Gabos Druckfahnen: Ein Literatur-Zeugnis, das keiner haben will

Das handgetippte Manuskript zu „Hundert Jahren Einsamkeit“ aus dem Jahr 1966

Mexiko-Stadt, 20. Mai 2015 – Als Gabriel García Márquez seinen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ an seinen Verleger schickte, ahnte er noch nichts vom späteren Welterfolg. Von Hand korrigierte er die Druckfahnen, strich Wörter, fügte andere hinzu. Nun sollen die 180 Blätter verkauft werden – doch das einzigartige Dokument der Literaturgeschichte findet keinen Käufer.

Von Denis Düttmann

Mehr als ein Jahr brütete Gabriel García Márquez über seinem Jahrhundertwerk. Am Schreibtisch seines Hauses in Mexiko-Stadt schuf er die fantastische Welt von Macondo. Jeden Tag setzte er sich an seine Schreibmaschine und schilderte in sprachgewaltigen Bildern die Geschichte der Familie Buendía, erzählte von Zigeunern und Kriegen, Bananenarbeitern und von der Liebe kündenden Schmetterlingen. Als „Hundert Jahre Einsamkeit“ endlich fertig war, konnte sich der spätere Nobelpreisträger noch nicht einmal das Porto leisten, um das Manuskript im Ganzen zu seinem Verleger nach Argentinien zu schicken.

In Buenos Aires war man begeistert von dem Roman. Der Verlag Sudamericana schickte wenig später die Druckfahnen zur Korrektur nach Mexiko. Per Hand besserte García Márquez Rechtschreibfehler aus, strich Wörter und fügte andere hinzu, setzte Absätze und stellte Textblöcke um. Der korrigierte Entwurf ist ein einzigartiges Dokument der Literaturgeschichte – doch niemand will es haben.

Besitzer Héctor Joaquín Delgado hat die Druckfahnen den Kulturministerien von Mexiko und Kolumbien zum Kauf angeboten, ohne Erfolg. Die Universität von Texas, die bereits den Nachlass von García Márquez verwaltet, sei zwar interessiert, müsse aber erst nach Spendern suchen, um den Kauf zu finanzieren, sagt Delgado. Seit Ende Januar habe er nichts mehr von der Hochschule gehört. „Wir kommentieren Anschaffungen grundsätzlich erst, wenn sie abgeschlossen sind“, sagt die Pressesprecherin der Uni, Jennifer Tisdale.

Weder in Barcelona noch in London fand sich ein Käufer

Delgado verlangt eine Million US-Dollar für die Druckfahnen. Bereits 2001 und 2002 wollte er sie versteigern lassen. Doch weder bei der Auktion in Barcelona noch bei einer weiteren in London fand sich ein Käufer. Jetzt liegen die 180 Blätter in einem Tresor in Madrid und warten auf einen neuen Besitzer.

„Ich bin kein Sammler“, sagt Delgado. „Ich finde, sie sollten in einer Nationalbibliothek oder einer Stiftung sein, damit Studenten und Wissenschaftler Zugang zu ihnen haben.“ Der 73-jährige Filmproduzent hat die Druckfahnen von seinem väterlichen Freund Luis Alcoriza geerbt.

Der spanischstämmige Filmregisseur und seine Frau Janet waren eng mit García Márquez (1927-2014) befreundet. 1967 schenkte der kolumbianische Autor dem Paar die Druckfahnen. „Für Luis und Janet. Eine oft wiederholte Widmung, aber es ist die einzig Wahre: Von einem Freund, der euch am meisten auf der Welt liebt. Gabo 1967“, heißt es auf der ersten Seite. Das Paar bewahrte das wertvolle Dokument in einer Truhe auf.

Persönliche Widmung von Gabo an seine Freunde Luis und Janet aus dem Jahr 1967

„Ich kann es nicht für 50 Dollar verscherbeln. Das wäre eine Beleidigung des Autors“

Jahre später, als García Márquez bereits mit dem Literaturnobelpreis (1982) ausgezeichnet worden war, holten sie die Seiten erneut hervor, um zu beweisen, dass sie sie nicht etwa bereits zu Geld gemacht hatten. García Márquez zückte erneut einen Stift und schrieb unter seine Widmung: „Bestätigt. 1985.“

„Hundert Jahre Einsamkeit“ wurde ein großer Erfolg und machte den Magischen Realismus auf der ganzen Welt populär. Die korrigierten Druckfahnen geben einen seltenen Einblick in den kreativen Prozess. García Márquez ersetzte das Wort „Ereignis“ durch „Wandel“. Den Satz „Plötzlich unterbrach er seine fiebrige Aktivität“ änderte er in „ohne jegliche Ankündigung“. Auch einem der berühmtesten Bilder seines Romans gab er erst bei der Korrektur den letzten Schliff: Die Schmetterlinge, die Mauricio Babilonia stets folgen, sollten gelb sein.

Seit 14 Jahren versucht Delgado nun, das einzigartige Literaturdokument zu verkaufen, doch bislang ohne Erfolg. Von seiner Forderung von einer Million Dollar will er aber nicht abrücken. „Wir machen hier keine Sonderangebote“, sagt er. „Ich kann es nicht für 50 Dollar verscherbeln. Das wäre eine Beleidigung des Autors.“ Um jeden Preis wolle er auch gar nicht verkaufen. „Wenn nicht, erben es eben meine Frau und meine Tochter“, sagt Delgado. (dmz/dpa/ds)

Ein Dossier zu den Druckfahnen mit weiteren Originalabbildungen finden Sie hier.