Nicaraguakanal: Das Milliardenprojekt kommt nicht in Fahrt

 

Kleiner Bruder des Nicaraguakanals: Blick auf den Panamakanal in Colón (Foto: Lyn Gateley / Flickr)

Managua, 20. März 2015 – Die Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik soll die Wirtschaft des armen Landes ankurbeln und Zehntausende Arbeitsplätze schaffen. Drei Monate nach dem Startschuss haben die Bauarbeiten allerdings noch immer nicht begonnen. Kritiker vermuten Finanzierungsprobleme.

Von Denis Düttmann und Gabriela Selser

Eigentlich sollte es in Puerto Brito an der nicaraguanischen Pazifikküste nur so brummen. Schwitzende Arbeiter, schwere Maschinen, wuselige Geschäftigkeit – doch bislang ist am ersten Bauabschnitt des geplanten Nicaraguakanals kaum etwas geschehen. Knapp drei Monate nach dem Startschuss sind lediglich ein paar Kilometer einer staubigen Zugbringerstraße fertiggestellt.

“Wir bewegen uns im Rahmen des vorgesehenen Zeitplans”, versichert der Sprecher der Kanalgesellschaft, Telémaco Talavera, der Deutschen Presse-Agentur. Die Regierung warte lediglich auf die Ergebnisse einer Studie über die ökologischen Auswirkungen des Kanals. Sobald ein positiver Bescheid vorliege, gehe es richtig los.

Unterdessen kommen allerdings immer mehr Zweifel auf, ob Nicaragua und die chinesische Firma HKND zu dem Megaprojekt überhaupt in der Lage sind. Der logistische Aufwand ist gewaltig. So sollen für den 278 Kilometer langen Kanal fünf Milliarden Kubikmeter Erde, Schlamm und Gestein abgeräumt werden. Das ist das Zehnfache der Menge, die am Panamakanal im Laufe mehrerer Erweiterungen seit Ende des 19. Jahrhunderts ausgehoben wurde.

2.000 Maschinen, 400.000 Tonnen Sprengstoff, 4 Milliarden Liter Diesel

Der Bedarf an Mensch und Material ist riesig. HKND benötigt laut der Projektbeschreibung über 2.000 schwere Maschinen, mehr als vier Milliarden Liter Diesel, 400.000 Tonnen Sprengstoff und Millionen Tonnen von Zement und Stahl. All dies ist in Nicaragua kaum vorhanden, das Material muss größtenteils importiert werden.

Hinzu kommt das Personal. Rund 50.000 Arbeiter werden gesucht. Die Hälfte soll aus Nicaragua kommen, der Rest aus China und anderen Ländern. HKND räumt in seiner Projektbeschreibung ein, dass es in dem mittelamerikanischen Land nur wenig qualifiziertes Personal gibt und die Arbeiter erst einmal aufwendig geschult werden müssen.

Kritiker bezweifeln zudem, dass HKND-Chef Wang Jing in der Lage ist, genügend Investoren an Bord zu holen. Rund 50 Milliarden US-Dollar (47,6 Milliarden Euro) soll das Bauvorhaben kosten. Der Chinese gilt in Infrastrukturprojekten als unerfahren und verfügt zumindest offiziell nicht über den Rückhalt der chinesischen Regierung. Bislang sollen Anleger erst etwa 600 Millionen US-Dollar zugesagt haben.

“Sie wissen doch, wie das mit dem Geld ist“

“Sie wissen doch, wie das mit dem Geld ist. Niemand legt 50 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre auf den Tisch”, sagt der Sprecher der Kanalgesellschaft, Talavera. “Wir planen einen gleichmäßigen Kapitalfluss.” Auf einer Reise nach Berlin hätten ihm kürzlich auch deutsche Unternehmen ihr Interesse an dem Kanal bekundet. Namen will er aber keine nennen.

Laut ihm nahestehenden Personen soll Wang selbst immer mehr Zweifel an den Projekt haben, schrieb das US-Analyseunternehmen Stratfor zuletzt in einem Bericht. Da der Unternehmer und seine Familie aber bereits rund fünf Milliarden Dollar investiert hätten, dürfte ein Rückzieher schwierig sein.

Neben der Zurückhaltung bei den Investitionen sehen sich die Verantwortlichen scharfer Kritik von Umweltschützern und Anwohnern ausgesetzt. Naturschützer sind vor allem wegen der Streckenführung durch den Nicaragua-See besorgt. Der See ist das größte Trinkwasserreservoir Mittelamerikas. Die Havarie eines Öltankers könnte die Wasserversorgung der ganzen Region gefährden.

“Die Anwohner werden zu marktüblichen Preisen entschädigt”

Die Anwohner hingegen fürchten Enteignungen. Rund 100.000 Bauern im Süden Nicaragua müssten ihre Ländereien verlassen, hieß es zuletzt bei einer Anhörung der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, an der Bauernverbände, Umweltschutzorganisationen und Menschenrechtsgruppen teilnahmen. Talavera hält die Zahl für übertrieben, er geht von etwa 28.000 Betroffenen aus.

“Die Eigentümer werden zu marktüblichen Preisen entschädigt”, verspricht der Sprecher der Kanalgesellschaft. In den neuen Siedlungen für die Bauern würden Schulen und Gesundheitszentren gebaut, es gebe Strom und Trinkwasser. “Wer umsiedelt, wird bessere Bedingungen vorfinden,” sagt er.

Wie nervös die nicaraguanische Regierung mittlerweile wegen ihres Lieblingsprojekts ist, zeigt das Urteil eines Militärgerichts. In der vergangenen Woche wurde ein Militärarzt verurteilt, weil es sich kritisch über den Kanalbau und den Einsatz der Streitkräfte gegen Demonstranten geäußert hatte. Dem Mann drohen bis zu zwei Jahre Haft. (dmz/dpa/ds)