Dunkle Wolken über der „Schweiz Mittelamerikas“

Ein Warnschild am Rand eines Geländes von “Macho Coca”: Verrückter Besitzr, verrückter Hund” (Foto: The Tico Times)

Von Denis Düttmann

San José, 17.11.2015 – Es gärt im früheren Musterland: Kippt Costa Rica? Der Staat gerät immer stärker in den Fokus internationaler Drogenkartelle. Die Zahl der Morde steigt und auch die soziale Ungleichheit nimmt zu. Wie schlimm steht es tatsächlich um das Land?

Als die Polizisten einer Spezialeinheit das weitläufige Gelände an Costa Ricas Karibikküste stürmen, glauben sie ihren Augen nicht. Neben mehreren luxuriösen Gebäuden, zahlreichen Autos und Schiffen entdecken sie nahe der Stadt Limón einen privaten Hafen. Rund zwei Millionen US-Dollar (etwa 1,9 Millionen Euro) dürften die professionell angelegten Becken und Docks gekostet haben. Von dort aus soll Gilbert Bell große Mengen Kokain verschifft haben.

Er sei Fischereiunternehmer, sagt der 52-Jährige. Die Ermittler sind sich allerdings sicher, dass das Vermögen des Mannes, der in der Gegend unter dem klingenden Namen „Macho Coca“ bekannt ist, aus anderen Quellen stammt. Er soll den größten Drogenring des Landes aufgebaut haben. Mit wem sie es zu tun hatten, dürfte den Beamten schon am Eingang des Geländes klar gewesen sein. Dort warnt ein Schild: „Eintritt verboten. Verrückter Besitzer“. Darunter ist eine Kalaschnikow abgebildet.

Wache vor einem Besitz von “Macho Coca” (Foto: The Tico Times)

In Mittelamerika galt Costa Rica lange als leuchtendes Beispiel. Während brutale Jugendgangs Honduras und El Salvador in Schlachtfelder verwandelten, war die „Reiche Küste“ ein Ort des Friedens, oft als „Schweiz Mittelamerikas“ bezeichnet.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von rund 10 000 US-Dollar und durchschnittlichen Wachstumsraten um die vier Prozent präsentierte sich Costa Rica in den vergangenen Jahren als solider Wirtschaftsstandort – ganz im Gegensatz zum Nachbarland Nicaragua, dem zweitärmsten Staat Lateinamerikas. Und während in Guatemala ein Korruptionsskandal den nächsten jagt, gilt Costa Rica als Musterland der politischen Stabilität und des sozialen Friedens.

Zuletzt kam der Klassenprimus allerdings ins Straucheln. Wegen seiner Lage zwischen den Koka-Anbaugebieten in Südamerika und dem riesigen Drogenmarkt USA gerät das kleine Land immer stärken in den Fokus der kriminellen Organisationen. Laut einer Prognose der Kriminalpolizei dürften bis Ende des Jahres mehr als 530 Morddelikte verübt werden. Das wären 30 Prozent mehr als noch 2012 und 2013.

Mit zehn Morden je 100 000 Einwohner hätte die Gewalt dann zudem ein Niveau erreicht, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „pandemisch“ beschreibt.

Das subjektive Sicherheitsempfinden der Costa Ricaner hat sich nach Einschätzung des Büroleiters der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in San José, Stefan Burgdörfer, zuletzt verschlechtert. In einer Umfrage der KAS nannten 30 Prozent die Sicherheitslage als drängendstes Problem, weitere 20 Prozent Drogenhandel- und -konsum.

„Es gibt Hinweise darauf, dass Costa Rica für den Drogenhandel immer wichtiger wird“, heißt es in einer Analyse des auf Sicherheitsthemen spezialisierten Portals „Insight Crime“. Zunehmend seien mexikanische Drogenkartelle in dem Land aktiv und rüsteten lokale Gangs mit Sturmgewehren aus. Die Gewalt im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität werde in Costa Rica wohl weiter zunehmen.

Verschärft wird das Gewaltproblem durch die zahlreichen Waffen im Land. Zwar versteht sich Costa Rica als pazifistische Nation und verfügt seit Ende der 1940er Jahre über keine Armee mehr. Paradoxerweise sind die Costa Ricaner aber mit einer Schusswaffe je zehn Einwohner stärker bewaffnet als die Menschen in Kolumbien oder in den Kriminalitätshochburgen Honduras und El Salvador.

Hinzu kommen soziale Probleme. Während Costa Rica vor 25 Jahren das Land mit der zweitgeringsten Ungleichheit in Lateinamerika war, liegt es nun bei der ungleichen Einkommensverteilung an fünfter Stelle. So ist der Durchschnittsverdienst der reichsten zwei Prozent der Haushalte 48 mal höher als der der ärmsten zehn Prozent, wie es im jüngsten Bericht zur Lage der Nation heißt.

32 Prozent der Arbeiter erhalten noch nicht einmal den Mindestlohn. Über 41 Prozent der jungen Leute zwischen 15 und 24 sind sogenannte NiNis, die weder arbeiten noch studieren. Unter den Jugendlichen dürften die Gangs leicht Mitglieder rekrutieren können.

Im Kampf gegen die Kartelle plädiert Burgdörfer von der Adenauer-Stiftung zu einem regionalpolitischen Ansatz: „Aufgrund ihrer geografischen Lage haben die Länder Mittelamerikas, was den Drogenhandel angeht, mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Dazu bedarf es intensiverer regionalpolitischer Kooperation.“

In Costa Rica selbst rät er zu mehr Investitionen in Polizei und Sicherheitskräfte. Eine Sicherheitssteuer, die die frühere Präsidentin Laura Chinchilla einführte, wurde jedoch vor kurzem vom Verfassungsgericht kassiert. Dem zuständigen Ministerium fehlen so im kommenden Jahr umgerechnet 16 Millionen Euro, beispielsweise für Ausrüstungsmaterial der Polizei. Der Soziologe Carlos Sandoval von der Universität von Costa Rica sagt zu alledem: „Wenn wir einmal die Schweiz Mittelamerikas waren, dann muss man sagen, dass sich einiges geändert hat und nicht unbedingt zum besseren.“ (dmz/dpa/vs)