Experten: Verschleppte Studenten aus Ayotzinapa wurden nicht verbrannt

Auf der Müllhalde in Cocula gefundene verkohlte Leichenteile konnten zwei der vermissten Studenten zugeordnet werden. Aber wo wurden sie und ihre 41 Kommilitonen verbrannt? (Foto: Acapulco News)

Mexiko-Stadt, 7. Dezember 2015 – Was ist mit den vor mehr als einem Jahr verschleppten und mutmaßlich ermordeten 43 Studenten aus Ayotzinapa in Guerrero geschehen? Sie wurden jedenfalls nicht auf einer Müllkippe verbrannt. Zu diesem Ergebnis kommt die Expertengruppe der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH), die damit den offiziellen Ermittlungsergebnissen widerspricht.

Laut Generalstaatsanwaltschaft wurden die von der Polizei verschleppten und von Mitgliedern einer kriminellen Bande getöteten jungen Männer verbrannt. An dem vermeintlichen Tatort habe es zu dem fraglichen Zeitpunkt aber geregnet und keinen Brand gegeben, teilte das Team der CIDH am Montag in Mexiko-Stadt mit. Das habe unter anderem die Auswertung von Satellitenaufnahmen ergeben.

Die Studenten desr linken Lehrerseminars in Ayotzinapa waren in dern Nacht vom 26. auf den 27. September vorigen Jahres von örtlichen Polizisten in der Stadt Iguala verschleppt und Mitgliedern der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben worden. Mehrere später festgenommene Bandenmitglieder gestanden, die jungen Männer erschossen, ihre Leichen auf einer Müllkippe im nahen Cocula verbrannt und ihre verkohlten Reste in den gleichnamigen Fluss am Rande der Müllhalde geworfen zu haben.

Am 26./27. September 2014 jedoch habe es in Iguala und Umgebung geregnet, der Himmel sei bewölkt gewesen, wie meteorologische Aufzeichnungen bewiesen, und es habe in Cocula keinen Brand gegeben, was die Auswertung verschiedener Satellitenaufnahmen gezeigt habe, erklärte die Gruppe unabhängiger Experten der CIDH am Montag vor der Presse. Die Generalstaatsanwaltschaft werde diese neuen Beweise nun analysieren. Nach den Studenten werde weiter gesucht. Wo genau, wurde nicht mitgeteilt.

Noch nicht erfüllt sei die Forderung der Expertengruppe, die in der fraglichen Nacht diensthabenden Soldaten des Militärstützpunktes in Iguala zu vernehmen beziehungsweise bei deren Vernehmung durch die Ermttler der Generalstaatsanwaltschaft präsent zu sein und gegebenfalls Fragen zu stellen.  Unklar ist laut den Experten auch noch die Rolle eines fünften Autobusses, der in jener Nacht im Spiel gewesen sein soll. Die Studenten hatten zuvor in Chilpancingo Passagierbusse entführt, die in Iguala von der Polizei aufgehalten und beschossen wurden. Dabei kamen sechs Menschen ums Leben, darunter auch mehrere am geschehen unbeteiligte.

Experten und die Angehörigen der Opfer haben von Anfang an der offiziellen Darstellung des Tathergangs gezweifelt und weitere Ermittlungen gefordert. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen nach einigen Monaten für abgeschlossen erklärt, dann aber dem Druck nachgegeben und einer Fortsetzung in Kooperation mit einer interdisziplinären Gruppe von Experten der CIDH zugestimmt.

Auch eine parlamentarische Untersuchungskommission befasst sich inzwischen mit dem Fall, der weltweit für Schlagzeilen sorgte und die Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto in eine tiefe Krise stürzte.

Lesen Sie hier Chronik und Hintergründe des Falls Ayotzinapa. (dmz/hl)