Sechs Monate nach Iguala: Nichts ist, wie es war

 

Kerzen brennen für die vermissten Studenten während einer Gedenkveranstaltung in Tepoztlán (Foto: Daniel Schlicht)

Tixtla, 24. März 2015 – Ein halbes Jahr ist seit dem Massaker an den Studenten vergangen. Die Angehörigen der jungen Leute schwanken zwischen Wut und Resignation. Viele der armen Indio-Familien leben mittlerweile auf dem Gelände der Schule in Ayotzinapa, spenden sich gegenseitig Trost. Ihre Felder bleiben derweil unbestellt.

Von Tonantzin Beltrán und Denis Düttmann

43 Stühle stehen auf dem Basketballfeld des Lehrerseminars „Raúl Isidro Burgos“ in Ayotzinapa – einer für jeden der vor einem halben Jahr verschleppten Studenten. Fotos und Blumen erinnern an José Ángel Navarrete González, Leonel Castro Abarca, Marco Antonio Gómez Molina und all die anderen. „Ich kann die Fotos nicht mehr sehen, sie bringen mich nur zum Weinen. Seit sechs Monaten habe ich meinen Sohn nicht mehr gesehen“, sagt Carmen Cruz. «“s ist ein Alptraum, den ich niemandem wünsche.“ Auch ihr Sohn Jorge Aníbal Cruz Mendoza ist unter den Opfer eines der schwersten Verbrechen der jüngeren mexikanischen Geschichte.

Polizisten hatten am 26. September in Iguala in Guerrero die Studenten entführt und der kriminellen Organisation „Guerreros Unidos“ übergeben. Mehrere Bandenmitglieder räumten ein, die jungen Leute getötet zu haben. Ihre Leichen wollen sie auf einer Müllkippe mit Diesel übergossen und verbrannt haben. Die Ermittler fanden lediglich Asche und einige Knochenreste, die immer noch an der Universität in Innsbruck untersucht werden.

Das mutmaßliche Massaker warf ein Schlaglicht auf die engen Kontakte zwischen Sicherheitskräften, Politikern und Drogenkartellen in Teilen Mexikos. Das Bürgermeisterehepaar von Iguala soll das Verbrechen in Auftrag gegeben haben. Rathauschef José Luis Abarca wollte anscheinend verhindern, dass die linksgerichteten Studenten eine Kundgebung seiner Frau störten. María de los Ángeles Pineda Villa stammt aus einem Drogenhändlerclan und soll die Finanzen der „Guerreros Unidos“ verwaltet haben.

Die Angehörigen der Opfer schwanken zwischen Wut und Resignation

Die Generalstaatsanwaltschaft erklärte Ende Januar alle Studenten für tot. Eindeutig identifiziert ist bislang allerdings erst ein Opfer. Die Angehörigen hegen Zweifel an der offiziellen Version des Tathergangs. Mittlerweile untersucht ein internationales Expertenteam im Auftrag der Interamerikanischen Menschenrechtskommission den Vorfall. Immer wieder gehen die Familien auf eigene Faust auf die Suche nach den Entführten. Sie glauben, dass die Studenten noch am Leben sind.

Die Angehörigen der Opfer und Kommilitonen aus dem Lehrerseminar schwanken zwischen Wut und Resignation. In Ayotzinapa werden vor allem Studenten aus armen Indio-Familien zu Lehrern ausgebildet. Seitdem ihre Söhne verschleppt wurden, leben viele Familien auf dem Gelände der Hochschule. Sie spenden sich gegenseitig Trost und organisieren Protestaktionen. Unterdessen bleiben ihre Felder unbestellt. Viele Angehörige haben finanzielle und gesundheitliche Probleme.

Nicht nur die Eltern bangen um ihre Söhne. Einige der verschleppten Studenten hatten bereits selbst Kinder. Die neunjährige America verkauft vor dem Haus ihrer Familie in der Ortschaft Tixtla Süßigkeiten. Manchmal geht sie mit ihrer Familie auf Demonstrationen. Sie wolle, dass ihr Vater José Ángel Campos Cantor lebend zurückkomme, sagt sie.

Derzeit sind zahlreiche Angehörige der Entführten in den USA unterwegs, um auf das Schicksal der Studenten aufmerksam zu machen. „Nach Iguala ist nichts mehr, wie es einmal war, für niemanden“, sagt der Anwalt Manuel Olivares, der die Familien von Ayotzinapa berät. „Der mexikanische Staat muss Verfassungsreformen verabschieden und einen echten Plan zur Suche nach den Verschleppten ins Werk setzen, um sicherzustellen, dass sich das niemals wiederholt.“ (dmz/dpa/ds)