Enthüllungsjournalistin Carmen Aristegui wegen Méxicoleaks entlassen

Die Journalistin Carmen Aristegui (Foto: Twitter/BoletinMexico)

Mexiko-Stadt, 17. März 2015 – Bereits vor der ersten Veröffentlichung provoziert Méxicoleaks den ersten Skandal: Der Radiosender MVS hat die regierungskritische Journalistin Carmen Aristegui wegen ihres Engagements gefeuert. Sie hatte zuvor die Wiedereinstellung zweier Kollegen gefordert. Der Sender lehnte ab – und löste einen Shitstorm aus.

Im Streit um die Enthüllungsplattform Méxicoleaks hat der mexikanische Radiosender MVS die einflussreiche Journalistin Carmen Aristegui entlassen. Die Journalistin habe ein Ultimatum für die Wiedereinstellung zweier gekündigter Kollegen gestellt, das der Sender nicht akzeptieren könne, hieß es in der Nacht auf Montag in einer Erklärung von MVS.

Die beiden Journalisten, Daniel Lizárraga und Irving Huerta, waren bei der Planung von Méxicoleaks als Vertreter von MVS aufgetreten, obwohl das von dem Sender nicht genehmigt worden war. Wie das Vorbild Wikileaks will die Plattform Whistleblower ermutigen, vertrauliche Dokumente beispielsweise über Korruptionsfälle im Internet hochzuladen und Journalisten zur Auswertung zur Verfügung zu stellen.

Aristegui ist eine der bekanntesten Journalistinnen Mexikos. Neben ihrer morgendlichen Nachrichtensendung bei MVS hat sie auch eine Sendung bei CNN en Español und eine eigene Nachrichtenwebsite „aristeguinoticias.com“. Zuletzt deckte sie mit ihrem Team auf, dass die Frau von Präsident Enrique Peña Nieto ein Haus von einer Firma gekauft hatte, die enge Geschäftsbeziehungen zur Regierung unterhielt.

Solidarität für Aristegui, Häme für MVS

Hunderte Menschen versammelten sich am Montag spontan vor dem Sitz des Radiosenders MVS zu einer Demonstration. Mit Plakaten und Slogans wie „Todos somos Aristegui“ (Wir alle sind Aristegui) und „La Libertad de uno es la libertad de todos“ (Die Freiheit des Einzelnen ist die Freiheit von Allen) protestierten sie gegen die Entlassung. Einige hatten sich symbolisch den Mund mit Klebestreifen zugeklebt, auf denen „No a la censura“ (Nein zur Zensur) stand.

Auch in den sozialen Netzwerken brach nach Bekanntwerden von Aristeguis Entlassung eine Welle der Sympathie und Solidarität für die Journalistin los. Die Hashtags #EndefensadeAristegui und #Mexleaks waren weltweit unter den Trending Topics bei Twitter. Einige änderten ihr Titelbild in „Je suis Carmen“ in Anlehnung an die Solidaritätsbewegung nach dem Attentat auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo.

Zugleich wurde der Sender MVS heftigst kritisiert für seine Entscheidung, die Journalistin zu entlassen.

Mehrere führende Experten kündigten an, ihre Zusammenarbeit mit dem Sender MVS beenden zu wollen. „MVS beendet seine Zusammenarbeit mit Carmen Aristegui. Und ich beende meine Zusammenarbeit mit MVS“, sagte die politische Analystin Denis Dresser. „Carmen Aristegui ist eine unentbehrliche Stimme im öffentlichen Leben“, teilte Enrique Krauze, einer der führenden Historiker Mexikos, via Twitter mit. „Ihre Entlassung bei MVS fügt der Meinungsfreiheit in Mexiko einen ernsthaften Schaden zu.“

Auch in den sozialen Medien gab es Boykott-Aufrufe, etwa dem Radiosender bei Twitter nicht weiter zu folgen (#UnfollowAMVS). Einige User machten gleich Ernst und löschten auch ihre App vom Smartphone.

Die Enthüllungsplattform Mexicoleaks ist ein Projekt von acht Medienorganisationen – darunter „aristeguinoticias.com“ – und Bürgerbewegungen, dessen Mission es nach eigener Aussage ist, „ein transparentes Mexiko“ zu schaffen. Dabei geht es vor allem darum, Fälle politischer Korruption, Menschenrechtsverletzungen und anderen Machtmissbrauch von institutionellen und wirtschaftlichen Organisationen aufzudecken. (dmz/ds mit Material von dpa)