Covid-19 in Mexiko: Katastophe mit Ansage?

Die berühmte Wandelmeile Avenida Madero im Historischen Zentrum von Mexiko-Stadt wurde gesperrt (Foto: Regierung Mexiko-Stadt)

Von Herdis Lüke

Mexiko-Stadt, 4. April 2020 – Plötzlich ging es ganz schnell. Auf einmal war die Phase 2 des Corona-Virus auch in Mexiko da. Seit den letzten März-Tagen sind alle Kinos, Bars, Diskotheken, Kneipen, Saunen, Fitnesscenter, Sportplätze und Parks geschlossen. Auch die Türen von Museen und Theatern bleiben zu. Kindergärten, Schulen und Universitäten sind schon seit ein paar Wochen zu, alle öffentlichen Veranstaltungen wie Festivals und Konzerte wurden abgesagt.

An die Substanz geht es jetzt den unzähligen fliegenden Händlern mit ihren Verkaufsbuden an Straßen und auf Plätzen und den unzähligen Frauen und Männern, die als Putzhilfen, Hilfsköche oder Servicekräfte in kleinen Cafés und Mittagstischen jobben – ohne jegliche soziale Absicherung. Wie sie über die Runden kommen sollen ohne Unterstützung, ist nicht abzusehen. Kleinunternehmer sollen von der Regierung unterstützt werden. Aber noch stehen keine Summen fest.

1890 Menschen haben sich mit Stand 4. April in Mexiko mit dem Covid-19-Virus infiziert, 79 sind daran gestorben. 5827 Menschen haben sich möglicherweise angesteckt und stehen unter Beobachtung, bei 9467 konnte der Verdacht ausgeschlossen werden. Selbst Präsident Andrés Manuel López Obrador, kurz AMLO genannt, ruft sein Volk auf, zuhause zu bleiben. Lange hat er damit gezögert, und auch jetzt passt er offensichtlich nicht sehr auf sich auf. Er begibt er sich auf Reisen, begrüßt Menschen und trägt dabei keine Schutzmaske. Seine morgendlichen Pressekonferenzen im Nationalpalast hat er jetzt auch auf Samstag ausgedehnt. Währenddessen verordnen Bundesländer ihren Bürgern Quarantäne. „Gesunder Abstand“ und „Bleib zuhause“ lautet die Devise. Aber halten sich auch alle dran?

Der Bundesstaat Jalisco und Mexikos Hauptstadt waren die ersten Bundesstaaten, die strenge Maßnahmen anordneten. Zuletzt sind in Mexiko-Stadt auch noch alle Einkaufszentren geschlossen worden. Dazu gehören auch einige Supermärkte, die Ladenflächen an andere Geschäfte untervermietet haben, darunter Superama in Taxqueña, Coyoacán, Polanco und Santa Fe; Walmart Felix Cuevas, Tlalpan, Toreo, Tepeyac; Citymarket, Soriana und Comercial Mexicana. Geschlossen wurden auch die großen Kaufhausketten Liverpool und Palacio de Hierro. Offen bleiben dagegen die Sanborns-Filialen. Restaurants dürfen nur Essen für Abholer bieten – zumindest in Mexiko-Stadt. Snack Bars, die berühmten Taco- und Torta- sowie Saftstände – alles zu.

Hotels schließen – Strände gesperrt

Während inzwischen alle ausländischen Touristen, die sich bei ihren Botschaften registriert hatten, nachhause geholt wurden, erwartet die Tourismusbranche Mexikos düstere Wochen. Die Osterferien sind für Mexikaner die wichtigste Reisezeit. Und für sie wird es nun schlimm: Alle Strände wurden gesperrt, ob an der der mexikanischen Karibikküste mit der Riviera Maya und Grand Costa Maya, am Pazifik (u. a. Acapulco, Puerto Vallarta/Nueva Vallarta und Mazatlán), am Golf von Mexiko (Veracruz, Campeche) oder in Baja California Nord (Rosarito) und Süd (Los Cabos, La Paz, Loreto). Auch die Hotels in den Feriengebieten werden nach und nach geschlossen, in den Pools durfte schon vorher nicht mehr gebadet werden.

Besonders streng geht die Regierung vom Bundesstaat Jalisco gegen die Bürger vor, die in ihre Wochenendhäuser am Chapala-See wollen. Sie werden an Straßenkontrollen rigoros zurück in die Landeshauptstadt Guadalajara geschickt. In Mexiko-Stadt, wo es in keiner Jahreszeit so schön zum Flanieren ist wie jetzt im Frühling, sind die wichtigsten Einkaufsstraßen und der Zócalo gesperrt. Reinigungsbrigaden desinfizieren Plätze und Metro-Eingänge. Aber der Corona-Virus hat zahlreiche Hauptstadtbewohner nicht davon abgehalten, zu Beginn der Osterferien mit Sack und Pack gen Süden Richtung Acapulco zu reisen. Der Verkehr kam am Freitag Richtung Süden praktisch zum Erliegen – wie jedes Wochenende. Als gäbe es den Virus nicht.

In einer beisspiellosen logistischen Meisterleistung hat die Bundesrepublik Deutschland in den letzten zwei Wochen mehr als 2000 Touristen von Mexiko nach Deutschland ausgeflogen, vom Karibik-Badeort Cancún und von Mexiko-Stadt aus. Der letzte Flieger flog an diesem Samstagmorgen von Mexiko-Stadt nach Frankfurt am Main. Der deutsche Botschafter in Mexiko-Stadt sprach während der Aktion mit einigen Touristen persönlich am Flughafen in Mexiko-Stadt mit Betroffenen. Viel Lob für die unermüdliche Arbeit der Botschaft gab es vor Ort, aber auch in den sozialen Medien.

Stadtzentren sind wie ausgestorben

Cuernavaca, die Hauptstadt des Bundesstaats Morelos südlich von Mexiko-Stadt und bevorzugtes Rückzugsgebiet der Hauptstädter, ist noch nicht so streng. Wer hier seine Wochenendbleibe hat, ist schon seit einer Woche da. Mit den Regeln des Distanzhaltens sehen sie es allerdings nicht so ernst: Immer noch trifft man sich am Pool, feiert und isst gemeinsam – egal, ob da Freunde von außen hinzukommen, von denen man gar nicht weiß, mit wem sie vorher zusammenwaren. Auf Hinweise reagieren sie nach dem Motto: „Uns passiert doch nichts.“

Das historische Zentrum mit seinen Einkaufsstraßen ist abgeriegelt. Am Freitag noch hatten viele Geschäfte offen, an den zahlreichen Ständen mit Essen und chinesischer Billigware herrschte buntes Treiben – bis eine Kolonne mehrerer Männer der Regierung ankam, die den Betreibern schriftlich die Aufforderung übergaben, ihre Geschäfte zu schließen. Bei Geschäftsleuten stießen sie durchaus auf Verständnis. Starke Proteste gab es jedoch bei den fliegenden Händlern. „Wer sorgt jetzt für meine Familie? Wovon sollen wir leben?“, riefen die meisten verzweifelt aus. Einige forderten lautstark finanzielle Unterstützung der Regierung, einige Frauen mit kleinen Kindern, meist allein Erziehende, weinten. Ihre Reaktion ist verständlich. Überall im Land ist Cuernavaca, alle Stadtzentren sind wie ausgestorben.

Aber nicht alle Händler sind arm, viele sind gut organisiert, manche besitzen mehrere Stände in verschiedenen Straßen. Ihre Anführer organisieren regelmäßig Proteste und lassen sich durch keine Macht der Welt von ihren angestammten Plätzen vertreiben, auch wenn diese den gesamten Bürgersteig einnehmen und Fußgänger in Gefahr bringen. Diese Händler sind die ersten, die ihre Verkäufer/innen entlassen. Der erste Bürgermeister in Cuernavaca, dem es teilweise gelungen ist, die fliegenden Händler auf andere Plätze zu verlagern, ist Antonio Villalobos Adán, der nur deshalb zu seinem Amt kam, weil der eigentliche Wahlgewinner durch einen Formfehler 2018 sein Amt nicht antreten konnte. Er ist nicht besonders beliebt, weil er nicht immer das tut, was die Leute wollen. Und was die Leute wollen, ist auch nicht immer gut.

Wer kann, deckt sich für einen Monat ein: Lebensmittel, Putzmittel, Hygienebedarf, Getränke, Futter für Katze und Hund oder sein Federvieh. Entweder man geht noch in einen Supermarkt oder lässt sich seine Einkäufe bringen, was einige Geduld erfordert. Zwei Tage bis zur Auslieferung müssen mindestens eingerechnet werden. Eine telefonische Bestellung ist eine Herausforderung: Nach zehn Minuten legt zum Beispiel Chedraui auf und das Spiel beginnt von vorne. Noch nerviger ist, auf Hilfe im Chat zu warten. Platz 186 in der Warteschlange bedeutet mehrere Stunden warten. Und wehe man verlässt den Bildschirm bei Platz 25 nur um mal eben auf die Toilette zu gehen. Denn just dann wird die Schlange so schnell abgebaut, dass man bei Rückkehr erneut anfragen muss: Platz 198. Bravo!

Bald kein Bier und keine Zigaretten mehr

Viele große Unternehmen haben ihre Mitarbeiter nachhause geschickt und bezahlen sie weiter. Aber das riesige Heer an Menschen, die keinen Arbeitsvertrag haben, werden einfach entlassen. Wer von den Auftraggebern großzügig ist, zahlt ihnen einen oder einen halben Monat weiter. Und dann? Wie sollen sie das durchhalten? Es ist schon zu einigen Plünderungen gekommen – allerdings von Menschen, die nur an Elektronik und Haushaltsgeräten interessiert waren. Im Fernsehen konnte man Bilder von Geschäften sehen, deren Eisenjalousien aufgehebelt wurden. Horden von Menschen stürmten Läden und trugen Smart-TV, Lautsprecherboxen, Mopeds, Waschmaschinen und Kühlschränke davon. Inzwischen hat die Polizei ein paar der Organisatoren dingfest gemacht, darunter ein Pärchen, das mit Flugzetteln zum Plündern bestimmter Geschäfte zu bestimmten Uhrzeiten aufrief.

Ein Bierproduzent hat angekündigt, seine Produktion während der Quarantäne einzustellen, weil Bier kein lebensnotwendiges Produkt sei. Betroffen davon sind mehrere Marken wie Heineken, XX, Tecate und Corona. Auch die British American Tobacco in Mexiko hat einen Produktionsstopp erlassen. In einigen Regionen sind die Alkoholverkäufe inzwischen gestoppt. Es kommt vermehrt zu Hamsterkäufen – beileibe nicht zum Desinfizieren. Hamsterkäufe von Klopapier gab es auch – aber dem wurde inzwischen durch kontrollierte Abgabe bestimmter Mengen pro Person Einhalt geboten.

Wie wird es weitergehen? Wie lange wird der Zustand andauern? Und wie lange wird das überhaupt gut gehen? Diese bangen Fragen stellen sich derzeit alle Menschen in Mexiko. Denn für den Corona-Virus scheint sich Mexiko inzwischen gut gerüstet zu haben. Aber viel schlimmer dürfte die wirtschaftliche Not werden – eine Katastrophe mit Ansage. (dmz/hl)