Entlassung von Carmen Aristegui: Wer ist hier Opfer und Täter?

 

Joaquín Vargas und Carmen Aristegui – Wer spielt welche Rolle? (Foto: Raúl Linares / Revolución 3.0)

Mexiko-Stadt, 21. März 2015 – Der Rauswurf von Carmen Aristegui bei MVS Radio hat einen Aufschrei in Mexiko provoziert. Die Fronten sind klar verteilt: Auf der einen Seite steht die beliebte Journalistin, auf der anderen Seite ein Sender im Zensurverdacht. Blickt man hinter die Kulissen, zeigt sich, dass Gut und Böse nicht ganz so leicht zu unterscheiden sind.

Von Herdis Lüke, Daniel Schlicht und Andrea Schneider

Eine bessere Werbekampagne hätte sich MéxicoLeaks nicht wünschen können. Seit dem öffentlichkeitswirksamen Rausschmiss von Carmen Arisitegui bei MVS Radio ist die Enthüllungsplattform, die erst eine Woche zuvor online ging, in aller Munde. Vor allem die Empörungsmaschine im Web läuft auf Hochtouren: Von Zensur ist die Rede, von politischer Einflussnahme auf die Medien. Die Hashtags #EndefensadeAristegui und #Mexleaks waren weltweit unter den Trending Topics bei Twitter. Einige änderten ihr Titelbild in „Je suis Carmen“ in Anlehnung an die Solidaritätsbewegung nach dem Attentat auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo.

Und auch Aristegui reagierte prompt und berief eine Pressekonferenz ein, die wegen Massenandrangs der Kollegen im Web übertragen wurde. Es wehe ein autoritärer Wind durchs Land. Ihr Rausschmiss sei ein Angriff auf die Meinungsfreiheit, der wohl von langer Hand geplant worden sei, und für diese gelte es jetzt zu kämpfen, verkündete sie mit Nachdruck. Hunderte Demonstranten forderten vor den Büros von MVS Radio ihre Wiedereinstellung. Rund 170.000 Menschen unterzeichneten zudem eine Petition auf der Homepage von Change.org, einer Plattform für Online-Aktivismus, und brachen damit den Rekord der Website.

Tatsächlich scheint die Entlassung von Carmen Aristegui bei MVS einen Nerv in Mexiko zu treffen. Eine Anti-Stimmung, die sich seit Monaten an der Regierung Enrique Peña Nieto entlädt und die nun auch der Sender MVS zu spüren bekommt. Die Entlassung der beliebten Journalistin gleicht einem Affront am Volk: Sie war eine von uns, eine die für die gute Sache kämpfte, für die Wahrheit! Aristegui hat den Davidkampf gegen den Goliath MVS offenbar verloren.

Oder nicht? Böse Zungen behaupten, dass hinter Aristeguis Entlassung Kalkül stecken könnte – und zwar ihrerseits. Nicht nur, dass sie damit eine kostenlose PR-Kampagne für ihre Person und MéxikoLeaks ins Rollen gebracht hat. Womöglich geht es sogar um politische Ziele: Aristegui nutze den MéxicoLeaks-Skandal, um Stimmung gegen die Regierung zu betreiben. Immerhin sind es nur noch wenige Wochen, bis in Mexiko Regionalregierungen gewählt werden. Wer Verlierer und Gewinner bei der ganzen Geschichte ist, lässt sich also womöglich doch nicht so eindeutig sagen, wie es sich zunächst darstellt. Doch der Reihe nach.

Alles begann mit dem Skandal um das „weiße Haus“ (la casa blanca) im November letzten Jahres. Aristegui und ihr Team bei MVS hatten publik gemacht, dass die First Lady Angélica Rivera und der Finanzminister Julio Videgaray in Malinalco ihre Häuser von einer Firma hatten bauen lassen, die von der Regierung Peña Nieto großzügig mit Aufträgen bedacht wird. Der Skandal liegt bereits mehrere Wochen zurück und war laut MVS jedoch noch nicht der Auslöser für Aristeguis Entlassung. Im Gegenteil: Ihr sei danach sogar der Vertrag verlängert worden, teilte der Radiosender am Freitag mit.

Auslöser war die Entlassung von zwei Journalisten aus dem Team von Aristegui. Daniel Lizárraga und Irving Huerta hatten sich unter dem Namen des Nachrichtensenders der neuen Enthüllungsplattform MéxicoLeaks angeschlossen, ohne das vorher mit MVS abzusprechen. Dies sei ein eklatanter Vertrauensbruch, den MVS nicht akzeptieren könne, hieß es zur Begründung. Carmen Aristegui hatte daraufhin dem Radiosender ein Ultimatum für die Wiedereinstellung der beiden Kollegen gestellt. Der Sender fühlte sich erpresst und schickte ihr die fristlose Kündigung.

Nach Ansicht des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) war die Kündigung seitens MSV juristisch gerechtfertigt, sagte DJV-Sprecher Hendrik Zoerner der Deutschen Welle. Den Namen einer Firma für einen fremden Zweck zu gebrauchen, sei in keinem Land erlaubt. Ob die Reaktion von MVS klug war, sei eine andere Frage. Offenbar hatte der Sender die Reaktionen des Publikums unterschätzt. Aristeguis morgendliche Radiosendung verfolgten jeden Morgen Tausende Mexikaner. Ihrer Entlassung folgte ein gigantischer Shitstorm, den MVS so schnell wohl auch nicht mehr loswird.

Zwischen Gut und Böse

Die Vorwürfe von Aristegui über Zensur und Beschneidung der Pressefreiheit sind jedoch auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Enthüllungsberichte der kritischen Journalistin und ihres Teams sind für manche Politiker des Landes äußerst unbequem, besonders für die der Regierungspartei PRI. Die Story über das „weiße Haus“ von Enrique Peñas Ehefrau Angélica Rivera im vergangenen November schlug hohe Wellen, die bis ins Ausland schwappten. Der First Lady gehört eine fünf Millionen Dollar teure weiße Villa im edlen Stadtteil Lomas de Chapultepec. In einer Fernsehrede an die Nation rechtfertigte sich die First Lady für das Haus, das sie sich als Schauspielerin mit ihrer Arbeit beim TV-Sender Televisa verdient habe. Sie habe das Haus schon vor Amtsantritt von Peña Nieto gekauft.

Pikant an der Geschichte ist jedoch, dass das Haus von einer Firma gebaut wurde, die von der Regierung Peña Nieto großzügig mit Regierungsaufträgen bedacht wird. Für das Haus wurden ihr den Informationen nach günstige Kredite gewährt. Es waren die gekündigten Kollegen Daniel Lizárraga und Irving Huerta, die die Geschichte über das „weiße Haus“ aufgedeckt hatten. MVS bestreitet, dass dies der wahre Grund für die Entlassung gewesen sei. Der Autor der Reportage, Rafael Cabrera, arbeite immer noch bei dem Radiosender.

Viel Staub wirbelte auch eine Geschichte auf, die Aristegui und ihr Team vor knapp einem Jahr ans Licht brachten: Der Chef der PRI in Mexiko-Stadt, Cuauhtémoc Gutiérrez de la Torre, soll ein regelrechtes Bordellnetz innerhalb der lokalen Parteizentrale gehalten haben. Frauen zwischen 18 und 32 Jahren wurden demnach zu einem monatlichen Gehalt von 11.000 Pesos als Empfangsdamen oder Sekretärinnen eingestellt, die in Wirklichkeit aber Prostituierte waren und Gutiérrez für Sexdienste zur Verfügung standen. Durch verdeckte Recherchen einer Mitarbeiterin von Aristegui, die sich als „Kandidatin für ein Vorstellungsgespräch“ ausgab, wurde der Skandal ans Licht gebracht. Die für den Fall zuständige Wahlbehörde von Mexiko-Stadt entschied sich jedoch gegen Ermittlungen in dem Fall, die Parteiführung hat kürzlich gegen einen Ausschluss des umstrittenen Politikers gestimmt.

Vor diesem Hintergrund hat Aristeguis Entlassung natürlich einen Beigeschmack von Zensur und politischer Einflussnahme. Es ist allgemein bekannt, dass MVS-Direktor Joaquin Vargas gute Beziehungen zur Regierung von Peña Nieto pflegt und umgekehrt. Ein Nachrichtenchef des Senders war kürzlich zum Chef der Presseabteilung des Präsidialamtes ernannt worden.

Wer ist Carmen Aristegui?

Umgekehrt ist sicher auch Carmen Aristegui nicht nur Opfer in der Geschichte, zu dem sie sich – genauso wie die Protagonisten in ihren Reportagen – gerne stilisiert. Wer Aristegui näher kennt, weiß, dass sie voll und ganz Medienprofi ist. Aristegui, 1968 als Tochter spanischer Einwanderer geboren, begann ihre Karriere beim Fernsehen bei Canal 13 des Senders Imevision (heute TV Azteca). Danach folgten Televisa und MVS Noticias. Bei CNN Español moderiert sie das Interview-Programm „Aristegui“. Ihr eigenes Nachrichtenportal „Aristegui Noticias“ ging 2012 online.

Einige Kollegen Aristeguis behaupten, dass sie ihre Mitarbeiter Daniel Lizárraga und Irving Huerta mit Mitteln von MVS dazu gebracht habe, die Recherche zum „weißen Haus“ von Angélica Rivera anzustoßen. Die Reportage wurde später jedoch nicht bei MVS veröffentlicht, sondern im Nachrichtenmagazin „Proceso“. Wo die MVS-Gelder hingeflossen sind, ist unklar. Andere Kollegen zweifeln auch an der Behauptung Aristeguis, dass die Regierung hinter ihrer Entlassung bei MVS stecke. Sie glauben eher, dass Aristegui die Marke „MVS“ für ihre Plattform „MexicoLeaks“ benutzt habe, wovon sie durch ihre „Verschwörungstheorie“ ablenken wolle.

Aristegui hat also nicht nur Freunde unter Kollegen. In ihrer Zeit bei Grupo Imágen hatte sie 2002 einen Konflikt mit dem Journalisten Pedro Ferriz de Con, der sie nicht in die Radiokabine lassen wollte. Aristegui kündigte daraufhin. Danach moderierte sie die Radiosendung „Hoy por hoy“ en W Radio bis 2008. Das Arbeitsverhältnis endete laut MVS aufgrund von „vertraglichen Differenzen und Änderung auf der Geschäftsführerebene“. Zugleich störten sich Televisa und das spanische Medienkonsortium Prisa an den „kritischen Ausweitungen“ Aristeguis und forderten, diese einzugrenzen. Hinter ihrer Kündigung soll Juan Ignacio Zavala gesteckt haben, Freund und Schwager des Peña-Vorgängers Felipe Calderón. Zavala wurde zu der Zeit zum Repräsentanten des spanischen Medienkonsortiums Prisa ernannt.

Kurz darauf stellte MVS Noticias Aristegui als Radiomoderatorin ein. Zum ersten Eklat und Kündigung kam es, als sie 2012 Gerüchten über Alkoholismus des damaligen Präsidenten Felipe Calderón nachging. Abgeordnete der Arbeiterpartei PT hatten auf einem Kongress ein Spruchband hochgehalten: „Würdest du einen Betrunkenen dein Auto lenken lassen? Nein oder? Und warum lässt du ihn das Land lenken?“ Carmen Aristegui recherchierte und fragte in ihrer Radiosendung: „Hat Calderón Alkoholprobleme oder nicht?“ Daraufhin entließ MVS Radio die Journalistin mit der Begründung, sie habe gegen den Ethik-Kodex des Unternehmens verstoßen. Die Regierung forderte daraufhin, dass Aristegui sich bei Felipe Calderón entschuldige. Sie lehnte ab. Zwei Wochen später wurde sie wieder eingestellt und blieb bis zu ihrer endgültigen Entlassung am vergangen 15. März.

Die vorerst letzte Sendung von Aristegui wurde am 13. März bei MVS Radio ausgestrahlt. Aristegui hat ihre Wiedereinstellung gefordert – der Nachrichtensender wies das zurück. Dass sie eine Abfindung in Millionenhöhe von MVS erhält, ist kein Geheimnis. Am Hungertuch wird sie nicht nagen müssen. Außerdem: Kürzlich wurden zwei neue Fernsehkanäle zugelassen. (dmz/as/hl/ds)