„Eisenstein in Guanajuato“ begeistert auf der Berlinale

 

Hauptdarsteller Elmer Bäck als Sergei Eisenstein „Eisenstein in Guanajuato“ (Quelle: berlinale.de)

Berlin, 11. Februar 2015 – Im Jahr 1931 reist Sergei Eisenstein nach Guanajuato, um den Film „Que viva México“ zu drehen. Das Projekt wird er nie vollenden. Stattdessen entdeckt er seine Homosexualität und beginnt das Stalin-Regime neu zu reflektieren – so zumindest die Version in Peter Greenaways gefeierter Hommage an den sowjetischen Filmpionier.

Der britische Regisseur Peter Greenaway hat auf der Berlinale sein neues Werk „Eisenstein in Guanajuato“ ins Rennen um die Trophäen geschickt. In dem mit Dokumentarmaterial angereicherten Spielfilm spekuliert Greenaway über eine Episode im Leben des legendären Filmregisseurs Sergei Eisenstein (1898-1948). Der Film kam in einer ersten Festivalvorführung gut an und hätte nach Meinung mehrerer Kritiker einen Goldenen Bären verdient.

Greenaway („Der Kontrakt des Zeichners“, „The Tulse Luper Suitcases“) beleuchtet in dem Film Eisensteins Mexiko-Aufenthalt in den Jahren 1931/32. Der Sowjetrusse kam als gefeierter Star nach Guanajuato, um dort einen Film mit dem Titel „Que viva Mexico!“ realisieren. Das Projekt beendete er nie. Stattdessen, so Greenaways Version, entdeckte er in Mexiko seine Homosexualität. Zugleich beginnt Eisenstein, in der ebenso sinnlichen wie bedrohlichen Fremde seine Heimat und das Stalin-Regime neu zu reflektieren.

„Was zur Hölle ist Realismus?“

Das missglückte Projekt „Que viva México!“ gab es zwar tatsächlich, die restliche Filmhandlung ist jedoch laut Greenaway nicht an „sogenannter Authentizität“ interessiert. „Was zur Hölle ist Realismus? Man kann keinen Realismus machen, das geht einfach nicht. Bestenfalls macht man das, was man tatsächlich nutzen kann, zum Schwerpunkt, nimmt das was einen im Universum so außergewöhnlich macht – die Phantasie – und spielt mit den Konventionen“, sagte der 72-Jährige während der Pressekonferenz auf der Berlinale.

Greenaways Film spekuliert deshalb nur über die Episode im Leben des einflussreichen Regisseurs. Und er tut es mit ausgiebigen, expliziten Sexszenen, die zeigen, wie Eisenstein sich in seiner neu entdeckten Homosexualität verliert. „Es war so viel Nacktheit in diesem Film, dass man sich irgendwann dran gewöhnt hat. Man muss das überwinden“, sagte der Hauptdarsteller Elmer Bäck.

„Eisenstein erschuf eine echte Kinosprache“

Im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur erklärt Greenaway, was ihn an Eisensteins Arbeit so fasziniert. „Er erschuf in einer Zeit, wo das Kino eine Art Wortschatz für sich entwickelte – bis 1929 hatten Filme keine Tonspur – eine echte Kinosprache. Hauptsächlich durch eine gewisse Ignoranz oder auch durch Unbedarftheit“, so Greenaway. „Darüber hinaus hatte er ein unglaubliches Talent für das Schneiden und die Postproduktion der Filme. Leider wurde der Film in der geschnittenen Fassung nie gezeigt. Es wäre ein Meisterwerk geworden, wenn man ihn gelassen hätte.“  

Greenaway sagt, er habe sich deshalb auch ganz bewusst entschieden, einen hochgradig nachbearbeiteten, geschnittenen Film zu präsentieren. „Wir arbeiten ganz viel mit dem Schnitt als Stilmittel, mit einer Art Triptychon-Aufteilung der gesamten Leinwand. Es ist geradezu eine Hommage an den Vorgang des Schneidens.“

„Die Homophobie in Russland muss man diskutieren“

Auf die Frage, wie Greenaway die heutige Kriminalisierung von Homosexuellen in Russland beurteile, antwortete er: „Das ist doch wirklich lächerlich, etwa dass Schwulen der Führerschein verweigert wird. Russland sollte sich auf den Weg ins 21. Jahrhundert machen“. Die Homophobie dort müsse man diskutieren, sagte er. „Wie kann es denn sein, dass Russland noch nie einen Film über Eisenstein gedreht hat?“. Russland habe sich bereits „kräftig aufgeregt“ über seinen Film, der Eisenstein als schwulen Mann porträtiert.

Dabei sei die Homosexualität im Film sogar nur ein Randthema. „Ich wollte eigentlich keinen Kreuzzug für die Schwulen- und Lesbenbewegung machen“, sagte Greenaway. „Ich wollte Eisenstein zeigen in seiner herrlichen Brillianz, aber auch in seiner zutiefst menschlichen Art“. Er sei schon als Student von Eisensteins Filmen begeistert gewesen. „Und meine Begeisterung ist nie geringer geworden. Es schien für mich an der Zeit zu sein, diesen Mann zu feiern.“

Für Greenaway soll es nicht der einzige inszenatorische Ausflug in die Welt Eisensteins bleiben. Als Nachfolgeprojekt ist bereits „The Eisenstein Handshakes“ in der Planung. (dmz/ds mit Material von dpa)

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 5. bis 15. Februar in verschiedenen Berliner Spielstätten statt. Das komplette Programm findet sich hier.