In den Fängen der Zivilisation: Wie die Ureinwohner Perus ums Überleben kämpfen

 

Eine Gruppe des Nanti-Stamms in Peru (Foto: Unbekannt/Survival International)

Lima, 14. Mai 2015 – Tief im peruanischen Amazonas hat die Steinzeit überlebt. Dort leben indigene Völker in völliger Abgeschiedenheit, keiner von ihnen hat je ein Auto oder auch nur eine Kutsche gesehen. Doch die Existenz der Völker ist bedroht. Immer öfter geraten Stammesmitglieder in Kontakt mit der modernen Zivilisation – mit fatalen Folgen. Die Regierung verspricht Hilfe, billigt aber zugleich die Zerstörung ihres Lebensraums.

Von Daniel Schlicht

Es gibt wahrlich nicht viele Orte auf der Erde, die dem Siegeszug der Zivilisation entkommen sind. Einer der wenigen, in denen Straßenlärm und Tourismus zumindest teilweise noch fern sind, ist der Regenwald des Amazonas. Er zählt heute zu den wichtigsten Rückzugsorten für die letzten indigenen Völker Südamerikas, die seit Jahrhunderten in völliger Abgeschiedenheit leben. Im Amazonasbecken in Peru gibt es schätzungsweise noch 15 isoliert lebende Stämme, darunter die Cacataibo, Isconahua, Matsigenka, Mashco-Piro, Mastanahua, Murunahua (oder Chitonahua) sowie Nanti und Yora.

Allerdings ist auch ihr Überleben bedroht. Immer häufiger kommen Stammesmitglieder in Kontakt mit der modernen Zivilisation – mit fatalen Folgen. Am 1. Mai hatte es zuletzt einen tragischen Zwischenfall in Peru gegeben. Eine Gruppe des indigenen Stamms Mashco-Piro bahnte sich den Weg durch den Regenwald zu einer Farm in der Siedlung Shipetiari. Dabei trafen sie auf einen Dorfbewohner. Die Indios hielten den jungen Bauern für einen Feind – und attackierten ihn mit Pfeilen. Der 20-Jährige überlebte den Angriff nicht.

Die peruanische Regierung schickte ein Spezialteam aus Ethnologen, angeführt vom Direktor für die Rechte indigener Völker, in die Region am Rio Madre de los Dios, um die Lage vor Ort zu stabilisieren. Wie das Ministerium für Interkulturalität in Peru schreibt, sind die Geschehnisse am 1. Mai bei Weitem kein Einzelfall. Derzeit würden beinahe täglich indigene Einwohner, die eigentlich in völliger Isolation leben, außerhalb ihrer Siedlungen gesichtet. Normal seien lediglich drei bis vier Sichtungen im Jahr.

Isoliert lebende Stämme suchen normalerweise keinen Kontakt zur Außenwelt

Gemeinsam mit lokalen Anführern und indigenen Organisationen soll nun eine Lösung gefunden werden, wie die isoliert lebenden Völker in der Region besser geschützt werden können – und auch die umliegenden Dorfbewohner. Die Shipetiaris sind selbst ein indigener Volkstamm, haben jedoch bereits diverse Aspekte der westlichen Kultur adaptiert, von der spanischen Sprache über das Tragen moderner Kleidung bis hin zu Landwirtschaftstechniken. Man überlege nun unter anderem, die Siedlung der Shipetiaris vorübergehend zu evakuieren und die Menschen an einem weiter entfernten Ort unterzubringen, um weitere Kontakte mit isoliert lebenden Indigenen zu vermeiden.

Die Tatsache, dass Mitglieder der isolierten Stämme überhaupt vermehrt in Kontakt mit der Außenwelt geraten, gibt jedoch Anlass zur Sorge. Wie die Menschenrechtsorganisationen „Survival International“ schreibt, sind die meisten indigenen Stämme Nomaden. Das heißt, je nach Regenzeit oder Trockenzeit wandern sie zu den für sie günstigsten Plätzen nahe oder fern vom Wasser. Allerdings verlassen isoliert lebende Stämme normalerweise freiwillig nicht ihren Lebensraum. Bei den wenigen, bislang beobachteten Aufeinandertreffen mit der Zivilisation machten Stammesmitglieder immer wieder – teils aggressiv – klar, allein gelassen werden zu wollen. Und das aus gutem Grund.

Seltene Aufnahme von Mitgliedern des Indio-Stamms der Mashco-Piro auf einer Sandbank im Manú National Park (Foto: Jean-Paul van Belle/Survival International)

Eingeschleppte Krankheiten und Gebietsverluste bedrohen indigene Völker

In der Vergangenheit haben Eindringliche immer wieder Gewalt und Tod über isoliert lebende Stämme gebracht. Dabei geht die größte Gefahr für die isoliert lebenden Völker von unseren Zivilisationskrankheiten aus. Eine einfache Grippe oder Masern können einen halben Stamm das Leben kosten, da das Immunsystem der Menschen sie nicht vor eingeschleppten Krankheiten schützt.

Hinzu kommen die territorialen Gefahren. Laut einem Bericht der Interamerikanischen Menschenrechtskommission aus dem vergangen Jahr 2014 sind den Indios zwar insgesamt Schutzgebiete von insgesamt mehr als neun Millionen Hektar eingeräumt worden, allerdings werden sie nicht konsequent respektiert. „Survival International“ berichtet immer wieder von Indios aus Peru, die wegen Eindringlingen über die Grenze nach Brasilien fliehen müssen.

Ein schwerwiegender Grund liegt in der Wirtschaftspolitik des südamerikanischen Landes. Laut „Survival International“ hat die peruanische Regierung bereits etwa 70 Prozent des Amazonasgebietes an Ölkonzerne veräußert. Viele der Flächen schließen auch – die eigentlich geschützten – Reservate der indigenen Einwohner ein. Sind erst einmal Bäume gefällt und Straßen gebaut, bahnen sich bald nicht nur Ölarbeiter, sondern auch andere Siedler, illegale Holzfäller und Drogenschmuggler den Weg zu den isolierten Völkern, wie die Menschenrechtler fürchten.

Wie begründet die Sorge ist, zeigt ein Blick zurück. Anfang der 1980er Jahre begann der Mineralölkonzern Shell erstmals damit, Bohrungen im peruanischen Regenwald anzustellen. Die Erkundungsarbeiten führten zum Kontakt mit dem in Isolation lebenden Stamm der Nahua. Durch Nahrungsknappheit und eingeschleppte Krankheiten von Ölarbeitern starben innerhalb weniger Jahre mehr als die Hälfte der indigenen Einwohner.

Peruanische Regierung billigt Gasförderung im Schutzgebiet der Indios

Im Jahr 2000 gestatte die peruanische Regierung erneut Bohrungen auf dem Land der Nahua. Seitdem arbeitet ein Konsortium aus Firmen unter der Leitung von Argentine Pluspetrol an der Ausweitung des „Camisea“-Großprojekts zur Gasförderung. Es ist Perus größtes Gasfeld, mitten im Amazonas, und mitten im Reservat von isoliert lebenden indigenen Völkern, darunter die Nahua und Matsigenka-Indianer. Die Vereinten Nationen riefen die peruanische Regierung auf, die Ausweitung des „Camisea“-Projekts „umgehend zu stoppen“, da sie um die Zerstörung des Lebensraums der indigenen Einwohner fürchten. Außerdem sehen sie die Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt des nahe gelegenen Naturschutzgebiets Manú National Park bedroht, der laut der Unesco über die „größte Biodiversität auf Erden“ verfügt.

Geschehen ist seitdem jedoch nichts zum Erhalt des Lebensraums – im Gegenteil. Das peruanische Energieministerium kündigte jüngst gerade an, die Verträge mit dem „Camisea“-Konsortium neu zu verhandeln zu wollen. Energieministerin Rosa Ortíz teilte mit, die Preisrichtlinien für den Export von Gas der bereits gut zehn Jahre alten Verträge neu festsetzen zu wollen. Dem peruanischen Staat gingen ansonsten „Millionen von Dollar verloren“. Von Schutzmaßnahmen für die indigenen Reservate verlor die Ministerin kein Wort. (dmz/ds/hl)

Der Lebensraum der Shipitiari-Gemeinde am Rio Madre de Dios, wo es Anfang Mai zu einem Zwischenfall mit isoliert lebenden Indigenen kam (Karte: Ministerium für Interkulturalität Peru)