Corona-Virus in Mexiko: Von surreal bis peinlich

Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador zeigt seine „Schutzschilde“ gegen Covid-19 (Foto: Screenshot)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 18. März 2020 – Dass Mexiko ein surreales Land ist, hat schon der französische Autor und „Vater des Surrealismus“ in der Literatur und Kunst, André Breton (1896-1966), festgestellt. Aber was in diesen Wochen und Tagen der Covid-19-Pandemie in Mexiko passiert, würde selbst ihn sprachlos gemacht haben.

Sie sind surreal, zuweilen bizarr und viele Mexikaner finden sie peinlich, die morgendlichen Pressekonferenzen des linksnationalen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, kurz AMLO genannt, die auch im Internet übertragen werden. Während sich fast alle Länder dieser Welt gegen das Virus abschotten und ihre Grenzen dichtmachen, bleibt Mexiko offen – zu Land, von See und aus der Luft. Jeder Flieger, komme er mit Gästen aus China oder Europa, jedes Kreuzfahrtschiff, ist laut AMLO herzlich willkommen. Hier in Mexiko werde jeder ärztlich versorgt und geheilt. Dabei kann Mexiko kaum sein eigenes Volk mit Medikamenten versorgen. Was für ein Segen für Mexikos Bewohner, dass es vorläufig keine Ferienflüge aus Europa nach Mexiko mehr gibt. Und auch Kreuzfahrtgesellschaften sagen Reisen ab. Deutsche Touristen werden in ihre Heimat zurückgeflogen und wer bleiben möchte, muss Mondpreise für ein Flugticket in die Heimat zahlen.

Immun gegen Covid-19

Der Präsident ist immun gegen das Corona-Virus. Das hat sein für alle Fragen um dieses Virus beauftragter Staatssekretär im Gesundheitsministerium, der Arzt und Epidemiologe Hugo López-Gatell, vor wenigen Tagen vor den versammelten rund 80 Journalisten im Nationalpalast behauptet. Seine, AMLOs, moralische Stärke sei ansteckend, nicht das Virus, sagte er, von einem nickenden Lächeln des neben ihm stehenden Präsidenten begleitet. Für sein Poker Face bei dieser Aussage müsste López-Gatell eigentlich einen Oscar bekommen. Der Gesundheitsminister selbst, Jorge Alcocer Varela, taucht inzwischen nirgends mehr auf. Ob er sich mit dem Corona-Virus angesteckt hat? Das fragen sich seine Landsleute. Immerhin gehören schon einige Prominente dazu, wie der Präsident der mexikanischen Börse, Jaime Ruiz Sacristán und der Unternehmer José Kuri Harfush, dessen Tod vor zwei Tagen gemeldet und später wieder dementiert wurde, oder der Generaldirektor des Tequila-Produzenten José Cuervo, Juan Domingo Beckmann.

Leute, umarmt euch!

AMLO hält es auch für Unsinn, sich nicht mehr zu umarmen: „Natürlich sollen wir uns umarmen!“, rief er den Journalisten sich selbst umarmend zu, damit sie seine Mission weitertragen. Als ihm beim Betreten der Bühne am Dienstag Gel zum Desinfizieren seiner Hände gereicht wurde, schlug er es aus – im wahrsten Sinne des Wortes. Er schlug das Gel einfach beiseite. Und an diesem Mittwoch, dem Jahrestag der Privatisierung der mexikanischen Erdölindustrie, begrüßte er beim Betreten der Bühne am Sitz des schwerst angeschlagenen Staatskonzerns Pemex anwesende Minister/innen mit Kuss und/oder mit Hand.

Dass sich der Präsident für komplett geschützt gegen das Corona-Virus hält – für die Panikmache deswegen macht er seine politischen „Gegner“ (nicht: Feinde, denn die habe er nicht) verantwortlich – bewies er am Mittwochmorgen am Ende seines morgendlichen Treffens mit der Presse. Umständlich kramte er aus seinen Hosentaschen Heiligenbildchen hervor, die er von Anhängern geschenkt bekommen habe. Diese Bildchen mit Gebeten sind in Mexiko sehr beliebt als „Schilde“ gegen den Teufel, Feinde und Neider, Krankheiten und Armut. Oder – im besten Fall, um die große Liebe, Gesundheit und Reichtum anzulocken. Das ist das surreale Mexiko.

Viele Städte, Gemeinden und Bundesländer Mexikos zeigen in diesen Tagen, dass sie nicht unbedingt auf ihren Präsidenten hören. In Mexiko-Stadt wurden bis auf weiteres alle Festivals abgesagt – nachdem am Wochenende noch das Vive Latino-Festival mit mehr als 100.000 Besuchern über die Bühne gegangen war. Es sollte entgegen allen Warnungen stattfinden, laut López-Gatell, um der lokalen Wirtschaft nicht zu schaden. Selbst die mexikanische Fußball-Liga hat sich für unbestimmte Zeit vom Platz getrollt. Im Karibik-Badeort Cancún wurde an diesem Mittwoch beschlossen, Bars, Diskotheken und Kinos zu schließen.

14 Tage Zwangsurlaub in Mexiko

Abgesagt wurde bereits vergangene Woche Mexikos wichtigste Tourismus-Messe Tianguis Turístico, die an diesem Donnerstag in Mérida beginnen sollte, sie wurde auf September verschoben. Dies geschah wohl eher aus der Not gedrungen, nachdem US-Präsident Donald Trump vergangene Woche für Flüge aus Europa ein absolutes Landeverbot für vier Wochen verfügt hat. Zuvor hatten bereits Einkäufer aus China und Südkorea von einer Teilnahme abgesehen. Sofort kam dem Staatssekretär im Gesundheitsministerium die Idee, doch Flüge aus Europa nach Mexiko umzuleiten. Da sich dies wegen zu knapper Flughafen-Kapazitäten als nicht praktikabel erwies, wurde verfügt, dass Besucher, die über Mexiko in die USA wollen, 14 Tage Zwangsurlaub in Mexiko verbringen müssen. Immerhin ein Trostpflästerchen für die mexikanische Tourismus-Branche, die schwer von der Corona-Pandemie betroffen sein wird. Viele Arbeitsplätze werden verloren gehen.

Die mexikanischen Schüler der Primär- und Sekundärstufe werden am Freitag zwei Wochen früher in die Osterferien geschickt, die erst am 20. April enden. Die privaten Oberstufen-Schulen und Universitäten gehen auf digitalen Unterricht über. Unklar ist bisher, wann die Abschluss-Prüfungen für die Bachillerato-Jahrgänge (Abitur) dieses Jahres abgehalten werden.

Zu allem kommt die eh schon schwache Wirtschaftslage des Landes. Der drastische Wertverlust der mexikanischen Währung, die seit dem schwarzen Montag der letzten Woche fast 30 Prozent eingebüßt hat, wird zu Preiserhöhungen führen. Nicht auszudenken, was auf die eh schon gebeutelten mexikanischen Konsumenten noch zukommt.

Offiziellen Zahlen nach gab es in Mexiko am Mittwochabend 118 mit Covid-19 angesteckte Personen. (dmz/hl)