Filmemacher Michael Vetter: „Die Seele Mexikos ist nach wie vor da“

 

Interview: Andrea Schneider

Mexiko-Stadt, 23. Januar 2015 – „Ungerechte Gerechtigkeit oder gerechte Ungerechtigkeit?“ ist der neueste Film von Michael Vetter. Gedreht im Hochland von Guerrero, beschreibt er die Situation der indigenen Bevölkerung. Täglich wird sie Opfer von Übergriffen durch kriminelle Banden und Militär. Im Interview mit der Deutschen Mexiko-Zeitung erzählt der gebürtige Österreicher von seiner Arbeit.

Der Bundestaat Guerrero zählt zu den gefährlichsten Gegenden der Welt. Jeden Tag berichten Medien über neue Raubüberfälle, Entführungen bis hin zu Morden. Dass die meisten der Verbrechen jedoch nicht bestraft werden, liegt an der weit verbreiteten Korruption. Längst haben Kartelle ganze Teile der Gesellschaft unterwandert. Die Polizei macht sich so oft selbst zum Komplizen der Drogenbosse. Bei den Bewohnern der Gebirgsketten in Guerrero, den indigenen Gemeinden, formiert sich jedoch Widerstand gegen diese Entwicklung. Sie haben ihre eigene Polizei gegründet, die Gemeindepolizei, die versucht, Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Wie ist die Idee entstanden, den Film zu drehen?

Mit meinem Kollegen Leo Gabriel habe ich zuerst einen 8-minütigen Beitrag für das österreichische Fernsehen gedreht. Als wir dann bei der Gemeindepolizei in Guerrero drehten, war ich so beeindruckt, dass es in dieser Gesetzlosigkeit Lösungen gibt, die von den einfachen Leuten kommen. Daher habe ich mich entschlossen, einen Film daraus zu machen. Den Film habe ich zudem aus Eigenmitteln finanziert.

War die Gemeindepolizei denn bereit, mit Ihnen zusammen zu arbeiten? Ging das so einfach?

Es ist unmöglich einfach so in die Berge hineinzugehen, denn die Dörfer sind Fremden gegenüber sehr misstrauisch. Es war möglich, weil das Zentrum für Menschenrechte in Tlachinollan im Bundesstaat Guerrero, welches sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung einsetzt, uns betreut hat. (Abel Barrera, der Mitbegründer des Zentrums, wurde in Deutschland 2011 von Amnesty International mit dem 6. Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Er erhält seit Jahren anonyme Morddrohungen. Er wird im Film interviewt. Anmerkung der Redaktion). Das Zentrum arbeitet eng mit der Gemeindepolizei zusammen. Ohne die Unterstützung des Zentrums, wären die Dreharbeiten unmöglich gewesen. Denn sie sind in allen Dörfern für ihre Hilfe bekannt. Wir haben einen Fahrer bekommen, der sozusagen unser Produktions-Manager war. Er konnte die indigenen Dialekte perfekt sprechen und durch ihn haben wir offene Türen gefunden. Die findest du sonst überhaupt nicht.

Das war doch alles sehr gefährlich oder nicht?

Ja, das war es. Es war sogar sehr gefährlich. Ich würde niemandem raten, in das Hochland von Guerrero zu gehen, ohne sich vorzubereiten. Man muss wissen, wer einem da hilft. Denn man wird schnell zur Zielscheibe. Es gibt dort sogenannte „Falken“. Das sind Beobachter, die den kriminellen Banden Bescheid sagen, wen man überfallen kann. Und gerade wir als blonde Ausländer, mit Kameraausrüstung, sind ein gefundenes Fressen für Kriminelle. Wir waren aber immer vorsichtig und hatten den Schutz der Gemeindepolizei.

„Ungerechte Gerechtigkeit oder gerechte Ungerechtigkeit?“ spricht offen über die Korruption Mexikos. Hat der mexikanische Staat durch den Film ein Auge auf dich geworfen?

Ich bin ja nicht der, der Böses sagt. Die Wahrheit wird von denen gesagt, die im Film auftreten. Außerdem gehört es zur Aufgabe eines Künstlers, Bewusstsein zu erzeugen.

Welches Bewusstsein wollten Sie mit dem Film erzeugen?

Ich möchte mit dem Film das Bewusst sein erzeugen, dass man ein Vaterland oder einen Staat nicht auf der Korruption aufbauen kann. Man kann nicht von Sicherheit sprechen, wenn das Staatssystem korrupt ist. Das ist wirklich schlimm.

Sie sagen, dass das selbst erschaffene Rechtssystem der Indianer in Guerrero ein Modell sein kann, wie man gegen die Korruption vorgeht. Sehen Sie nicht die Gefahr, dass sich auch in diesem System die Korruption einschleichen könnte?

Absolut. Aber bei den Gemeinden ist Polizist kein Beruf, sondern eine Art Kommunalverpflichtung. Die moralisch Anerkanntesten, also die besten Bürger, werden als Polizisten ausgewählt. Es ist eine Ehrensache. Da aber kein Geld mitspielt, kommt die Korruption nicht ins Spiel. Und du hast im Film gesehen: Eine Dame, die eine kleine Garküche hat, wird Richterin. Du merkst, sie haben alle keine juristische Ausbildung. Es geht hier eher um eine praktische Weisheit. Es geht um den Common Sense. Man unterschätzt die Klugheit der indigenen Gemeinden. Es ist eine unglaubliche Arroganz, sie als primitiv zu bezeichnen. In ihrem selbst erschaffenen Rechtssystem steckt eine uralte Weisheit drin. Sie zerstören ihre Umgebung nicht. Sie zerstören die Natur nicht. Sie wissen, wie sie überleben können. Sie schließen sich zusammen und gehen gegen die Korruption vor.

Der Film wurde 2013 gedreht. Hat Ihr Film dazu beigetragen, die kritische Lage im Hochland von Guerrero zu verbessern?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Er zeigt, dass es in die gleiche Richtung weitergelaufen ist. Es ist schlimmer geworden. Die „Guten“ sitzen im Gefängnis und die „Schlimmen“ dürfen weiter agieren. Und warum? Weil alle mitschneiden bei den gigantischen Gewinnen. Die Korruption, die bis in die höchsten Spitzen geht, reißt sich alles unter den Nagel.

Wo kann man den Film sehen?

Der Film ist wie gesagt, aus Eigenmitteln finanziert. Den hab ich nicht gemacht, um ein Geschäft zu machen. Mich hat aber fasziniert, dass es schon viele Raubkopien gab. Denn vor dem Hörsaal einer Universität wurden mein Film verkauft. Die Kopie kostete 15 Pesos. Für mich war es keine Raubkopie, denn ich wollte, dass der Film in die richtigen Köpfe kommt. In die Köpfe der Studenten. Der Film bekommt seinen eigenen Moment. Momentan plane ich ein Projekt in Asien.

Sie sind seit 46 Jahren in Mexiko. Warum sind Sie damals hierhergekommen?

Ich wollte damals mehr als Europa erleben. Ein Freund kam von einer drei-monatigen Mexiko-Reise zurück. Eines Tages stand er bei mir vor der Tür mit einem Marillen-Schnaps und mit einer Schachtel voll von Diapositiven, die wir an die Wand geworfen haben. Und dann die Wirkung der Bilder, es war nicht durch den Schnaps, die Farben haben einfach so auf mich gewirkt. Wien war doch damals sehr grau. Ich komme eigentlich aus Nieder-Österreich, hatte aber schon immer eine gewaltige Reiselust. Die Bilder von Mexiko, die Farben und die Früchte haben mich fasziniert. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nur sehr wenig über Mexiko.

Hat sich Ihr Bild von Mexiko nach der Ankunft verändert?

Ich hatte schon ein sehr naives Bild. Das hat sich allerdings gleich nach meiner Ankunft geändert. Denn ich brachte die Stilrichtung des Neuen Deutschen Films nach Mexiko. Eine gesellschafts- oder politisch-kritische Stilrichtung des Films gab es damals hier noch nicht. Das hat vielen Studenten sehr gefallen, und sie baten mich, Unterricht zu geben. Das war 1968. Doch eines Tages, als ich nur 2 Vorlesungen gegeben hatte, wurde die Schule von Panzern umzingelt. Ich war zu der Zeit im meinem Hotel im Zentrum. Die Filmschule rief mich an und sagte mir, ich sollte bloß nicht auftauchen. Denn das Innenministerium wollte mich des Landes verweisen. Sie hatten geglaubt, Österreich ist kommunistisch und die Regierung dachte, ich sei nicht ganz koscher.

Haben Sie sich versteckt?

Ja. Ich musste immer vorsichtig sein. Aber man hat mich toleriert. Bestimmt hat man mich beobachtet. Aber meine damalige Frau und ich haben uns entschieden zu bleiben. Ich war damals im Musical-Bereich tätig. Ich habe ja auch eine musikalische Ausbildung, war ja Pantomime. Ich hatte sehr viel Erfolg und bekam in kürzester Zeit meine Arbeitserlaubnis, weil ich mit einer ganz bekannten Popsängerin außer Landes reisen musste. Das ging dann Rucki-Zucki mit den Papieren.

Mexiko ist vor allem heute durch seine negativen Schlagzeilen bekannt. Was denken Sie darüber?

Mexiko ist viel besser als sein Ruf. Die Seele Mexikos ist nach wie vor da. Die großen Städte aber, die sind katastrophal. Dort gibt es wie überall Kriminalität und Korruption. Aber wenn ich aus der Stadt heraus fahre, treffe ich auf das Mexiko, was mich immer interessiert hat. Die Mexikaner sind ein offenes und ein sehr gastfreundliches Volk. Zudem sind sie auch sehr talentiert. Sie haben goldene Hände. Ihr Kunsthandwerk, ist einfach beeindruckend. Das haben sie im Blut. Auch die prähispanischen Wurzeln faszinieren mich. Das war überhaupt einer der Gründe, warum ich es hier so genossen haben. Ich habe ja auch für das Institut für Anthropologie Filme gemacht wie „Die antiken Götter Mexikos“. Diese Arbeit hat mich fasziniert. Auch die Freiheit, die man hier hat, gefällt mir sehr. Einen Tag mach ich einen Film über die Olmeken, danach dreh ich unter Wasser die schlafenden Haie in der Karibik. Denn bei uns in Europa, wenn du auf einer Schiene bist, kannst du nicht einfach abspringen. Es gibt keinen Freiraum.

Fühlen Sie sich noch als Österreicher?

Ich bin absolut ein Österreicher! Ich werde nie ein Mexikaner sein, sie sind sehr nationalistisch. Ich fühle mich als ein Hybrid, ich bin auch Austro-Mex! Ich würde nie meine Heimat verneinen. Man geht ja nicht weg, sondern man lernt dazu. Ich liebe mein Land. Nur die Frage ist, werde ich hier bleiben oder nicht? Ich plane überhaupt nicht. Jeder Tag, den ich erlebe, formt mir meine Zukunft. (dmz/as/hl)

Michael Vetter: Filmemacher aus Österreich. Über Theater und Pantomime kam er in seiner Jugend zum Film. Seit 1968 lebt er in Mexiko und zeigt in seinen Filmen die vielseitigen Facetten des Landes. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Condesa von Kopf bis Fuß“ (2005), „Die Kunst der Olmeken des antiken Mexikos“ (1996) und „Die Götter des antiken Mexikos“, (1996). Seine Filme umfassen eine breite Palette von Spiel- und Werbefilmen und Dokumentationen bis zu Fernsehserien und Kurzfilmen für Privatunternehmen sowie für die mexikanische Regierung.