Hacken für einen guten Zweck

Beim “Migrahack México” entwickeln IT-Experten, Journalisten, Fotoreporter und Sozialaktivisten digitale Projekte rund um das Thema Migration

Von Sonja Peteranderl

Mexiko-Stadt, 5. April 2014 – Elektromusik dröhnt durch den Saal, mehrere Dutzend Männer und Frauen sitzen an langen Tischen, tippen in ihre Laptops, brüten über Tabellen. Sie diskutieren, wie sich Migration am besten visualisieren lässt, wo sich Daten über entführte Migranten, Informationen zu Massengräbern oder Abschiebungen finden lassen. Und welche Geschichten sich hinter Statistiken verbergen.

180 Sozialaktivisten, Journalisten, Fotografen, Programmierer und Designer treffen sich an diesem Wochenende an der Universidad Iberoamericana in Mexiko-Stadt, um gemeinsam Projekte zum Thema Migration zu kreieren – und mit Daten, virtuellen Karten und freier Multimedia-Software zu experimentieren.

Claudia Núñez, 38, hat sich das Veranstaltungsformat ausgedacht, das Technikwissen mit gesellschaftlichen Anliegen vereint. 2012 hat sie den Hackathon nach Los Angeles gebracht, 2013 nach Chicago, jetzt nach Mexiko-Stadt.

Kampf gegen die Monotonie

Der “Migrahack” soll Migrationsthemen sichtbarer machen, Geschichten mit Datenmaterial anreichern und neue Perspektiven eröffnen. “Das Problem bei der Berichterstattung über Migration ist oft die fehlende Glaubwürdigkeit”, sagt Núñez, die als Journalistin selbst sieben Jahre lang über Migration und die Grenzregion berichtet hat.

Der “Migrahack” ist für sie auch ein Kampf gegen die Monotonie: Viele Journalisten würden immer dieselben Geschichten und Klischees reproduzieren, wie die Toten in der Wüste von Arizona oder Abschiebungen. “Warum erzählen wir nicht die gesamte Realität – die Daten sind doch da?”, so Núñez.

Auch Oscar Martínez, Investigativreporter und Autor von “Los migrantes que no importan” kritisiert, dass viele Reporter schnell zur Zugstrecke eilen, ein Interview mit einem Durchreisenden führen, und denken, die Arbeit wäre getan – “Das hilft gar nichts.” Und die meisten Artikel über Migration würden sich auf “La Bestia” beziehen, dabei reisen Martínez zufolge nur 17 Prozent der Migranten mit dem Zug durch Mexiko.

Der Rest bleibt unsichtbar – und der Kontext fehlt: die Kartelle, die Migranten zunehmend als Geschäft begreifen, die mangelnde Unterstützung des Staates, die Polizeigewalt, die Familien, die zurückbleiben oder die Herausforderung, sich nach einer Abschiebung aus den USA wieder zu integrieren.

Es existieren zwar zahlreiche Informationen über Migration, doch sie sind verstreut, bei staatlichen oder sozialen Organisationen, den Herbergen für Migranten oder Journalisten. Auch vage Schätzungen, Dunkelziffern und unterschiedlichste Erhebungsmethoden verschleiern die Realität.

In Workshops am Eröffnungstag des “Migrahacks” konnten die Teilnehmer mit Multimedia-Software, Google Fusion oder Animationstools experimentieren. Nun haben sie ein Wochenende Zeit, um in Teams digitale Projekte zu erstellen.

Sie zeigen, was mit abgeschobenen Kindern passiert, verfolgen die Toten aus Massengräbern zurück, visualisieren die Routen der Migranten oder präsentieren, wie der Besitz von abgeschobenen Migranten in den USA beschlagnahmt wird. Es gehe nicht darum, beim “Migrahack” drei Wochen lang an riesigen Projekten herumzutüfteln, so Veranstalterin Claudia Núñez – sondern um Ergebnisse in kurzer Zeit. “Der Migrahack kann ein erster Schritt sein.”

“Etwas zurückgeben”

Die IT-Experten und Designer sind beim “Hackathon” noch in der Minderheit. In den USA sei die Hackergemeinschaft, die sich für gesellschaftliche Themen einsetzt, größer als in Mexiko. “Es ist eine tolle Gelegenheit, für einen guten Zweck zu hacken statt für eine Firma”, findet  Núñez.

Fernando Sancen ist einer der IT-Experten, die ihre Kenntnisse beim Migrahack einbringen. Der 34-Jährige ist Datenanalyst, arbeitet für Unternehmen, Banken. Migration war bisher keines seiner Fachgebiete. “Ich will etwas von dem, was ich gelernt habe, weitergeben”, sagt Sancen. Und er findet die Workshops spannend – und will möglichst viele andere Teilnehmer kennenlernen.

Auch José Miguel wusste bisher nichts über Migration. “Es ist interessant, weil es um Datenanalyse geht und der Migrahack ist eine gute Möglichkeit, um meine Perspektiven zu erweitern”, so der 23-jährige IT-Student.

Claudia Núñez glaubt, dass der Hackathon viele inspiriert, auch nach dem Wochenende mit digitalen Tools wie virtuellen Karten zu arbeiten. “Wenn du einmal weißt, wie eine Mappe oder eine Grafik interaktiv produziert wird, kostet es dich nicht mehr als eine Stunde”, so Núñez. (dpa/sip/hl)

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