen Männer. „Wir möchten wissen, was mit ihren Söhnen passiert ist und wollen, dass alle Verantwortlichen bestraft werden.“

Die Eltern zeigten sich von dem Treffen enttäuscht. Sie zweifeln an den Ermittlungsergebnissen und wollen nicht glauben, dass ihre Söhne und Brüder tatsächlich tot sind. Ihnen reichten die Zusagen nicht aus. „Seit einem Jahr versuchen sie uns abzulenken, aber wir haben auf etwas Gutes bei diesem Treffen gehofft“, sagte María de Jesús Tlatempa, die Mutter eines der Verschwundenen. „Die Behörden wollen uns müde machen, aber wir geben nicht auf.“

Der Fall der 43 Studenten aus Ayotzinapa brachte die bis dahin erfolgsverwöhnte Regierung von Enrique Peña Nieto in anhaltende Bedrängnis. Die „Normalistas“, wie die Studenten in Anlehnung an die „Escuelas Normales Rurales“ bezeichneten Lehrerseminare im Land genannt werden, waren wegen ihrer teilweise rabiaten Proteste gegen die schlechte Ausstattung und die Lebensbedingungen in den Internaten nicht gerade beliebt. Vor allem die Studenten aus Guerrero brachten Regierung, Reiseunternehmer und Touristen häufig gegen sich auf: Immer wieder kaperten sie Fernbusse oder hinderten diese daran, weiterzureisen. Nicht selten blockierten sie stundenlang die Autobahn zwischen Cuernavaca und Acapulco in beiden Richtungen. Mit ihren Aktionen versuchten sie auch Gelder einzutreiben.

Was geschah am 26./27. September?

Der 26. September 2014 schien wieder so ein Tag. Örtliche Polizisten hatten die Studenten observiert, die in Chilpancingo, Hauptstadt des Bundesstaats, Busse gekapert hatten. Ihr Ziel: Iguala, wo sie eine Versammlung der Frau des Bürgermeisters stören wollten. Am Abend fing die Polzei die Busse mit den Studenten ab und eröffnete das Feuer gegen sie; im Kugelhagel der Polizei starben mehrere Studenten und unbeteiligte Zivilisten, darunter auch junge Fußballspieler, die in einem unbeteiligten Bus saßen.

Wer aus den Bussen fliehen konnte, floh. Eine Gruppe von jungen Männern war in einem Bus sitzen geblieben – und das besiegelte ihr Schicksal. Videoaufnahmen von Straßenkameras zeigen, wie die überlebenden Studenten aus dem Bus in Pick-ups und Vans der Polizei fortgefahren werden.

Heute wissen wir, dass die jungen Männer in ein Haus nach Loma de Coyote gebracht wurden, wo sie der inzwischen inhaftierte Regionalchef der Bande „Guerreros Unidos“ Gildardo López, vernommen haben will. Anschließend mussten sie auf Kleintransporter klettern. An den Chef der „Guerreros Unidos“, Sindronio Casarrubuas, schickte er später die Nachricht: „Wir haben Staub aus ihnen gemacht und sie in den Fluss geworfen, sie werden sie nie finden.“ Er, „El Gil” war auch der Kontakt zu den Polizeieinheiten gewesen, die ihnen in Guerrero Schutz geboten hätten. Zuvor hatte er dem Chef der Guerreros Unidos, Sidronio Casarrubias Salgado, eine Nachricht geschickt, bei den jungen Männern handele es sich um Mitglieder einer rivalisierenden Bande. Casarrubias Salgado ordnete daraufhin an, „das Territorium zu verteidigen“. „El Gil“ führte den Auftrag aus.

Mehrere im Zuge der Ermittlungen festgenommene Bandenmitglieder hatten erklärt, die jungen Männer getötet und ihre Leichen auf der Müllhalde im nahen Cocula verbrannt zu haben. Den Auftrag, die Studenten zu verschleppen und zu töten, soll der Bürgermeister von Iguala gegeben haben, ein typischer Provinzfürst, stinkreich, der sich in seinem Reich für unantastbar hielt. Dessen Frau – sie soll zu einer regionalen Drogenhändlerfamilie gehören – hielt an dem Abend als Präsidentin der staatlichen Familien- und Kinderschutzorganisation eine Rede Anschließend wurde gefeiert und getanzt, wie Videoaufnahmen zeigen. Hier hatte niemand etwas von den Geschehnissen draussen mitbekommen.

Zwei Tage nach dem Vorfall tauchten der zur linken Partei PRD gehörende Bürgermeister und seine Frau unter. Erst Wochen später wurde das Ehepaar in einer heruntergekommenen Wohnung in Mexiko-Stadt aufgespürt und festgenommen.

Welche Rolle spielte das Militär?

Die spanische Zeitung „El País“ berichtete vor wenigen Tagen unter Berufung auf Aussagen eines Leutnants und eines Soldaten vor der Generalstaatsanwaltschaft, dass die Streitkräfte von dem Angriff auf die Studenten wussten, aber den Befehl hatten, nicht einzugreifen. An dem Abend, so sagte der Leutnant aus, seien mindestens neun Anrufe bei dem in Iguala stationierten 27. Infanterie-Bataillon eingegangen. Er befahl einem Soldaten, zun Ort der Angriffe in der Nähe des Busbahnhofs zu fahren, wo die Polizei die „Normalistas“ eingekesselt hatten.

Der Soldat habe nur Fotos gemacht und sei dann wieder gegangen. „Geh nicht zu nah ran und geh kein Risiko ein“, soll der Leutnant seinem Untergebenen laut „El País“ gesagt haben.

Sowohl die Eltern der Studenten als auch Menschenrechtsorganisationen sollen gefordet haben, gegen das Militär wegen Unterlassung zu ermitteln, denn Militärs seien zu den Stellen gegangen, wo sich Studenten vor der Polizei in Sicherheit bringen konnten, und sie sollen auch auf Verletzte gestoßen sein, die ihnen die Ereignisse geschildert hätten.

Der mexikanische Verteidigungsminister, Salvador Cienfuegos, wies darauf hin, dass das Militär laut Gesetz außerhalb ihrer Stützpunkte nicht eingreifen darf es sei denn, es liegt ein ausdrückliches Ersuchen einer zivilen Authorität vor. Und das war in jener Nacht nicht der Fall. Wenn es so gewesen wäre, dann hätten die Soldaten unter dem Befehl des Bürgermeisters von Iguala, José Luis Abarca, einem Handlanger der „Guerreros Unidos“ handeln müssen. „Wenn wir aus dem Stützpunkt rausgegangen wären, dann hätten wir ein noch größeres Problem geschaffen“, urteilte Cienfuegos.

Verflechtung von Politik, Polizei und organisiertem Verbrechen

Der Vorfall warf ein Schlaglicht auf die Verflechtung von Politik, Sicherheitskräften und organisiertem Verbrechen in Mexiko. Ángel Aguirre Rivero, der Gouverneur des Bundesstaats Guerrero, Politiker der linken PRD, musste zwar zurücktreten – bis heute, auch ein Jahr danach, ist von ihm in den Medien nicht ein Piepton zu hören. Sein Sohn war noch als Kandidat für die Bürgermeisterwahlen in Acapulco angetreten, er brauchte aber noch Wochen, bis er von der Kandidatur zurücktrat. Politik in den mexikanischen Provinzen ist ein Kapitel für sich. Da herrschen andere, schwer durchschaubare Spielregeln.

Mittlerweile sind 111 Verdächtige in Haft, darunter der Ausführende des Mordauftrags. Einige hatten ausgesagt, dass es „El Gil“ gewesen sei, der angeordnet habe, die Studenten auf einer Müllhalde bei Cocula zu töten und ihre Leichen zu verbrennen. Bislang sind erst zwei Opfer identifiziert. Experten der Universität Innsbruck ordneten in Cocula entdeckte Leichenteile zwei Studenten des Lehrerseminars in Ayotzinapa zu.

Die Angehörigen der jungen Männer bezweifeln jedoch nicht nur das Untersuchungsergebnis der österreichischen Forensiker, sondern überhaupt die offizielle Version der Ereignisse. Eine unabhängige internationale Expertenkommission nährt diese Zweifel. Danach ist es gar nicht möglich gewesen, die Leichen auf der Müllhalde so zu verbrennen, wie die Festgenommenen es behauptet haben. Auch die Nationale Menschenrechtskommission von Mexiko hat die Arbeit der Ermittler kritisiert. Zudem ist ein neues mögliches Motiv für das Verbrechen ins Spiel gekommen: Die Studenten könnten versehentlich einen Bus gekapert haben, den die „Guerreros Unidos“ zum Drogenschmuggel in die USA nutzen.

Waffen von Heckler & Koch

Auch Deutschland war von dem Fall betroffen: In Iguala schoss die Polizei mit dem Sturmgewehr G36 des deutschen Waffenfabrikanten von Heckler & Koch. Bereits bei einer Protestaktion der Lehramststudenten zwei Jahre zuvor an der Mautstelle in Chilpancingo wurden zwei Studenten erschossen – mit einem Sturmgewehr von Heckler & Koch. In Deutschland wird wegen der illegalen Lieferungen gegen Heckler & Koch ermittelt. Die „Süddeutsche Zeitung“ sowie NDR und WDR hatten aus dem noch unveröffentlichten Schlussbericht des ZKA erstmals Auszüge zitiert und berichtet, dass über Jahre hinweg die deutschen Behörden getäuscht und Tausende G36-Sturmgewehre verbotenerweise in die genannten mexikanischen Bundesstaaten geliefert wurden. Demnach wurden im Zeitraum von 2003 bis 2011 insgesamt 9.472 Gewehre nach Mexiko geliefert – fast die Hälfte der Waffenlieferungen (4.767 Stück) verstieß damit gegen die Auflagen der Bundesregierung, keine Waffen in die genannten Regionen wegen der dortigen Korruption und Organisierten Kriminalität zu liefern.

Die Fahnder zitieren auch aus internen Mails des Waffenkonzerns. „Jalisco und Chiapas sollten nicht erwähnt werden“, schreibt etwa ein Verantwortlicher von Heckler & Koch Anfang 2007 in einer Mail an einen Verkäufer seiner Firma in Mexiko. Die beiden Bundestaaten seien offensichtlich auf der „schwarzen Liste“. Außerdem soll die Waffenfirma falsche Dokumente bei den mexikanischen Behörden bestellt haben, um Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes zu täuschen. Die Zollfahnder kommen zu dem Ergebnis: Verantwortliche von Heckler & Koch hätten die illegalen Exporte „herbeigeführt, gefördert oder zumindest gebilligt“.

Der Film „Der Meister des Todes“ der in dieser Woche im ARD-Fernsehen lief, stellt die Geschichte der Waffenlieferungen fiktiv nach – sehr, sehr nah an der Wahrheit, was klar wird, wenn man sich auch die darauffolgende Reportage und Dokumentation ansieht. Film und Dokumentation sind noch bis 30. September abrufbar.

Für die Regierung von Enrique Peña Nieto ist der Fall Ayotzinapa eine Katastrophe. Wegen seiner Reformpolitik schwamm er auf einer Welle des Erfolgs, das Ausland lobte ihn in hohen Tönen. Zuhause dagegen wurde er gerade wegen seiner Reformen kritisiert, und die Lehrer aus Oaxaca und Guerrero geben bis heute keine Ruhe. Aber Ayotzinapa änderte alles. Vor allem linke Intellektuelle warfen ihm Schwächen vor. In sozialen Medien wird er als Mörder bezeichnet, immer wieder werden Forderungen nach einem Rücktritt oder gar seiner Absetzung laut.

Rücktritt? Undenkbar

Doch in Mexiko kann der Präsident nicht einfach zurücktreten, das muss vom Kongress genehmigt werden, ebenso seine Absetzung, und der Kongress wird von seiner Partei PRI dominiert. Die Forderungen sind also völlig sinnlos. Bei uns in Deutschland müssten in einem solchen theoretischen Fall der Innenminister und der Generalstaatsanwalt zurücktreten. Im Fall von Mexiko wäre das Innenminister Osorio Chong gewesen und sein unglücklich agierender Generalstaatsanwalt Murillo Karam. Dieser wurde schließlich ins Landwirtschaftsministerium abberufen, und kürzlich schied er ganz aus der Regierung aus. Doch glaubt wirklich jemand, dass der Präsident das Massaker angeordnet hat, wie so viele glauben wollen? Das wäre mit Sicherheit nicht in seinem Interesse gewesen.

Kririsieren allerdings kann man das miserable Krisenmanagement seiner Regierung. Statt den Stier bei den Hörnern zu packen, wurde Zeit verloren, wurde versucht, Dinge zu verschleiern und zu verschleppen. Insofern wundert es nicht, dass es soviele Zweifel an den Ermittlungserbnissen gibt. Und hatte die Regierung vor ein paar Monaten die Studenten für tot erklärt, kommt jetzt das Kommando zurück: „Der Fall ist nicht abgeschlossen», sagte Peña Nieto. Er kündigte die Gründung einer speziellen Staatsanwaltschaft für die Suche nach vermissten Personen an. Zudem werde die Generalstaatsanwaltschaft ein Team von Forensikern zusammenstellen, die die Beweisstücke und Tatorte erneut untersuchen. Seine Regierung sei der Wahrheit und der Gerechtigkeit verpflichtet, schrieb er im Kurznachrichtendienst Twitter. Aber ob damit die ganze Wahrheit ans Licht kommt, darf bezweifelt werden. (dmz/hl mit Material von dpa)




Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*